weltverbesserer Machen Wo fängt eigentlich Stigmatisierung an?

Wo fängt eigentlich Stigmatisierung an?

Foto: CC0 Public Domain / Unsplash - Ekaterina Bolovtsova

Wie ernst eine Krankheit ist, zeigt sich oft auch daran, wie Kollegen und Freunde darauf reagieren – und wie die Gesellschaft als Ganzes damit umgeht. Das wird gerade jetzt deutlich.
Und so werfen die letzten Monate auch die Frage auf: Wo beginnt eigentlich die Stigmatisierung von Erkrankten und wie sieht ein gesundes Miteinander aus?

Im Fall von Corona ist die Gemengelage sehr komplex. Denn es geht nicht nur um die Frage, wie wir mit Betroffenen umgehen, sondern auch darum wie man jenen begegnet, die besonders gefährdet sind. Aus der Sicht von sechs Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur könnte ein Schutz von Risikogruppen zum Beispiel so aussehen: „Gleichbehandlung nach dem Grundgesetz kann auch bedeuten, Ungleiches ungleich zu behandeln, also sachliche Unterschiede zu berücksichtigen“, schrieben unter anderem der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh, der Virologe Alexander Kekulé und der Philosoph und Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin im April 2020 in einem Debattenbeitrag im Spiegel.

Der zentrale Punkt des Textes, mit dem sie für einen schnellen Weg aus dem Lockdown plädierten: Man müsse dafür Sorge tragen, Risikogruppen zu schützen, um die Gesellschaft wieder öffnen zu können. Und obwohl sie dabei betonten, dass es dabei nicht um diskriminierende Zwangsmaßnahmen für ältere oder vorerkrankte Menschen gehen solle, begleitet diesen „Appell an die Politik“ ein klares Dilemma – und die Frage: Wo beginnt eigentlich Stigmatisierung in Zeiten von Corona?

Wichtig zu erkenne ist, dass diese wichtige Frage nicht automatisch ein Problem für unsere Gesellschaft zur Folge haben muss. Im Gegenteil: Sie hilft uns dabei, dass wir die Mechanismen von Stigmatisierung verstehen – und mit diesem Wissen anders handeln und für ein besseres Miteinander sorgen können. Es ist im Prinzip ganz einfach.

Worum geht es eigentlich?

Mit Stigmatisierung wird in der Soziologie eine negative Abweichung von der gesellschaftlichen Norm beschrieben. Sie beruht auf der Bewertung von Merkmalen, durch die sich eine Person oder Gruppe auf unerwünschte Weise vom Rest der Gesellschaft unterscheidet – und aufgrund derer sie von vollständiger sozialer Anerkennung ausgeschlossen wird. Man könnte also sagen, dass Stigmatisierung immer auch etwas mit Ausgrenzung zu tun hat. Und sie bedeutet weitreichende Konsequenzen nicht nur für die Betroffenen, sondern für den Charakter einer ganzen Gesellschaft.

Es ist nicht so, dass dies ein neues Thema wäre. Gerade in Verbindung mit Gesundheitsthemen ist soziale Stigmatisierung schon lange eine große Herausforderung. Körperliche Behinderungen sind dafür ebenso prägnante Beispiele wie psychische Erkrankungen. Oder auch: Der Umgang mit HIV. In einer Studie mit HIV-Positiven beschrieb etwa die Deutsche AIDS-Hilfe 2011 unter anderem, dass rund drei Viertel der Befragten in den Monaten davor Diskriminierung aufgrund HIV erfahren hätten. Und mehr als 40 Prozent berichteten, dass sie dadurch ein niedriges Selbstwertgefühl gehabt hätten – die Stigmatisierung sei verinnerlicht worden. „Eine HIV-Infektion ist ja nicht einfach nur ein Krankheitsbild, es ist ein Stigma“, sagt der selbst infizierte Fotograf Christopher Klettermayer in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“.

Es ist naheliegend, dass solche Mechanismen auch in Folge der Corona-Pandemie greifen können. Aber das muss nicht sein. Denn zum Glück gibt es auf Basis der Erfahrungen mit Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber auch durch die Erforschung von Ausgrenzung aufgrund von HIV bereits Konzepte, wie eine Gesellschaft darauf reagieren kann. Und UNICEF, WHO und die weltweite humanitäre Hilfsorganisation IFRC sind bereits einen Schritt weiter und haben ein gemeinsames Dokument zur sozialen Stigmatisierung in Zusammenhang mit COVID-19 veröffentlicht.

Stigmatisierung – was ist das Problem?

Das Dilemma ist, dass sich die Ausbreitung des Corona-Virus eigentlich nur durch ein Prinzip verlangsamen lässt, solange es keinen Impfstoff gibt: Soziale Distanz, wobei räumliche Distanz eigentlich der bessere Begriff wäre. Wenn wir also alle zu jedem Zeitpunkt darauf achten, dem Virus keine Möglichkeit zur Übertragung zu geben, dann gewinnen wir wertvolle Zeit in der Suche nach medizinischen Lösungen. Und halten die Intensivbetten in den Krankenhäusern für die Menschen frei, die ebenfalls Hilfe brauchen.

Interessanterweise wird der Begriff der sozialen Distanz aber auch in der Soziologie genutzt, um das Ausmaß von Stigmatisierung festzustellen. Die Frage dabei: Wie groß ist die erwünschte soziale Distanz zu jemandem mit spezifischen Stigmatisierungsmerkmalen? Es wird also durchaus problematisch, wenn laut darüber nachgedacht wird, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen besonders zu schützen, vielleicht sogar in Quarantäne zu nehmen, während der Rest der Gesellschaft wieder hochgefahren wird.

Wir stigmatisieren, ohne es zu bemerken

Um das besser zu verstehen, hilft es eine andere Perspektive einzunehmen. Zum Beispiel die von Barbara Stolterfoht. Sie war früher hessische Staatsministerin für Frauen, Arbeit und Sozialordnung. Heute ist sie 80 Jahre alt, schwer krank und damit Risikogruppe in Zeiten von Corona. Angesichts solcher Überlegungen fühle sie sich „auf einen Schlag nicht mehr dieser Gesellschaft zugehörig. Sondern verbal ausgegrenzt, lästig geredet“, schreibt sie in einem Protokoll im Online-Magazin „Krautreporter“.  Das Beispiel zeigt: Stigmatisierung muss nicht mit automatisch mit bösen Absichten einhergehen, aber sie geschieht schneller, als wir es uns manchmal bewusst machen.

Ein Problem, aber das bekommen wir hin. Denn es geht schließlich auch anders. Das Corona-Virus betrifft uns alle, egal ob man jünger oder älter ist, gesund oder erkrankt – und Solidarität ist das Bindeglied. Ein Symbol dafür: Als sich die Situation in Deutschland verschärfte, poppten überall unter dem Hashtag #Nachbarschaftschallenge Hilfsangebote für Menschen in der Umgebung auf. In Ländern auf der ganzen Welt sangen und klatschten Menschen auf den Balkonen gemeinsam gegen die Isolation an. Weniger „Ich“ und mehr „Wir“ – genau dieser Spirit ist im Umgang mit Erkrankten wichtig.

Am ehesten geschieht Stigmatisierung durch die Ausgrenzung von Menschen, die mit dem Corona-Virus infiziert sind – oder es waren. Denn die gesellschaftliche Beobachtung von COVID-19 folgt einem Reflex, die Krankheit als das Problem der anderen zu verorten, zumindest bis man selbst davon betroffen ist, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Berit Uhlmann in der „Süddeutschen Zeitung“: „Oft wird dann betont, dass die Krankheit auch Frauen, Kinder und Alte trifft, gemeint ist damit: die Unschuldigen. Und so dient dieser alte Reflex vor allem dazu, mit dem Finger auf angeblich Schuldige zu zeigen.“

Ein Reflex, den sich in der Krise auch Politiker wie Donald Trump zunutze machen, wenn sie vom „chinesischen Virus“ sprechen. In Teilen des afrikanischen Kontinents Afrika kursiert der Begriff „Krankheit der Weißen“. Und in Deutschland sehen sich vermeintlich leichtsinnig Infizierte gesellschaftlicher Stigmatisierung ausgesetzt, wie zum Beispiel der sich aus Furcht nur anonym zu Wort meldende Teilnehmer einer Karnevalssitzung im Februar, die als einer der Ausgangspunkte der Corona-Verbreitung in Westdeutschland gilt: „Freunden mit dem Kennzeichen HS wurde neulich in Aachen einfach das Auto zerkratzt, nach dem Motto – haut ab! Man wird stigmatisiert.“

Wie alltäglich diese Stigmatisierung zwischen Furcht und Unwissenheit aber auch aussehen kann, zeigt der Fall von des Südkoreaners Park Hyun, der offiziell an Covid-19 erkrankt war und inzwischen als geheilt gilt. In einem Videobetrag spricht er darüber, dass seine Nachbarn Angst vor ihm haben und er im Büro gemieden wird – weil er ja irgendwie ansteckend sein könnte.

„Ein Stigma lässt sich nur schwer wieder beseitigen“, sagt Steven Vertovec, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften.

„Das wird sich vor allem in der Welt nach Covid-19 erweisen, wo viele Menschen direkt unter der Krankheit, dem Verlust ihrer Angehörigen oder des Arbeitsplatzes, unter Unternehmenspleiten, finanzieller Not und familiären Spannungen wegen des Lockdowns gelitten haben werden. Darauf werden viele vermutlich mit Angst und Schuldzuweisungen reagieren.“

 So bekommen wir das in den Griff

Wie also verhalten wir uns alle am besten, damit wir nicht in die Stigmatisierungsfalle geraten? Zuerst einmal sollten wir über die Art und Weise nachdenken, wie wir über COVID-19 kommunizieren.

Wir sollten nicht mehr über „Fälle“ reden, sondern über Menschen, die an der Krankheit erkrankt sind. Und wenn wir etwa von „Seuche“ oder „Isolation“ sprechen, dann bedienen wir uns einer Sprache, die eine negative Bedeutung für die Menschen hat und stigmatisierende Einstellungen schüren kann. Gleiches gilt für schnell weitergeleitete Gerüchte, populistische Perspektiven oder diskriminierende Witze im Rahmen der Corona-Pandemie. Das lässt sich bewusst ändern, wenn man es erst einmal verstanden hat.

Vor allem aber müssen wir uns bewusst machen, wie nötig Empathie in diesen Zeiten ist, dass wir so etwas wie eine kollektive Achtsamkeit brauchen. Der Weg aus den Stigmatisierungsmechanismen ist ein gemeinsames Projekt mit den Menschen, die es betrifft. Lasst es uns starten.