weltverbesserer Leben 30 Jahre Deutsche Einheit: Wie einig sind wir uns als Gesellschaft eigentlich?

30 Jahre Deutsche Einheit: Wie einig sind wir uns als Gesellschaft eigentlich?

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30 Jahre Deutsche Einheit – und jedes Jahr die gleiche Frage: Wie geeint sind wir denn nun? Eine Frage, die wir im Jahr 2020 nicht nur auf Ost und West beziehen können. Denn gerade bei den bekannten Reizthemen scheint es manchmal so, als wäre unsere Gesellschaft in alle Richtungen von tiefen Gräben durchzogen. Aber ist das abseits lautstarker Polarisierungen wirklich so? Vielleicht sind wir uns im Grunde als Gesellschaft viel einiger und müssen nur ein wenig daran arbeiten.

Was kann Deutschland im Jahr 2020 also einen? Nun, manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten und so eine Sache mit etwas größerem Fokus zu betrachten. Die Frage nach Konsensthemen in der deutschen Gesellschaft lässt sich auf diese Weise schnell beantworten – denn sie verbergen sich hinter vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, an die wir uns längst gewöhnt haben.

Unsere Staatsform ist ein Beispiel dafür. Auf die Frage, ob eine Demokratie eine gute Regierungsform ist, würden wohl sehr viele mit einem klaren Ja antworten. Schließlich ermöglicht sie es uns, unser politisches und gesellschaftliches Leben mitzugestalten. In einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt im vereinten Deutschland bezeichnet die Mehrheit der Befragten „Demokratie“ als charakterisierend für Deutschland (okay, Spitzenreiter ist dort trotzdem der Begriff „Fleiß“ mit rund 80 Prozent Zustimmung).

Schriftzug aus Metall Universität
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Konsens ist keine Selbstverständlichkeit

Eine ähnliche Selbstverständlichkeit, in der wir uns im großen Rahmen weitgehend einig sein dürften: Der in Deutschland freie Zugang zu Bildung, der die Chancengleichheit in der Gesellschaft erhöht und daher nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Im Gegenteil, es gibt sogar das Bedürfnis nach mehr einheitlicher Regelung: Im Bildungsbarometer 2020 des Umfrageinstituts ifo sprachen sich 60 Prozent der Deutschen dafür aus, dass die Bundesregierung künftig Entscheidungsgewalt für bildungspolitische Fragen bekommen soll, die bislang bei den Ländern liegt.

Oder das deutsche Gesundheitssystem, das allen Bürgerinnen und Bürgern medizinische Versorgung ermöglicht – eine konsensfähige Errungenschaft des Sozialstaatsprinzips. Und man muss nur mal in die USA blicken, um zu verstehen, dass dieser Konsens keine Selbstverständlichkeit ist. Dort streiten die politischen Lager tatsächlich seit Jahren erbittert um die von US-Präsident Barack Obama eingeführte Gesundheitsreform, obwohl der „Patient Protection and Affordable Care Act“ Millionen Menschen endlich eine erschwingliche Krankenversicherung ermöglicht.

Erst Solidarität, dann Streit

Doch auch hierzulande muss man nicht lange nach Themen suchen, bei denen sich die Gesellschaft offensichtlich entzweit. Die Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre zum Beispiel – und neuerdings auch die Corona-Maßnahmen. Denn obwohl sowohl die Situation der Geflüchteten als auch der Beginn der Pandemie im ersten Moment von deutlichen Solidaritätswellen geprägt waren, war diese vermeintliche Einigkeit von kurzer Dauer und wurde von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen überdeckt, deren Ursachen vermutlich in ganz anderen Bereichen liegen.

Wie unter einem Brennglas lasse Corona bereits bestehende soziale Verwerfungen noch deutlicher zum Vorschein kommen, sagt Kai Unzicker, der für die Bertelsmann Stiftung gesellschaftlichen Zusammenhalt untersucht: „Wer vorher schon benachteiligt gewesen ist, für den stellt sich die Lage in der Krise noch schwieriger dar.“  

Brandenburger Tor
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Lösungen für einzelne Konfliktzonen suchen

Auffällig ist, dass es sich bei diesen Problemfeldern nicht generell um Ost-West-Konflikte als Folge einer holprigen Wiedervereinigung handelt, sondern um Themen, die in ganz unterschiedlichen Trennlinien durch die Gesellschaft laufen.

Dazu passt die These des Zeit-Redakteurs Jochen Bittner, der in seinem Buch „Zur Sache, Deutschland!“ Konfliktzonen beschreibt, aus denen heraus gesellschaftlicher Streit entsteht – und die Teilung zwischen Ost und West seiner Meinung nach nur eine davon ist. Zusätzlich definiert er zum Beispiel das Spannungsfeld zwischen „Globalisten“ und „Nativisten“, in dem es im Kern um den Grad der Weltoffenheit geht, die Spaltung zwischen Arm und Reich sowie eine mediale Spaltung der Gesellschaft in Folge der Digitalisierung. Sein Ansatz: Wenn wir die Problemfelder nüchtern analysieren und in der Folge nach Lösungen für diese Bereiche suchen, dann wäre das ein großer Schritt hin zu einer geeinten Gesellschaft.

Doch andererseits kann es gar nicht darum gehen, in allen gesellschaftlichen Konflikten zu einem Konsens zu kommen. Im Gegenteil: Uneinigkeit muss an sich kein schlechtes Zeichen sein. Denn widersprüchliche Meinungen und die Möglichkeit, diese auch in den Diskurs einzubringen, sind ein Zeichen für eine offene Gesellschaft. Man könnte daher sogar sagen, dass Streit in der Gesellschaft ein positiver Aspekt ist.

Wir sollten also ruhig ein wenig Mut zur Uneinigkeit haben. Die Frage ist vielmehr, wie wir es schaffen, besser und entspannter mit dieser Uneinigkeit zu leben und darüber zu diskutieren, ohne in Hass, Zorn, Wut, Ablehnung und Ignoranz zu verfallen. Dass wir uns darüber mal einig werden, das wäre ein weiterer großer Fortschritt.

Verzerrtes Bild durch laute Proteste erkennen

Meistens funktioniert das vermutlich auch. Nur nehmen wir die polarisierenden Momente stärker wahr als konstruktive Diskurse. Wenn also ein paar Dutzend Menschen mit Reichskriegsflaggen in einer ohnehin gesellschaftlich aufgeladenen Situation wie den Protesten gegen Corona-Maßnahmen die Stufen vor dem deutschen Parlament besetzen, sind das Bilder mit einer extremen Symbolik. Aber am Ende handelt es sich um eine Aktion von politischen Randgruppen, die durch ihre mediale Verbreitung dieser Bilder lauter sind als die stille Masse, die Demokratie als Bindeglied der Gesellschaft versteht.

Das wird noch deutlicher, wenn man sich die Zahlen in Relation ansieht. Wenn in einem Land mit 83 Millionen Einwohnern mehrere Tausend Menschen auf die Straße gehen, dann ist das zwar ein Zeichen, dass es gesellschaftlichen Konfliktstoff gibt, aber eben nicht, dass alle an diesem Konflikt teilnehmen. Bezeichnenderweise präsentiert sich die Gesellschaft zum Beispiel in Bezug auf die Corona-Maßnahmen überraschend einig: Laut der monatlichen Erhebung des ARD-Deutschlandtrend durch das Umfrageinstitut infratest dimap gaben im August 2020 nur elf Prozent der Befragten an, dass Ihnen die Maßnahmen zu weit gingen. Der Rest bezeichnete sie überwiegend als ausreichend oder sogar nicht weitgehend genug.

Zwei sich schüttelnde Hände
Foto: CCO Public Domain / Unsplash – Charles Deluvio

Wie bekommen wir die verschiedenen Seiten an einen Tisch?

Trotzdem ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass unsere Gesellschaft an vielen Stellen vor massiven Herausforderungen steht. Es wäre daher schon ganz gut, an einem Strang zu ziehen, um diese zu bewältigen.

Ein erster Schritt dazu könnte durchaus sein, bewusst die Lautstärke aus den Streitthemen zu nehmen. Also die leisen 90 Prozent zu mehr Sichtbarkeit zu ermutigen und damit in manchen Konfliktzonen die gesellschaftlichen Gräben zu relativieren, die wir bislang eigentlich als gegeben sahen. Und die übrigen zehn Prozent ernsthaft in den Diskurs einbinden, denn sie benennen schließlich Punkte, die einer Klärung bedürfen.

Dafür braucht es natürlich Anstrengungen von vielen Seiten. Zuerst einmal einen verantwortungsvollen Journalismus, der zwar kritisch, aber ausgeruht und ohne Sensationslust die Gesellschaft begleitet. Aber wir müssen natürlich auch alle an unserer Nachrichtenkompetenz arbeiten und lernen, Informationen und ihre Quellen besser einordnen zu können.

Und nicht zuletzt müssen wir auch hart an unserer Fähigkeit einer positiven Streitkultur arbeiten. Im englischen Sprachraum ist ein Ausdruck verbreitet, der sehr gut sagt, worum es geht: „We agree to disagree“ – „Wir stimmen überein, dass wir unterschiedlicher Meinung sind.“ Auch das ist eine Art von Einigkeit.