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Urban Farming: So wächst unsere Nahrung der Zukunft

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Die Weltbevölkerung wächst und laut Statistiken lebt bereits mehr als die Hälfte davon in Städten. Modellberechnungen der UNO zufolge werden es bis 2050 sogar mehr als zwei Drittel sein. Diese Menschen, also die meisten von uns, mit frischen, gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen, ist eine große Herausforderung. Wir wollten wissen, wie die Nahrung unserer Zukunft wächst und haben uns dazu das Konzept des Urban Farming angeschaut.

Der bisherige Weg, Gemüse, Obst und andere Feldfrüchte in großen Monokulturen weit weg von den Städten anzubauen, hat sich als ökologisch weniger sinnvoll erwiesen. Und gerät an seine Grenzen. Die Lösung könnte Urban Farming liefern – die Landwirtschaft in der Stadt.

Urban Farming verkürzt die Transportwege, schont Ressourcen und reduziert den Wasserverbrauch. Verschiedene Konzepte optimieren den Ertrag und helfen, den Platz in der Stadt bestmöglich auszunutzen. Die Landwirtschaft in der Stadt könnte auch dazu beitragen, den Zugang zu frischen, oft sogar biologisch angebauten Lebensmitteln für alle Menschen zu vereinfachen. Und damit einen Beitrag zur Bekämpfung von Wohlstandskrankheiten wie Adipositas oder Diabetes leisten. Urban Farming ist also ein vielversprechendes Konzept für unsere Nahrung der Zukunft, das wir hier näher vorstellen wollen.

Beet mit Kräutern
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Was ist eigentlich „Urban Farming“?

Der Begriff „Urban Farming“, also Landwirtschaft in der Stadt, ist selbsterklärend. Nachdem im 19. Jahrhundert die Anbauflächen für Gemüse und andere Lebensmittel aus dem städtischen Raum verschwanden, kehren sie nun wieder dorthin zurück – wenn auch in etwas anderer Form.

Die Grenze zum Urban Gardening ist dabei fließend, da beides die Kultivierung von Nutzpflanzen in der Stadt bezeichnet. Am ehesten lässt sich das noch an der Größenordnung festmachen: Wo Urban Gardening vornehmlich dem Eigenbedarf dient, sollen die Erzeugnisse des Urban Farming vermarktet werden und eine größere Gruppe an Menschen versorgen können.

Um das gewährleisten zu können, müssen die „Stadtbauern“ neue Wege suchen, denn große freie Flächen sind in der Stadt rar. Eine Möglichkeit ist das Ausweichen in die Höhe. Beim sogenannten „Vertical Farming“ werden leerstehende Gebäude in Gewächshäuser verwandelt und das Gemüse auf mehreren Stockwerken übereinander angebaut. Andere Modelle nutzen aufgelassene Fabrikgelände und Werkshallen als Anbauflächen, in London wird Urban Farming sogar in alten Bunkern betrieben. Bewässert wird über einen geschlossenen Kreislauf, der nur wenig zusätzliches Wasser von außen braucht. Das von den Pflanzen benötigte UV-Licht liefern LED-Lampen, entweder zusätzlich zum Tageslicht, oder ausschließlich. In letzterem Fall spricht man auch von „Indoor Farming“.

Ein Sonderfall des Urban Farming ist die Aquaponik, eine Kombination aus Pflanzen- und Fischzucht. Das Wasser aus den Fischtanks fließt dabei in einem geschlossenen System durch die Gemüsekulturen. Die Pflanzen filtern die Ausscheidungen der Fische aus dem Wasser, nutzen sie als Dünger und versorgen so die Fische laufend mit gereinigtem, frischem Wasser.

Lies dazu auch: Gesunde Ernährung: Diese Sätze hindern uns daran, gesund zu essen

Vor- und Nachteile von Urban Farming

Landwirtschaft in die Stadt zu verlagern, dorthin, wo die Konsumenten leben, verkürzt die Transportwege enorm und hilft damit, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Teilweise kaufen die Kunden „ab Hof“, der problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Durch den Wegfall von Transportzeiten sind die Produkte natürlich auch viel frischer und nährstoffreicher als solche aus dem Supermarkt.

Urban Farming hat aber noch einige weitere Vorteile:

  • Durch den Anbau mit relativ geschlossenen Kreisläufen ist nur sehr wenig Wasserzufuhr von außen notwendig, dieses wird aufbereitet und wiederverwendet. Die Pflanzen brauchen wenig Dünger, da dieser vollständig genutzt werden kann, und nicht im Boden versickert. Auch der Einsatz von Pestiziden ist beim Urban Farming durch die Nutzung von Innenräumen überflüssig.
  • Damit eignet sich Urban Farming ideal für biologische Landwirtschaft, was sich wiederum positiv auf die Qualität der Lebensmittel auswirkt.
  • Anbauflächen auf mehreren Ebenen sparen Platz, der in der Stadt ohnehin Mangelware ist. Eine kleine Grundfläche liefert durch Vertical Farming ein Vielfaches des Ertrags herkömmlicher Anbaumethoden.
  • Durch den nahezu geschlossenen Wasserkreislauf, den Einsatz von künstlichem Licht und die witterungsgeschützten Produktionsflächen sind die Urban Farms unabhängig vom Wetter und der Jahreszeit und können uns das ganze Jahr über mit gesunden Nahrungsmitteln versorgen. Tomaten im Februar kommen dann aus der Nebenstraße und nicht aus Spanien oder noch weiter entfernten Ländern.
  • Die Entstehung von Urban Farms schafft darüber hinaus auch noch zusätzliche Arbeitsplätze in Gegenden, die aufgrund der Abwanderung von Industriezweigen mit strukturellen Problemen zu kämpfen haben, wie etwa in Detroit.
Junge Pflanze wird gezüchtet
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Markus Spiske

Für die Nahrung der Zukunft muss sich noch einiges entwickeln

Bei all den Vorteilen das Urban Farming darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Produktion von Obst und Gemüse in der Stadt auch ein paar nicht unwesentliche Nachteile aufweist. So ist beispielsweise der Energieverbrauch einer vertikalen Farm deutlich höher als im normalen Gemüseanbau, müssen doch Wasserpumpen und Lampen betrieben werden, um die Pflanzen zu versorgen und einen gleichmäßigen Ertrag einfahren zu können.

Was auch gleich zum nächsten großen Kritikpunkt am Urban Farming führt: diese Art von landwirtschaftlicher Produktion ist zu 100 Prozent abhängig von der Stromversorgung. Im Falle einer Netzwerküberlastung oder gar eines Blackouts wäre in kürzester Zeit die gesamte Ernte vernichtet – ein durchaus bedrohliches Szenario auch im Hinblick auf die Versorgungssicherheit.

Zusätzlich ist die Kultivierung in Innenräumen (noch) nicht für jede Art von Obst und Gemüse geeignet. Manche Pflanzen wachsen nicht in Substraten oder Hydrokulturen, wie sie beim Urban Farming üblich sind. Oder die Pflanzenzucht scheitert an einem der Hauptprobleme des Urban Farming: es gibt keine bestäubenden Insekten oder Wetterverhältnisse in den Indoor Farms. Alles muss aufwändig von Hand bestäubt werden, kein Wind und keine Biene hilft hier mit. Nicht alle Gemüsesorten „vertragen“ künstliche Bestäubung, allerdings arbeiten Forscher schon längere Zeit an Systemen, die die Natur hier nachahmen könnten.

Tomaten wachsen im Urbanen Raum
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Städte mit Landwirtschaft: Beispiel für erfolgreiches Urban Farming

Mittlerweile gibt es jedoch schon einige Beispiele, die zeigen, dass Urban Farming nicht nur möglich, sondern auch sehr erfolgreich sein kann. Lest hier ein paar inspirierende Beispiele.

Berlin

In der ECF Farm Berlin, einer Blumenzuchtanlage aus DDR-Zeiten, wird Aquaponik betrieben. Unten im Tank schwimmen die Fische, die fangfrisch verkauft werden, im Gewächshaus darüber werden Kräuter und Gemüse angebaut.

Wien

In Wien hat die Stadtverwaltung den Trend zur städtischen Landwirtschaft erkannt und verschiedene Projekte umgesetzt, wo die Wiener:innen ihr eigenes Gemüse ernten können. Teilweise werden die Projekte von Mitarbeiter:innen der Stadt betreut und es muss nur noch geerntet werden. Teilweise handelt es sich um „Gemeinschaftsgärten“, deren Ertrag in der Gruppe erwirtschaftet und dann auf die Mitglieder verteilt wird.

Paris

Paris setzt auf eine andere Art von Vertical Farming: dort entstand 2020 der weltweit größte „Dachgarten“ als Anbaufläche für Obst und Gemüsen. Bis zu einer Tonne pro Tag sollen die Mitarbeiter:innen in der Farm am Dach in der Hochsaison ernten können.

Montreal

Über den Dächern der Stadt gepflanzt und geerntet wird auch in Montreal. Die städtischen Projekte nutzen Hydroponik-Kulturen und behaupten, dass mit Urban Farms auf 19 Shopping Centern die gesamte Stadt mit frischem Gemüse versorgen könnten.

Shanghai

In Shanghai stehen die ersten Vertical Farms der Welt. 2012 machte das Unternehmen Sky Greens aus der Platznot der Großstadt eine Tugend und errichtete 100 „Farmtürme“ deren übereinander angeordnete Beete mittels komplizierter Hydraulik rotieren und so alle Pflanzen mit ausreichend Sonnenlicht versorgen. Das Projekt war so erfolgreich, dass es derzeit auf bis zu 2000 Türme ausgebaut wird.

London

In eine im wahrsten Sinne des Wortes ganz andere Richtung entwickelte sich Urban Farming dagegen in London. „Growing Underground“ ging nämlich nicht in die Höhe sondern nutzt einen alten Luftschutzbunker 33 Meter unter der Erde, um dort ohne Pestizide und unter der Nutzung erneuerbarer Energien Salate, Kräuter und andere Pflanzen zu züchten.

Frischer Salat wird geerntet
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Jonathan Kemper

Gute Aussichten für unsere Nahrung der Zukunft

Urban Farming, die Nutzung von teils ungewöhnlichen Anbauflächen in der (Groß-)Stadt, bietet uns die Möglichkeit, die rasch wachsende städtische Bevölkerung mit frischen, gesunden Lebensmitteln zu versorgen und unsere Ernährung zu sichern. Nachhaltige Konzepte schonen dabei die Ressourcen und helfen, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Gleichzeitig unterstützt ein vereinfachter Zugang zu nährstoffreichem, biologisch produziertem Obst und Gemüse die Gesundheit jedes Einzelnen, gerade auch in Regionen, die von Armut stärker betroffen sind. Das entlastet unser Gesundheitssystem und, ganz nebenbei bemerkt: Gemüse frisch vom Feld, ohne Pestizide und viel Düngemittel hergestellt, schmeckt auch einfach viel besser.