weltverbesserer Wissen Unverträglichkeiten: Histamin & Co. – was das für die Betroffenen bedeutet

Unverträglichkeiten: Histamin & Co. – was das für die Betroffenen bedeutet

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Der moderne Lebensstil der westlichen Industrienationen scheint uns Menschen nur bedingt gut zu tun. Neben diversen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht oder Diabetes sind auch Allergien und Unverträglichkeiten auf dem Vormarsch. Aber was sind Unverträglichkeiten eigentlich und was bedeuten sie für die Betroffenen? Wir nehmen Unverträglichkeiten mal genauer unter die Lupe.

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass 25,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland auf mindestens ein Nahrungsmittelallergen sensibilisiert sind. Sprich, ein Viertel der Deutschen leidet unter irgendeiner Form von Nahrungsmittelunverträglichkeit bis hin zur Nahrungsmittelallergie.

Mit teilweise weitreichenden Folgen für die Betroffenen. Zum einen, weil strikt auf die eigene Ernährung geachtet werden muss, wodurch der Kontakt mit dem Allergen und gleichzeitig unangenehmen Symptome vermieden wird. Zum anderen, weil nicht alle Unverträglichkeiten gleichermaßen bekannt und gesellschaftlich akzeptiert sind. Betroffene gelten dann schnell als „schwierige Gäste“, weil sie kaum etwas essen dürfen oder akribisch die Karte im Restaurant studieren. Das verursacht zusätzlich psychischen Stress. Den können wir alle gegenüber den Betroffenen mit mehr Toleranz für Intoleranzen verhindern und so für ein besseres Miteinander sorgen.

Frau in Jeans und Pullover im Schneidersitz verkrümmt auf Boden
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Nahrungsmittelallergie versus Unverträglichkeiten – was ist der Unterschied?

Umgangssprachlich wird selten zwischen Allergien und Unverträglichkeiten unterschieden. Dabei handelt es sich hier um zwei völlig unterschiedliche medizinische Probleme. Bei einer Nahrungsmittelallergie stuft das Abwehrsystem unseres Körpers einen eigentlich harmlosen Fremdstoff (etwa einen bestimmten Bestandteil eines Lebensmittels) als schädlich ein und geht zum Angriff über. Die überschießende Immunreaktion kann unter anderem juckende Ausschläge oder Schwellungen bis hin zu lebensgefährlichem Kreislaufversagen oder einen sogenannten anaphylaktischen Schock verursachen.

Einer Nahrungsmittelunverträglichkeit dagegen liegt meist eine Fehlfunktion im Verdauungstrakt zugrunde. Hierbei kann unser Körper einen bestimmten Fremdstoff nicht richtig verarbeiten. Dadurch kann es zu unter anderem zu Bauchschmerzen, Durchfall, Blähungen und ähnlichen Symptomen kommen. Intoleranzen sind also nicht potenziell tödlich, können aber sehr unangenehm sein und das Sozialleben der Betroffenen deutlich einschränken. Unverträglichkeiten sind zudem viel weiter verbreitet als echte Allergien und können daher durchaus als „Volkskrankheit“ bezeichnet werden.

Symbolbild Unvertraeglichkeiten Verschiedene leere Teller
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Besonders häufig sind Intoleranzen gegenüber vier Allergenen:

  • Fruchtzucker (Fruktose): Jeder Mensch kann nur eine bestimmte Menge Fruktose verstoffwechseln. Bei einem Übermaß kann es Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall kommen. Bei etwa einem Drittel der Deutschen liegt der Schwellenwert allerdings so niedrig, dass schon geringe Mengen Obst problematisch sind und möglichst gemieden werden sollten.
  • Milchzucker (Laktose): Personen, die unter Laktoseintoleranz leiden, fehlt ein bestimmtes Enzym im Darm, um diese Zuckerart aufspalten zu können. Ursache ist ein natürlicher Prozess im Körper, der nach dem Abstillen die Produktion des „überflüssigen“ Enzyms bremst. Laktoseintoleranz tritt daher überwiegend erst bei Erwachsenen auf. Zudem gibt es regionale Unterschiede. In Europa ist die Unverträglichkeit relativ selten. In Afrika und Asien, wo traditionell weniger (Kuh-)Milch konsumiert wird, kommt die Unverträglichkeit häufiger vor.
  • Gluten (Zöliakie): Glutenunverträglichkeit ist ein Sonderfall, eine Mischform aus Unverträglichkeiten und Allergie. Die Immunreaktion auf das Klebereiweiß Gluten beschränkt sich auf den Darm und kann zu einer permanent entzündeten Darmschleimhaut führen. Die Symptome können von Durchfall, Gewichtsverlust, Eiweißmangelödeme, Vitaminmangel bis hin zu Depressionen reichen. Besteht eine Glutenintoleranz, müssen Lebensmittel, die Gluten enthalten, etwa die meisten Getreidesorten, strikt vermieden werden.
  • Histaminintoleranz: Diese Unverträglichkeit ist weniger bekannt und schwierig zu diagnostizieren. Histamin ist ein körpereigener Botenstoff, der an vielen Prozessen beteiligt ist, aber auch in bestimmten Nahrungsmitteln, zum Beispiel Käse oder Rotwein, vorkommt.

Leben mit Unverträglichkeiten

Für alle Unverträglichkeiten, abgesehen von Gluten, gilt: die Menge, die wir von einem bestimmten Stoff ohne Probleme konsumieren können, ist individuell verschieden und teilweise auch von der Lebenssituation abhängig. Dennoch sind es echte Erkrankungen, die die Lebensqualität stark einschränken und psychisch belastend sein können.

Obwohl Lebensmittelintoleranzen relativ harmlos sein können, üben sie großen Einfluss auf den Alltag von Betroffenen aus. Wer unter Unverträglichkeiten leidet, muss seine Ernährung daran anpassen. Sonst kann es zu ständigen Bauchkrämpfen, Blähungen oder anderen Symptomen der Erkrankung kommen. Das bedeutet zum einen, auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten, etwa auf Milch, Milchprodukte, Obst und manches Gemüse oder Rotwein. Zum anderen aber auch, bei fertigen Speisen stets die Zutatenliste auf mögliche Allergene zu kontrollieren.

In den eigenen vier Wänden ist das noch relativ einfach umzusetzen. Man kann zum Beispiel bewusst einkaufen und auf Fertigprodukte verzichten. Laktosefreie Milch und Brot ohne Gluten gibt es mittlerweile in fast jedem Supermarkt. Schwieriger ist es, sobald mehrere Unverträglichkeiten im Spiel sind. Dann besteht die Gefahr, dass es zu einer Mangelernährung kommt, etwa wenn auf frisches Obst und Gemüse als Vitaminlieferanten verzichtet werden muss. In dieser Situation können, in Absprache mit einem Arzt, Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein.

Symbolbild Unverträglichkeiten Frau sitzt im Dunkeln und isst alleine
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Unverträglichkeiten können psychisch belasten

Noch komplizierter wird die Situation, wenn auswärts gegessen werden soll oder muss. Je nachdem, wie stark die Unverträglichkeiten ausgeprägt sind, wird vor einem Treffen mit Freunden die Speisekarte studiert. Wenn dies nicht möglich ist, wird beim gemeinsamen Essen entweder gar nichts bestellt oder von Anfang an abgesagt. Doch wer Einladungen immer ausschlägt und bei Terminen immer Sonderwünsche äußert, läuft Gefahr, irgendwann nicht mehr über Treffen im Freundeskreis eingeladen zu werden. Das erzeugt psychischen Stress. Die Erkrankten leiden unter diesen sozialen Folgen ihrer Unverträglichkeiten teilweise sogar mehr als unter der Krankheit selbst.

Das trifft besonders zu, wenn es sich nicht um eine „bekannte“ Intoleranz wie beispielsweise eine gegen Milchzucker oder Gluten handelt. Histaminunverträglichkeit zum Beispiel, die sehr diffus und schwierig zu diagnostizieren ist, und wird dagegen immer noch schnell als „Einbildung“ abgetan.

Käselaib, Birne und Brot
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Histaminunverträglichkeit

Histamin ist ein Botenstoff (Hormon) unseres Körpers, der unter anderem die Verdauung anregt oder den Blutdruck senken kann. Die Substanz ist aber auch natürlicher Bestandteil vieler Lebensmittel wie Rotwein, gereiftem Käse oder Fisch und wird dann über den Darm aufgenommen. Gelangt zu viel des Hormons in die Blutbahn, kommt es unter anderem zu Übelkeit, Bauchkrämpfen, Durchfällen, Herzrasen und Kreislaufproblemen. Sehr große Mengen Histamin gelten sogar als Ursache von Fischvergiftung.

Im Gegensatz zu anderen Unverträglichkeiten ist eine Histaminintoleranz jedoch nur schwer nachzuweisen. Gezielten Test dafür gibt es keinen, es kann lediglich über Provokationstests nach einem oder mehreren Auslösern gesucht werden. Hierfür werden bewusst bestimmte Nahrungsmittel weglassen oder hinzugefügt. Manchmal sind das bestimmte Nahrungsmittel, manchmal Alkohol, speziell Rotwein, manchmal einfach die Gesamtmenge an Histamin, die in einer Zeitspanne konsumiert wurde.

Die breite Palette an möglichen Allergenen und das Fehlen eindeutiger Tests haben Histaminunverträglichkeit einen eher zweifelhaften Ruf beschert. Die Krankheit ist gesellschaftlich noch nicht so anerkannt, wie beispielsweise Unverträglichkeit gegenüber Laktose oder Fruktose. Darunter leidet häufig auch die Psyche der Betroffenen. Sie fühlen sich nicht ernst genommen mit ihren Problemen, eventuell sogar ausgegrenzt aus ihrem Freundeskreis.

Symbolbild Unverträglichkeiten Frau mit gelocktem Haar und einem Löffel vor einer Tasse mit Cornflakes alleine essend
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Was tun bei Histaminintoleranz?

Wer vermutet, unter einer Histaminunverträglichkeit zu leiden, sollte in einem ersten Schritt möglichst genau Ernährungstagebuch führen. Das kann dem Arzt/der Ärztin bei der Analyse helfen. Zudem ist es ratsam, die individuelle Dosis zu ermitteln, ab der Reaktionen auf das Histamin in der Nahrung zu erwarten sind. Darüber hinaus gibt es auch Schnelltests, die ermitteln, ob eine Speise viel oder wenig Histamin enthält. Anhand der Ergebnisse können die Nutzer dann selbst entscheiden, ob und welche der getesteten Nahrungsmittel sie essen wollen.

Gerade am Beispiel Histaminintoleranz zeigt sich aber, dass nicht nur die Betroffenen, sondern auch wir als Gesellschaft unseren Umgang mit Unverträglichkeiten überdenken sollten. Intoleranzen gegenüber bestimmten Substanzen sind eine ernstzunehmende Stoffwechselerkrankung, die oft genug die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigt. Statt die Unverträglichkeit zu belächeln oder eine daran leidende Person als „schwierigen Gast“ einzustufen, sollten wir offen mit dem Thema umgehen. Wir sollten Fragen stellen und die Antworten akzeptieren. Damit signalisieren wir, der Wert einer Freundschaft hängt nicht davon ab, ob sich jemand krankheitsbedingt an einen mehr oder weniger strikten Diätplan halten muss.

Zwei Personen halten eine Hand vor sich und bilden ein Herz
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Matt Nelson

Toleranz und Verständnis helfen

Nahrungsmittelunverträglichkeiten, unter anderem Histaminintoleranz, betrifft rund ein Viertel der Bevölkerung. Die Betroffenen leiden zum Teil stark unter ihrer Erkrankung, die sie im Alltag deutlich einschränken. Diffuse Symptome und schwer zu diagnostizierenden Ursachen belasten die Psyche genauso wie von anderen belächelt zu werden, weil die Krankheit nicht ernst genommen wird. Wer tolerant mit dem Thema Lebensmittelintoleranz umgeht, sollte mit Erkrankten offen über mögliche Probleme sprechen. Das erleichtert nicht nur deren Alltag, sondern hilft, unsere Welt ein Stückchen offener und besser zu machen.

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