weltverbesserer Leben Typisch Mann, typisch Frau: Haben diese Rollenbilder ausgedient?

Typisch Mann, typisch Frau: Haben diese Rollenbilder ausgedient?

Fotos: iStock.com / vgajic, PeopleImages

„Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen“, hieß es 1954 noch in einer für deutsches Nahrungsmittelunternehmen. Fast sieben Jahrzehnte später stellen sich Frauen noch ganz andere Fragen, zum Beispiel: Was haben sich die Macher dieser Werbung nur dabei gedacht? Denn das Rollenklischee der braven Hausfrau hat heute längst ausgedient. Oder?

Die Antwort darauf ist nicht ganz so leicht, denn offenbar waren wir schon mal weiter: Seit Beginn der Corona-Pandemie kümmern sich Frauen wieder verstärkt um die Haus- und Familienarbeit. So geben in einer Umfrage 69 Prozent der Frauen an, dass sie die Hausarbeit fast allein erledigen, während das gerade einmal elf Prozent der befragten Männer von sich behaupten. Aber auch vor der Pandemie fühlten sich die wenigsten Paare wirklich gleichberechtigt. Jede zweite Frau war schon pre-corona der Auffassung, dass sie und ihre Partner sich Hausarbeit und Kinderbetreuung nicht gleich aufteilen würden. Von den Männern äußern immerhin 39 Prozent dieselbe Meinung.

Dabei wollen die meisten Deutschen das überhaupt nicht: Eine Studie des Bundesfamilienministerium ergab: 82 Prozent der Männer finden, dass es einer Partnerschaft guttut, wenn beide berufstätig sind. Zehn Jahre zuvor waren nur 71 Prozent dieser Ansicht. Mit 49 Prozent meinen inzwischen weniger als die Hälfte der Männer, dass Frauen nicht erwerbstätig zu sein brauchen, wenn ihre Männer gut verdienen.

Und ebenso zeigt ein Blick auf eine Stadtkarte, dass Frauen längst nicht denselben Status haben wie Männer. Denn von den 106 Universitäten in Deutschland ist keine einzige nach einer Frau benannt. Und von den 2.526 Straßen in Hamburg sind gerade mal 420 nach einer Frau benannt.

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Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Daria Nepriakhina

Rollenbilder aus dem Netz

Politiker sind inkompetent, Politikerinnen hässlich. In den Social Media brauchen Frauen oft ein ganz schön dickes Fell. Denn bei ihnen dreht sich Kritik seltener um Inhalte, sondern meist um Aussehen und Geschlechtszugehörigkeit. Die Shell-Studie zeigt, dass die befragten Jugendlichen im Alter von 12 und 25 Jahren soziale Medien teilweise sehr intensiv nutzen. Und wie der diesjährige Bericht von Plan International Deutschland zeigt, hat der Social-Media-Konsum einen großen Einfluss auf die Rollenbilder der jungen Generation. Je intensiver sie soziale Medien nutzen, desto stereotyper sind ihre Vorstellungen.

Klischee-Klischees: Wenn Frauen Autofahren

Vor einigen Jahren kam ein bis zum Rand mit Klischees gefülltes Sachbuch mit dem Titel „Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können“ auf den Markt. Dabei handelte es sich um eine Ansammlung von vermeintlich neuro-wissenschaftlich belegten Rollenklischees. Dabei zeigen Studien immer wieder, dass Frauen durchaus besser Fahren als die oft von Testosteron und Ungeduld getriebenen Herren.

Klischee wie diese nagen sich tief in das Selbstbewusstsein gerade junger Frauen und Mädchen. Auch das Vorurteil, Frauen hätten weder ein Interesse noch ein Talent für Mathematik und Naturwissenschaften, können wir getrost ad Acta legen, wenn wir auf die Zahlen schauen: In Deutschland entschieden sich 40 Prozent aller Studienanfänger für ein mathematisch-naturwissenschaftliches Fach – davon waren fast 32 Prozent junge Frauen.

Symboldbild zu typisch Mann typisch Frau Rückenansicht von einem kleinen Mädchen und einem kleinen Jungen, die über eine Brücke laufen
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Kevin Gent

Typisch Mann, typisch Frau

Früh übt sich gilt wohl auch, wenn es um Rollenbilder geht. Schon bei in der Kinderabteilung von Modehäusern sehen wir: Jungs sind die mutigen Abenteurer, coolen Fußballer oder cleveren Baumeister, während Mädchen nur Augen für niedliche Pferde oder brave Prinzessinnen haben. Dabei zeigt sich, dass wir offenbar schon ganz früh im Leben des Nachwuchses anfangen, unsere Rollenbilder auf die neue Generation zu übertragen. So reicht eine kleine Haarspange oder ein blauer Strampler, dass wir Jungs die Bauklötze und Autos zuschieben, während die rosa gekleideten Mädchen mit Puppen und Teddys spielen sollen.

Doch während heute mancher Kindergartenspielplatz vor lauter Pink und Rosa fast zu leuchten scheint, war Rosa lange gar keine Mädchenfarbe: Noch bis vor einem guten Jahrhundert galt rosa als das „kleine Rot“ und stand für Blut und den Kampf – und war deshalb die Farbe der starken Männer. Und was war die Farbe der Mädchen und Frauen? Richtig! Blau. So wird in vielen Marien-Darstellungen die Mutter von Jesus oft in wallenden blauen Gewändern dargestellt.

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Typisch Frau: Altersarmut

Doch egal, welche Farbe der Business-Dress auch hat: Bis heute verdienen Frauen in Durchschnitt weniger als Männer. Als Gender Pay Gap bezeichnen Forschende den Unterschied zwischen den durchschnittlichen Gehältern von Männern und Frauen. Demnach verdienten Frauen 2020 durchschnittlich 18 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Dabei unterscheidet sich der Gender Pay Gap nach Branchen: Am größten war der Unterschied in den Bereichen, Kunst, Unterhaltung und Erholung. Frauen verdienten 2020 satte 31 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Ähnlich ist es bei Freiberufler:innen, in der Wissenschaft und in der Technik-Branche, wo Arbeitnehmerinnen 27 Prozent weniger für dieselbe Arbeit bekommen.

Entsprechend zahlen Frauen auch weniger in die Rente ein, sammeln weniger Rentenpunkte, was durch die meist längere Elternzeit noch verstärkt wird. Mütter kehren oft auch nur in Teilzeit in den Job zurück. Das ist der Stoff, aus dem die Altersarmut gemacht wird.

Während der Corona-Krise machten manche Länder einen Sprung zu mehr Frauen in Führungspositionen. Deutschland dagegen machte Rückschritte: In den 30 wichtigste DAX-Unternehmen sitzen gerade mal 23 Frauen in den Vorständen – sechs weniger als im Vorjahr. Damit ist gerade einmal jede zehnte Person in einem DAX-Vorstand eine Frau. Zum Vergleich: In den USA liegt der Frauenanteil im Top-Management bei 28,6 Prozent, in Großbritannien bei 24,5 Prozent.

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Karrierekiller X-Chromosom

Dabei ist eine Frau zu sein nicht nur eine Gefahr für die Karriere, sondern auch ein echtes Gesundheitsrisiko: Frauen leiden mit einer zwei- bis dreimal höheren Wahrscheinlichkeit an psychischen Leiden wie Ängsten oder Depressionen. Forschende führen das auf die teils erdrückenden Ideale und Anforderungen zurück, mit denen Frauen sich konfrontiert sehen.

Während das klassische Rollenbild Männer oft dazu treibt, Symptome so lange zu ignorieren, bis irgendwo ein Knochen oder Knubbel rausguckt, sieht die Realität für Frauen ganz anders aus: Während sie Prävention meist deutlich ernster nehmen, nimmt die Forschung die Frau als solche bislang kaum wahr: Durch die Gender Data Gap fällt die Hälfte der Menschheit in eine Lücke bei der Erhebung medizinischer Daten. Denn da Forschende fürchten, dass der weibliche Zyklus ihre Daten verfälschen könnte, werden faste alle Tests und Experimente nur an Männern durchgeführt. Und sogar bei Untersuchungen an Zellen in einer Petrischale werden in den meisten Fällen nur männliche Zellen herangezogen.

Kein Wunder also, dass die Dosierungen der meisten Medikamente auf den Durchschnittsmann, nicht aber auf die Durchschnittsfrau zugeschnitten sind. Zudem unterscheiden sich bei manchen Erkrankungen wie dem Herzinfarkt die Symptome zwischen Mann und Frau deutlich. Da jedoch der Mann immer noch als der Standard gilt, werden die weiblichen Symptome oft übersehen oder fehlinterpretiert.

Typisch Frau: Gesund durch mehr Gleichberechtigung

Wenn wir Rollenklischees zugunsten von größerer Gleichberechtigung aufgeben, leben wir alle gesünder. Zudem sind Frauen deutlich glücklicher, wenn sie sich frei für oder gegen einen Beruf entscheiden können und sich als gleichberechtigt erleben. So zeigt sich, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit und die Chancengleichheit im internationalen Vergleich korreliert. So macht Gleichberechtigung die Welt und uns alle glücklicher.