weltverbesserer Leben Stadtflucht: Warum jetzt so viele vom Landleben träumen

Stadtflucht: Warum jetzt so viele vom Landleben träumen

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Explodierende Mieten, zu kleine Wohnungen, viel zu wenig Kita-Plätze – der Traum vom Leben im In-Viertel bröckelt schon lange. Und in Zeiten von Corona erleben viele Menschen auch noch, dass es im Home-Office im Prinzip egal ist, wo sie arbeiten. Warum also nicht dem Stress der Stadt den Rücken kehren und den Traum vom Landleben erfüllen?

Ein Schreibtisch am Fenster mit Blick ins Grüne. Oder gleich mit dem Laptop auf der Terrasse. Wiesen, Bäume, keine Betonwüsten, keine hupenden Autos, die sich durch enge Straßen quälen. Stattdessen: gute Luft, entspannte Ruhe, wenig Stress. So arbeiten zu können, ist eigentlich eine schöne, ausgeglichene und gesunde Vorstellung.

Die Realität sieht jedoch anders aus. Nicht nur, dass das Landleben vielleicht doch etwas nüchterner ist, als es sich in der romantisierenden Vorstellung eines Stadtmenschen darstellt. Vor allem aber ist unsere Arbeitswelt und damit auch unsere Gesellschaft viel stärker auf Städte ausgerichtet als auf ländliche Umgebungen. Kurze Wege, Infrastruktur für alle Lebenslagen – und Arbeitsplätze.

„Während der gesamten Nachkriegszeit hat sich Deutschlands Bevölkerung noch nie so stark auf einzelne Städte konzentriert wie heute“, schreiben die Autoren einer Untersuchung des Ifo-Instituts. Hier wird ein sehr langfristig anhaltender Urbanisierungstrend festgestellt. Der Anteil der auf dem Land lebenden Bevölkerung hat demnach den niedrigsten Stand seit 1871 erreicht. Und zwar nicht nur in schrumpfenden Gegenden, sondern auch in Wachstumsregionen. Ändert sich der Wunsch nach Landleben durch die Corona Einschränkungen? Oder ist das eher ein wieder aufflammender Tagtraum vieler Großstädter, die ihres geliebten Stadtlebens beraubt wurden?

Landleben zwischen weiten Wiesen, Feldern und gelben Rapsfeldern
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Raquel Pedrotti

Jeder Dritte träumt vom Landleben

Das Problem dabei: Der Alltag in den Großstädten bildet nur eingeschränkt die Sehnsucht nach einem Leben abseits urbaner Strukturen ab. Jedenfalls die, die sich zumindest in bestimmten Bevölkerungsgruppen wie etwa Familien oder jüngeren Generationen mit digitalem und daher oft eher flexiblem Arbeitsumfeld finden lässt.

Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Kantar Emnid im Auftrag der BHW Bausparkasse würden 34 Prozent der befragten Personen am liebsten in einem Dorf oder auf dem Land leben. Nur 13 Prozent dagegen im Stadtzentrum. Diese Zahlen finden sich auch in einer repräsentativen Umfrage der ZEIT-Stiftung wieder. Dieser Studie zufolge würde gerne jeder dritte Großstädter aufs Land ziehen. Und dann ist da noch die groß angelegte Deutschlandstudie des ZDF: Hier träumten 2018 sogar 44 Prozent der Deutschen von einem Leben in einem kleinen Dorf auf dem Land. Und das, obwohl die Forscher gleichzeitig nachwiesen, dass die Lebensverhältnisse in abgelegenen Gegenden viel schlechter waren als in der Stadt.

Wie ist die Infrastruktur am Land?

Denn auf dem Land fehlt oft genau die Infrastruktur, welche Stadtmenschen eigentlich gewohnt sind. Schnelles Internet ist so eine Infrastruktur, ohne die man in unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft kaum noch klarkommt. Doch während die Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen im städtischen Raum inzwischen fast durchgängig ist, ist dem Breitbandatlas des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur zufolge fast ein Viertel der ländlichen Gebiete immer noch nicht entsprechend versorgt. Ähnliche Gefälle gibt es zum Beispiel auch bei der Frage, wie schnell in einem Notfall ein Krankenhaus erreichbar wäre. Das Statistische Bundesamt sieht aufgrund seiner Datenlage aus dem Jahr 2016 zwar knapp 90 Prozent der Menschen in städtischen Regionen dazu innerhalb von 15 Minuten in der Lage. Auf dem Land schaffen dies demnach aber nur rund 64 Prozent der Bevölkerung. Die größten Entfernungen, so stellt der „Deutschlandatlas“ der Bundesregierung fest, fänden sich in ländlichen Randgebieten, vor allem in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Bayern.

Insbesondere Familien ziehen daher in der Regel eher an den Stadtrand oder nur so weit aufs Land, wie Schulen und Arbeitsplätze noch mit vertretbaren Fahrzeiten erreichbar sind. Auch Doppelverdiener waren bislang fast gezwungen in der Großstadt zu bleiben. Im ländlichen Raum war es schwer möglich, gleich zwei qualifizierte Arbeitsplätze zu finden. Kaum überraschend, dass seit über zehn Jahren Zeitschriften boomen, die sich mit nichts anderem beschäftigen, als mit diesen ungelebten Träumen vom Landleben.

Kann die Stadt krank machen?

Der schlechteren Infrastruktur auf dem Land steht der höhere Stressfaktor der Stadt gegenüber. „Unter bestimmten Bedingungen macht Stadtleben krank“, so der Prof. Dr. Mazda Adli Psychiater und Stressforscher im Podcast „Talking Science“. Und so geht es wohl nicht wenigen Großstädtern, denn er hat mit anderen Neurowissenschaftlern an der Charité Berlin das interdisziplinäre Forum „Neurourbanistik für psychische Gesundheit in der Stadt“ gegründet. Das gemeinsame Ziel: Stress in der Stadt zu erforschen und abzubauen.

Die häufigsten Stressursachen sind dabei wider Erwarten nicht etwa Lärm oder Verkehr. Es ist vor allem sozialer Stress. Der Stress, der durch das Zusammenleben von Menschen auf engstem Raum und dem Kontakt zwischen den Menschen besteht. Dazu gehören 1. die soziale Dichte (Enge, die als unkontrollierbar wahrgenommen wird) und 2. Die soziale Isolation (Einsamkeitsempfinden aufgrund von Ausschlusserfahrungen).

Der Kern der Sozialstresshypothese: Treffen beide Faktoren chronisch aufeinander, wirkt das toxisch und macht krank. So ist eine Depression beispielsweise 1,5 fach wahrscheinlicher, wenn man in der Stadt lebt und auch Angsterkrankungen sind häufiger. Schizophrenie kommt unter Städtern sogar 2-3 Mal so oft vor, als bei Menschen, die auf dem Land leben. Betroffen sind vor allem diejenigen Personengruppen, die weniger Zugang zu den zahlreichen Vorteilen der Stadt haben, wie beispielsweise Kultur- und Bildungseinrichtungen.

Laptop auf kleinem Tisch im Grünen als Schaubild für remote work und Landleben
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Ketut Subiyanto

Corona ist ein Crash-Kurs in Sachen neuer Arbeitswelt

Was passiert also, wenn die diffuse Sehnsucht gestresster Großstädter auf eine Ausnahmesituation wie die Corona-Pandemie trifft? Sie dürfte sich verstärken. Zum einen hat sich nicht nur der soziale, sondern auch der geografische Radius der meisten Menschen stark auf die eigenen vier Wände und die nähere Umgebung verkleinert. Zum anderen lernen wir gerade: Mit Home-Office und Home-Schooling kann man theoretisch alles auch von anderen Orten aus machen. Dann aber wenigstens in der Natur.

So könnte Corona mittelfristig auch unser Arbeitsleben verändern. Die in der Not erprobten Arbeitsmodelle auf Distanz werden uns zumindest in Teilen weiterbegleiten. Unsere Gesellschaft und Industrie durchläuft gerade einen Crash-Kurs in Sachen neuer Arbeitswelt. Und es könnte gut sein, dass das Home-Office manche Menschen in ihrer Wohnortwahl freier machen wird.

Tatsächlich gibt es ja schon länger solche Entwicklungen in Teilen der digitalisierten Arbeitswelt. Denn in manchen Berufen kann man dank Computer und Smartphone längst überall leben und arbeiten. Egal ob in der gleichen Stadt, auf einem anderen Kontinent oder einfach nur auf dem Land ist. Vorausgesetzt, es gibt schnelles Internet. Etwas, was abseits der größeren Städte auch in Deutschland immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Idyllisches Bergdorf
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Ketut Subiyanto

Co-Working auf dem Land, Belebung von Kleinstädten

Wie eine Symbiose aus flexiblem Remote-Working und dem Wunsch nach Landleben aussehen kann, zeigt seit ein paar Jahren ein umgebautes Landgut in Klein Glien, Brandenburg. Dort haben Visionäre einer neuen Arbeitswelt das „Coconat“ gegründet. Mit ihrem ländlichen Co-Working/Coliving-Retreat verfolgen sie Ihre Mission: „Ein Ort, an dem sich digitale Arbeiter:innen von einer kreativen Gemeinschaft inspirieren lassen, konzentriert arbeiten und die Natur genießen.“ Ein irgendwie moderner Ort mit viel Grün und Kreativität in der Provinz, der sogar der „New York Times“ eine Erwähnung wert war.  

„Was wir gerade sehen, ist erst der Anfang.“, sagt Frederik Fischer, Initiator des „Summer of Pioneers“. Ein Projekt, das digital arbeitende Menschen zum Probewohnen und Co-Working auf dem Land bringen will und so Modelle für eine Aufwertung der Region erprobt. Der erste Durchlauf fand von 2019 bis 2020 in Wittenberge statt. Eine Kleinstadt zwischen Berlin und Hamburg, die seit einigen Jahren versucht, attraktiver für Umzügler aus den Großstädten zu werden.

Neue Sehnsucht Landleben

Insgesamt 27 solcher „Pioniere“ lebten während des Projekts in Wittenberge. Im Gegenzug brachten sie sich ehrenamtlich in eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung ein. Manche gründeten Unternehmen oder eröffneten Kultur- und Begegnungsorte. Und über die Hälfte von ihnen blieb auch nach Ende des Projekts in der Prignitz. „Der Erfolg in Wittenberge zeigt, was auch in kurzer Zeit möglich ist, wenn Kreative und Verwaltung zusammenarbeiten“, sagt Fischer. 2021 soll das auch an anderen Orten geschehen. Unter anderem im nordhessischen Homberg und in Altena in Nordrhein-Westfalen.

Das Coconat oder der Summer of Pioneers sind nicht die einzigen Orte, in denen sich die Sehnsucht nach dem Leben außerhalb der Großstadt ihre Wege bahnt. In der Studie „Urbane Dörfer – Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“ haben das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Think Tank Neuland 21 allein 18 ländliche Gemeinschaftswohnprojekte in den neuen Bundesländern beleuchtet. „Noch sind es digitale Inseln“, so die Herausgeber der Studie. Vor allem der Wachstumsdruck Berlins bringe diese neuen, kreativen Landprojekte hervor. Die Frage, ob das Interesse von ehemals stadt-affinen, digital arbeitenden Menschen ein Zeichen für eine neue Landbewegung ist, sei zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht abschließend zu beantworten.

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Landleben als realistische und lebenswerte Alternative

Kein Wunder: Die neue Landlust ist noch ein junges Phänomen, mit vielen offenen Fragen und einigen Herausforderungen. Klar ist aber auch, dass die Entwicklung mit großen Chancen verbunden ist. Das Verständnis, dass es in einer immer digitaleren Arbeitswelt zumindest für Unternehmen mit einem entsprechenden Geschäftsmodell immer unwichtiger wird, wo die Team-Mitglieder arbeiten, kann Teile unsere Gesellschaft mobiler machen. Die Renaissance des Regionalen und die dadurch entstehende Infrastruktur könnte also langfristig dazu führen, dass sich der Trend der Urbanisierung umkehrt. Zumindest aber könnte sie das Leben auf dem Land irgendwann auch für größere gesellschaftliche Gruppen zu einer realistischen und lebenswerten Alternative machen.

Wie das gehen kann, zeigt auch ein weiteres Projekt, das „Summer of Pioneers“-Macher gerade realisiert. Das KoDorf, ein genossenschaftliches Immobilien-Modell mit Fokus auf das Gemeinwohl. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Neubesiedelung des ländlichen Raums unter modernen Anforderungen. KoDörfer, so die Idee, bestehen aus einer Vielzahl kleiner, ökologisch gebauter Holzhäuser und großen Gemeinschaftsflächen, in denen Menschen dauerhaft leben und arbeiten sollen. Erste solche Genossenschaftssiedlungen entstehen gerade im brandenburgischen Wiesenburg und in Erndtebrück, Südwestfalen. Beides Orte, die bislang eher im Kleingedruckten der deutschen Landkarte zu finden waren – und in denen nun die Wiederentdeckung des Landlebens geschieht.

Der Traum vom Leben im Grünen

„Mehrere Entwicklungen kommen momentan zusammen und verstärken sich gegenseitig: Ortsunabhängiges Arbeiten, die Sehnsucht nach einem resilienten Leben und der Wunsch nach mehr Selbstwirksamkeit und Sinn“, sagt Fischer. „Kommunen, die diese fundamentalen Veränderungen verstehen und für sich nutzen, sind die neuen Zukunftsorte.“ Wir als Weltverbesserer sind gespannt, wie sich die Projekte zukünftig entwickeln werden. Ob sie Anhänger und Nachahmer abseits vom hippen und freigeistigen In-Viertel-Bewohnern finden ist die Frage. Wir träumen derweil weiter vom Arbeiten im eigenen Garten mit Blick auf die weite Landschaft der Natur.