weltverbesserer Wissen Purpose Unternehmen: Warum es gerade jetzt so wichtig ist, nach dem Sinn zu fragen

Purpose Unternehmen: Warum es gerade jetzt so wichtig ist, nach dem Sinn zu fragen

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Vor 10.000 Jahren erfanden die Menschen den Ackerbau, vor 250 Jahren standen sie an den Fließbändern der industriellen Revolution. Und seit einigen Jahrzehnten verändert der Computer und das Internet fortwährend, wie wir leben und arbeiten. Und heute? Während unsere Welt immer komplexer wird, kehrt die Arbeitswelt zu einem schlichten Wert zurück: dem Sinn. Eine Revolution der Erfüllung beginnt. Das Purpose Unternehmen ist geboren – und krempelt die Wirtschaft um.

„Ich hatte viele Gespräche und habe hinter viele Vorhänge geschaut, in keinem einzigen Leben gibt es das totale Glück“, so der Philosoph Wilhem Schmid in einem Interview. „Die Frage ist: Geht es überhaupt um Glück und nicht vielmehr um Sinn?“

Dafür gibt Schmid ein Beispiel: Machen Kinder ihre Eltern durchgehend glücklich? Jeder, der schon mal ein Kind aus der Nähe miterlebt hat, kann nun argumentieren, dass Kinder auch ganz schön anstrengend sein können. Doch während sie uns vielleicht nicht durchgehend glücklich machen, schenken sie uns durchgehend Sinn – auch wenn wir gerade nicht glücklich sind.

Genauso verhält es sich auch mit unserem Job. Er muss uns nicht immer in Euphorie versetzen, sinnvoll sollte er dagegen schon sein. In seinem Buch „Das Leben verstehen“ erklärt Schmid, dass Sinn auf Zusammenhängen und Beziehungen basiert. Damit meint Schmid sowohl die Verbindung zu Kolleg:innen oder Kund:innen also auch das Erleben des großen Ganzen: Wir fühlen uns mit unserem Schaffen als Teil von etwas Sinnvollem.

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Purpose Economy – Was ist das eigentlich?

Schon Ende der 60er-Jahre sorgte diese Innovation für mehr Wachstum als die klassische Industrie. Der Stanford-Ökonom Marc Porat wies sie als Erster nach und prägte den Begriff „Information Economy“. Damit meinte er ein Umdenken vom Wachstumsdenken des kapitalistischen Wirtschaftssystems hin zu einem menschlicheren Arbeiten und Konsumieren. Und so hält ein ganz neuer Aspekt Einzug in die Wirtschaft: der Sinn. Dieser soll durch Ideen wie das Verantwortungseigentum oder eine neue Aufgabenteilung wie dem Job-Sharing gestiftet werden. Die Purpose Economy entsteht auch, weil sich die Arbeit und die Arbeitnehmer:innen verändern.

Purpose Unternehmen und Purpose Mitarbeiter

Doch nicht nur die Mitarbeiter:innen, auch die Unternehmen selbst sind seit einiger Zeit auf Sinnsuche. Statt Geld geht es immer mehr (Purpose) Unternehmen auch um ein höheres Ziel. Denn sowohl der Markt als auch die Chefetage sehen die unendliche Gewinnmaximierung längst nicht mehr als höchstes Ziel an.

Aber warum sind immer mehr Unternehmen auf Sinnsuche? Das Erleben einer solchen Verbundenheit ist der Kern der Purpose Economy. Bei der Purpose Economy, der Sinnökonomie, geht es darum, die Art und Weise, wie die Wirtschaft funktioniert, neu zu überdenken. So soll ein faires, gesundes und nachhaltiges Wirtschaften entstehen. Statt Wochenarbeitsstunden und Nettolöhnen wird Sinn zur neuen Messgröße am Markt.

Vor allem die Generationen Y und Z, also junge Menschen, die nach 1980 geboren wurden, stellen sich immer wieder die Frage nach dem Sinn. Doch diese Frage stellen sie nicht nur sich selbst. Auch ihren Arbeitsplatz unterziehen sie häufiger einem Sinn-Screening. Diese Generationen werden in zehn Jahren die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Damit ist ein Wirtschaftswandel unausweichlich. Denn mit diesen Menschen findet ein Wertewandel statt: Statt auf Sicherheit und ein gutes Gehalt, setzen diese Generationen vermehrt auf Sinn und Selbstverwirklichung in ihrer Berufswahl.

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Studien zeigen, dass Menschen, die Sinn in ihrem täglichen Arbeiten und Handeln erleben, bessere Leistungen abliefern. Und zudem länger leben. Menschen, die ihre Arbeit als sinnstiftend erleben, leben etwa acht Jahre länger als Menschen, die ihren Job als stumpfsinnig erleben.

Menschen stehen auf einem Bürgersteig und lesen den Schriftzug "Passion led us here"
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Neue Purpose Unternehmen für neue Arbeitskräfte

Auch immer mehr Unternehmen erkennen, dass sie junge und hochqualifizierte Mitarbeiter nicht mehr nur mit einem üppigen Gehalt oder einem noblen Firmenwagen locken können. Schon mit dem Jahrtausendwechsel und dem Aufkommen der Positiven Psychologie dachten erste Unternehmen um. Statt mit Gehaltserhöhungen zu locken, zahlen Unternehmen Segelscheine und ermöglichten Sabbatjahre. Oder sie genehmigten Projekte, in denen sich die Mitarbeiter:innen selbstverwirklichen können.

Vor allem sogenannte Pro-Bono-Projekte begeistern sinnsuchende Mitarbeiter:innen. Dabei bringen sie ihre Talente und Fähigkeiten in ein Projekt ein, dass sie sinnvoll finden, obwohl es ihnen keinen konkreten finanziellen Vorteil bringt. In den USA freuen sich Vereine und gemeinnützige Organisationen bereits über Pro-Bono-Dienstleistungen im Wert von 15 Milliarden Dollar pro Jahr. Dafür ernten die Pro-Bono-Arbeitnehmer:innen das unbezahlbare Gefühl, dass ihre Arbeit etwas bewirkt und einem höheren Sinn dient. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern floriert die Szene. Und so vollzieht sich eine kleine Revolution des Sinns zwischen Aktendeckeln und Klebezetteln auf dem Weg zum Purpose Unternehmen.

Auch die Finanzierung von Unternehmen folgt zunehmend zweck- und wirkungsorientierten Geschäftsmodellen. Denn gerade von jungen Unternehmen und Start-ups erwartet der Markt das. Nur wer sich nachhaltig aufstellt, wird langfristig am Markt bestehen können.

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Woher kommt der Begriff?

Der Begriff der Purpose Economy stammt vor allem vom Ökonomiepsychologen Aaron Hurst und seinem Buch „The Purpose Economy“. Darin erklärt er, dass nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch die Wirtschaft nach Sinn sucht. In seinem Buch stellte Hurst die Prognose auf, dass 2020 der Großteil der Firmen weltweit nicht mehr nur nach Wachstum, sondern vor allem nach Sinn strebt. Ob Hursts Einschätzung richtig war, bleibt zu bezweifeln. Dass ein spürbares Umdenken stattfindet, scheint dagegen unstrittig. In seiner Theorie stellt Hurst drei Grundtypen sinnökonomischer Unternehmen – also Purpose Unternehmen – vor, die natürlich auch als Mischformen auftreten können:

  • Wertgetriebene Organisationen: Das Unternehmen verschreibt sich bestimmten Werten. Manche wählen dafür Ziele wie Geschlechtergerechtigkeit, Fair-Trade oder einen möglichst niedrigen CO2-Fußabdruck. Was auch immer die gemeinsamen Werte im Unternehmen sind: Sowohl die Unternehmensausrichtung, als auch das Handeln der einzelnen Mitarbeiter:innen zahlt auf diese Werte ein.
  • Organisationen, die nach Exzellenz streben: Diese Unternehmen verständigen sich darauf, dass sie ihren Sinn in der hohen Qualität ihres Angebots und ihrer Arbeit finden.
  • Von der Wirkung getriebene Organisationen: Unternehmen, die die Welt ein bisschen besser, oder zumindest nicht schlechter, machen möchten, blicken vor allem auf ihren Impact. Deshalb gehen sie sehr bewusst mit Ressourcen um und überlegen zweimal, ob ihr Produkt wirklich nachhaltig ist. Sie versuchen ihren Stakeholdern, ebenso wie den planetaren Grenzen, gerecht zu werden.
Eine Frau hält heranwachsende Pflanze schützend in den Händen
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Noah Buscher

Warum der Sinn immer aktueller wird

„Durch die Mainstream-Medien haben wir heute so viele Informationen und Kenntnisse über die Dinge, die in der Welt vor sich gehen“, erklärt die Beraterin für Nachhaltige Entwicklung, Charlotte Horder. Sie unterstützt Unternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und dem Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG). „Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter haben Missstände sehr deutlich aufgezeigt. Und jetzt wollen die Menschen sehen, dass sich etwas ändert – und das zeigen sie auch durch ihr Konsumverhalten.“ Wer nachhaltig am Markt erfolgreich sein möchte, muss umdenken. „Wer den veränderten Verbraucher:innen etwas verkaufen möchte, muss sich allein schon deshalb verantwortungsvoller verhalten.“ Und auch Umfragen zeigen: Neun von zehn Menschen würden sogar lieber weniger verdienen, wenn sie dafür mehr Sinn in ihrem Job erlebten.

Doch nicht nur die Mitarbeiter:innen, auch die Unternehmen selbst, sind seit einiger Zeit auf Sinnsuche. Statt Geld geht es immer mehr Unternehmen auch um ein höheres Ziel. Sowohl der Markt, als auch die Chefetage, sehen die unendliche Gewinnmaximierung längst nicht mehr als höchstes Ziel an. Das liegt unter anderem auch daran, dass der Markt mehr und mehr nach Alternativen fragt. Auch die Statistik zeigt das: Über die Hälfte der Deutschen versucht, die Nachhaltigkeit in ihre Kaufentscheidungen einzubeziehen.

Beleuchteter "Thank you" Schriftzug auf grüngauer Wand als Zeichen für Sinn und Anerkennung
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Morvanic Lee

Neue Kund:innen: Zwischen Loyalität und Greenwashing

Da die Kund:innen immer sinnstiftender einkaufen wollen, kleben manche Unternehmen auf ihre, nur mäßig nachhaltigen Produkte, einfach ein grünes Label. Kritiker bezeichnen dieses Vorgehen als Greenwashing, wenn sich sonst nur wenig nachhaltige Unternehmen in ein Ökomäntelchen hüllen.

Ein derart aufgemöbeltes Image kann den Verkauf ankurbeln, denn wir Verbraucher hoffen, mit dem vermeintlichen Öko-Auto unseren Wunsch nach nachhaltiger Mobilität auf strahlend grüne Weise zu stillen. Unter Greenwashing fallen Kampagnen und PR-Aktionen, die entweder einzelne Produkte, ganze Unternehmen oder politische Strategien nachhaltiger aussehen lassen, als sie wirklich sind. So versuchen die Unternehmen, neue Kund:innen und neue Marktsegmente für sich gewinnen, und dabei gegebenenfalls sogar die Preise anheben zu können.

Statt Sinn bekommen die Kund:innen eine grüne Mogelpackung. Der Unterschied zwischen echtem Sinn und einer grüngewaschenen Form der Gewinnmaximierung ist also, ob es dem Unternehmen wirklich um ein höheres Ziel geht, oder lediglich um Wachstum und Gewinne.

Neonroter Schriftzug "Change" als Symbol für Veränderung und Sinn und Zweck der Arbeitswelt
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Ross Findon

Ein gutes Gewissen sorgt für treue Kund:innen

Neben der sterilen wirtschaftlichen Perspektive gibt es viele Vorteile. Dazu zählen zum Beispiel glücklichere und engagierte Mitarbeiter:innen, die länger im Unternehmen bleiben, Premiumpreise oder loyalere Kunden.

„Für Unternehmen, die sich voll und ganz auf die Zweckwirtschaft konzentrieren, sind diese Elemente ein nettes Extra – aber nicht die treibende Kraft“, erklärt Horder. „Immer mehr Unternehmen und Führungskräfte, mit denen ich zusammenarbeite, erkennen, dass wir Glück nicht kaufen können“, sagt Horder. „Die Bezahlung ist natürlich immer noch wichtig – aber Erfolgserlebnisse und Sinn ist tatsächlich, dass sie dies anerkennen und es tun, um ein Erfolgserlebnis zu haben und stolz auf ihre Arbeit zu sein.“

Auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass Mitarbeiter:innen, die einen höheren Sinn in ihrer Arbeit sehen, produktiver sind und begeisterter von dem sind, was sie tun. „Durch die wachsende Zahl von Unternehmen, die den Ansatz der Purpose Economy verfolgen, werden auch konservativere Unternehmen gezwungen, die Belange der Mitarbeiter:innen und aller Stakeholder ernster zu nehmen. Wir haben allerdings noch einen sehr langen Weg der Verbesserung vor uns“, erklärt Horder.

Mit Sinn in eine glücklichere Zukunft

Der Trend zeigt also deutlich in eine ganz neue Richtung: Statt eine Balance zwischen Leben und Arbeiten zu finden, suchen junge Menschen heute nach einem Sinn, der sie auch während der Arbeitszeit begleitet. Sie wollen ihr Gewissen nicht der Stempeluhr am Eingang überlassen, sondern sich auch in der Arbeit verwirklichen.

Da diese Menschen auch in ihrer Freizeit höheren Zielen folgen möchten, verändert sich allmählich auch die Nachfrage auf dem Markt. So verändern sich Purpose Unternehmen von zwei Seiten: von innen und von außen – hin zu mehr Sinn für alle.

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