weltverbesserer Wissen Open Science: Neues Denken in der Wissenschaft

Open Science: Neues Denken in der Wissenschaft

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Wissenschaft geht uns alle an. Denn sie liefert die Grundlagen für Antworten auf wichtige Herausforderungen unserer Gesellschaft – nicht zuletzt natürlich in der Medizin. Es wäre also gut, wenn wir alle besser verstehen würden, wie Wissenschaft funktioniert. Und vielleicht muss sich der Wissenschaftsbetrieb dafür etwas verändern. Ein Ansatz ist die Open Science, also die offene Wissenschaft.

Wer hätte sich das vor ein paar Jahren vorstellen können: In den wichtigsten TV-Talkrunden sitzen Epidemologen, Virologen, Physiker, Mathematiker. Sie reden über datenbasierte Rechenmodelle und biologische Mutationslogiken von Viren. Und wir zappen nicht weiter. Klar eigentlich, denn wir alle haben gerade ein ziemlich großes Interesse, unsere Situation besser zu verstehen.

Die mediale Präsenz der Naturwissenschaft hat sich definitiv verändert, eigentlich rockt sie gerade richtig. Forscherinnen und Forscher bespielen plötzlich vor einem großen Publikum ihre eigenen Twitter-Kanäle mit Fachthemen. Andere erklären in Podcasts die Welt aus wissenschaftlicher Sicht. Und auf YouTube erreichen Formate wie das „maiLab“ der Wissenschaftsjournalistin und promovierten Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim Millionen von Menschen. Aber auch unser Anspruch an die Einsicht in wissenschaftliche Erkenntnisse hat sich gewandelt, wir wollen die Dinge genauer wissen. Und idealerweise so differenziert und transparent erklärt bekommen, dass wir sie auch verstehen und hinterfragen können.

Nur: Passt das noch mit dem traditionellen Wissenschaftsbetrieb zusammen? Oder muss sich da etwas verändern?

Erhabener Robotter in kühler Art als Symbol moderner und geschlossener Wisenschaft
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Aideal Hwa

Warum Wissenschaft sich öffnen muss

Es gibt ein Klischee: Das von der Wissenschaft im Elfenbeinturm. In dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit und weit entfernt von den realen Alltagsbedürfnissen der Menschen geforscht wird. Eine elitäre Gilde unter sich, die sich mit eigenen Sprachcodes verständigt und nur ab und zu in die Öffentlichkeit tritt. Zum Beispiel, wenn es wichtige Forschungsergebnisse gibt. Oder, wenn die jährlichen Nobelpreise verleihen werden.

Dieser Eindruck mag zum einen daran liegen, dass Wissenschaft eben ein abstraktes System ist, das sich aus Gesetzen speist, denen überprüfte Hypothesen und Theorien zugrunde liegen. Harter Stoff also, mit vielen Daten im Hintergrund. Da gibt es nicht automatisch Anknüpfungspunkte für unseren Alltag.

Zum anderen funktioniert der klassische Wissenschaftsbetrieb eben nach ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Klar geht es in erster Linie darum, die Forschung voranzutreiben und neue Erkenntnisse zu erlangen. Aber natürlich wird auch die wissenschaftliche Praxis davon beeinflusst, dass Forschung finanziert werden muss – und von Menschen gemacht wird, deren berufliche Profilierung eng an Forschungserfolge gekoppelt ist. Bei den angestrebten Lösungen, die im Dienst der Gesellschaft stehen, spielt so also auch die Frage der Konkurrenz eine Rolle. Also zum Beispiel welche Forschungseinrichtung den Zuschlag für Fördermittel bekommt oder welche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Preisen ausgezeichnet werden. Kaum verwunderlich, dass Forschungsergebnisse gehütet werden, wie Schätze bis sie mit einer Publikation der Fachwelt in Auszügen zur Verfügung gestellt werden. Und auch dann bleiben die Rohdaten der Studien meist unter Verschluss.

TK Banner als Hinweis auf die Gesundheitsleitung des TK Ärztezentrums

Kultureller Wandel für eine effektivere Forschung

Das fühlt sich schon ziemlich anachronistisch an in Zeiten, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse gefühlt zum gesellschaftlichen Allgemeingut geworden sind. Und es führt am Ende zu der Frage, ob es nicht viel sinnvoller, effizienter und schneller wäre, wenn Forschungsdaten, Laborberichte und andere Forschungsprozesse frei zugänglich gemacht werden. Und kollaborativ an wissenschaftlichen Herausforderungen gearbeitet wird? Gerade auch die Corona-Pandemie und die atemberaubende Geschwindigkeit bei der Entwicklung von Impfstoffen zeigt doch, dass eine solche Kooperation eine große Bedeutung für die Gesundheit der Menschen hat.

Die gute Nachricht ist, dass der Ruf nach einem kulturellen Wandel in der wissenschaftlichen Praxis seit einigen Jahren immer lauter wird. Und nicht zuletzt der digitale Umbruch in unserer Gesellschaft beschleunigt diese Idee. Denn tatsächlich war es früher natürlich auch technisch ziemlich schwierig, große Datenmengen verfügbar zu machen. In einer vernetzten Welt, wie wir sie zunehmend erleben, ist das kein großes Problem mehr. Es gibt ein neues Denken, wie die Sache besser funktionieren könnte: „Open Science“ heißt das Schlagwort – offene Wissenschaft.

Wissenschaftlerin im Portrait mit Brille
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Thisisengineering Raeng

Open Science – Teilhabe an Wissen für möglichst viele Menschen

Die Idee: Der wissenschaftliche Prozess soll von der ersten Idee bis zur finalen Publikation transparent, möglichst nachvollziehbar und für alle nutzbar werden. Mit dem positiven Effekt, dass möglichst vielen Menschen die Teilhabe an Wissen und Wissensschaffung möglich wäre.

Mit diesem Ziel gründete sich 2001 die Budapest Open Access Initiative, eine interdisziplinäre Initiative europäischer und amerikanischer Wissenschaftler. 2003 definierten Wissenschaftler in den USA in der Bethesda-Erklärung, wie wissenschaftliches Publizieren unter solchen Bedingungen aussehen könnten. Und schließlich knüpften Forschungseinrichtungen in Deutschland daran mit der wichtigen Berliner Erklärung an, die sich vor allem auf die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung konzentriert: „Mit dem Internet ist zum ersten Mal die Möglichkeit einer umfassenden und interaktiven Repräsentation des menschlichen Wissens, einschließlich des kulturellen Erbes, bei gleichzeitiger Gewährleistung eines weltweiten Zugangs gegeben“, so die Vorbemerkung der Erklärung.

Zu den Erstunterzeichnern der Erklärung gehörte unter anderem die Helmholtz-Gesellschaft. Die größte deutsche Organisation zur Förderung und Finanzierung der Forschung hat seitdem den Gedanken der Open Science in ihrem Selbstverständnis verankert hat. Und ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie deren Helmholtz-Zentren aktiv bei der Umsetzung unterstützt. Außerdem sieht inzwischen eine Open-Access-Richtlinie vor, dass Publikationen spätestens nach ein paar Monaten kostenfrei zugänglich gemacht werden sollen.

Screen mit vielen Daten als Zeichen für Datenschutz und Datenaustausch in einer offenen Wissenschaftspraxis
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Markus Spiske

Anonyme Datenspenden für die Forschung

„Der offene Zugang zu Forschungsdaten wird aus der wissenschaftlichen Arbeitsweise der Zukunft nicht mehr wegzudenken sein und einen erheblichen Mehrwert erbringen“, schreibt die Helmholtz-Gesellschaft in einem 2016 verabschiedeten Positionspapier zum Umgang mit Forschungsdaten. Sie betont darin aber auch, dass Datenschutz in Bezug auf persönliche Daten selbstverständlich eine übergeordnete Rolle spielen muss.

Denn Datenschutz ist­ gerade in Zeiten der Digitalisierung ein wichtiges Thema und muss bei der Forschung immer beachtet werden. Gesundheitsdaten zum Beispiel müssen in Deutschland und Europa besonders geschützt werden. Auf der anderen Seite hat die Pandemie gezeigt, wie wichtig es ist, Daten freiwillig, anonym und unter Einhaltung des Datenschutzes zu nutzen, um Menschen vor Krankheit zu beschützen. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und ermöglicht es Krankenversicherten die Daten ihrer elektronischen Patientenakte freiwillig der medizinischen Forschung zur Verfügung zu stellen. Im Sinne einer offenen Wissenschaft sollten alle Forschungseinrichtungen damit arbeiten können.

Verschiedene Tabletten symbolisieren kollaboratives Arbeiten und den Zweck des Gemeinwohles
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Freestocks

Wissenstransfer als gesellschaftliche Verpflichtung

Digitalisierung schafft eben Chancen. Wie gut sie dabei helfen kann, wissenschaftliche Erkenntnisse in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, zeigt die Arbeit von Emma Hodcroft. Die promovierte Epidemiologin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern hat das Computer-Programm Nextstrain mitentwickelt, das die Mutationen und damit die Übertragungsketten des SARS-CoV-2 verfolgt. Alle Daten und Ergebnisse werden dabei transparent gemacht.

Diese Transparenz hilft nicht nur in Bezug auf den Wissenstransfer in der Forschung. Sie macht die Problematik auch der Allgemeinheit plastisch verständlich. Tatsächlich ist Hodcroft einer der Wissenschaftsstars in diesen Zeiten, auf Twitter wendet sie sich als „Die Virenjägerin!“ mit ihren Themen an zehntausende Follower.

Hodcroft kennt als Pionierin im Bereich Open Science und Teil des Wissenschaftsbetriebs natürlich den Konflikt, der damit verbunden ist. Die wirkliche Währung der Wissenschaft sei die Publikation, diese belege die Leistung und verschaffe Jobs, sagt sie in einem Beitrag des ZDF. „Aber in einer Pandemie müssen wir uns fragen, was uns wirklich wichtig ist. Und für mich ist das Wichtigste das Allgemeinwohl, die Gesundheit von allen.“

Abstraktes Bild eines lila Atoms für die Wissenschaft
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Zoltan Tasi

Open Science für eine offene Gesellschaft

Wissenschaft ist nahbarer und transparenter geworden in diesen Tagen. Und das ist wichtig, gerade in Zeiten, in denen Begriffe wie „alternative Fakten“ als Teil der politischen Agenda von Populisten geschaffen wurden. 2017 gingen Wissenschaftler sogar weltweit beim „March for Science“ für den Wert von Forschung und Wissenschaft auf die Straßen, um angesichts dieser Entwicklungen Flagge zu zeigen.

Schließlich hilft uns Wissenschaft nicht nur aufgrund valider Untersuchungen, Tests und Ergebnisse dabei, Entscheidungen zu treffen. Sie werden uns auch durch sie erklärt. Und wenn Ergebnisse aus der Forschung immer mal wieder kritisiert und sogar widerlegt werden, liegt das in ihrer Natur. Denn auch wenn viele Gesetzmäßigkeiten als dauerhaft bewiesen gelten, ist Wissenschaft kein abgeschlossener Zustand. „Die Welt braucht Wissenschaft und Forschung, um die Welt faktenbasiert und kompetent bewerten zu können“, sagt Prof. Dr. Marco Bohnhoff vom Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum.

Wir Weltverbesserer meinen: Eine offene Gesellschaft braucht eine offene Wissenschaft, denn Transparenz schafft Wissen für die Allgemeinheit. Und das können wir gut gebrauchen. Je besser sich die Wissenschaft in unseren Alltag integriert, desto besser können wir uns den künftigen Herausforderungen der Gesellschaft stellen. Warum also nicht die kollaborative Kraft der Open Science dafür nutzen?