weltverbesserer Leben Neue Wohnkonzepte – So könnten wir in Zukunft wohnen

Neue Wohnkonzepte – So könnten wir in Zukunft wohnen

Foto: iStock.com / AleksandarNakic

Klar kann man von den eigenen vier Wänden träumen. Aber passt diese Idee eigentlich noch so richtig in unsere Zeit? Nicht nur angesichts horrender Quadratmeterpreise und überfüllter Städte, sondern weil sich die Gesellschaft verändert, brauchen wir flexiblere Wohnkonzepte.

Küchentisch, Sofa, Bett: Vermutlich haben wir noch nie so viel Zeit in unserem Zuhause verbracht, wie in den vergangenen Monaten der Pandemie. Und egal ob als Single, Paar, Familie oder Wohngemeinschaft – die Konzentration unseres Lebens auf wenige Räume kann einen schon zum Nachdenken bringen. Entspricht die Art, wie wir wohnen, eigentlich noch unseren Bedürfnissen und Werten? Was macht das mit uns und unserer Gesundheit? Und wie wollen wir in Zukunft wohnen?

Der Wohnraum in den Städten wird knapper, die Mieten steigen – und der Traum vom eigenen Haus mit Garten oder einer Eigentumswohnung in der Stadt kollidiert vielerorts schon allein mit steigenden Kaufpreisen. Und so wird das über Generationen idealisierte Modell des irgendwann abbezahlten Altersruhesitzes immer unrealistischer. In Deutschland leben dem Deutschlandatlas der Bundesregierung zufolge rund 54 Prozent der Haushalte zur Miete und inzwischen stellen die Mietkosten den größten Ausgabe­posten vieler Menschen dar. Wohnen wird immer mehr zum Luxusgut.

Moderne junge Frau mir bunten Haaren steht für Individualismus
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Bedürfnis nach Individualität, Selbstverwirklichung und Flexibilität

Aber es passiert noch etwas anderes: Die Prestige-Objekte Haus und Wohnung haben vielleicht gar nicht mehr die gleiche Bedeutung bei Generationen, deren Wertesystem durch ganz andere Faktoren geprägt wird. Soziales Leben hat sich teilweise in den digitalen Raum verlagert, der Arbeitsmarkt verlangt neue Profile, die den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht werden. Und der Klimawandel erfordert eine neue Denke, wie wir mit dieser Welt umgehen.

Und in diesem Wandel rücken plötzlich ganz andere Werte und Prioritäten in den Mittelpunkt. Zum Beispiel ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Individualität und Selbstverwirklichung. Oder der Anspruch, Arbeit mit Sinnhaftigkeit zu verbinden und dabei die Work-Life-Balance zu schützen. Und vor allem dabei flexibel zu bleiben, um auf den gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Wandel besser reagieren zu können.

Im Fahrwasser dieses Wertewandels hat sich eine ganz neue Vorstellung von Eigentum entwickelt hat. Ob Musik, Filme, Bücher, Fahrräder oder Autos – das Prinzip der Sharing Economy dreht sich nicht mehr darum, etwas zu besitzen, sondern es dann (gegen Gebühr) zu nutzen, wenn man es braucht. Und auch ohne kommerziellen Hintergrund boomt die Idee des Teilens als gesellschaftlicher Ansatz im privaten Bereich und könnte letztlich zu mehr Nachhaltigkeit und Miteinander führen. Und zu einer anderen Form, wie wir wohnen werden.

Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Im Moment deutet alles darauf hin, dass die Bevölkerung in der Bundesrepublik in der Zukunft abnehmen wird. Und gleichzeitig wird sie älter. Im Moment ist bereits rund jeder sechste Deutsche über 67 Jahre alt, 2030 wird es nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts schon jeder fünfte sein. Die Ansprüche an unser Wohnen werden sich also auch anhand der Alterspyramide weiter verändern.

Neue Wohnkonzepte als Animation Future
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Neue Wohnkonzepte für eine neue Zeit

Was also tun? Klar ist: Unsere traditionellen Wohnkonzepte passen nicht zu den umfassenden Veränderungen in unserer Gesellschaft. Wir müssen umdenken. Die gute Nachricht dabei: Das passiert gerade schon. Es gibt viele spannende Ansätze, die ein Gefühl dafür geben, wohin die Reise geht.

Der öffentliche Raum als Lebensbereich

Auf der anderen Seite sind die technologischen Veränderungen nur ein unterstützender Aspekt, wenn es darum geht, Wohnkonzepte gesellschaftlich neu zu denken. Warum sollten wir nicht einfach die ganze Stadt (oder das Dorf) als Wohnlandschaft verstehen. „Third Place Living“ heißt diese schon ein paar Jahrzehnte alte soziologische Theorie. Sie rückt neben dem Arbeitsplatz und der Wohnung noch einen dritten Lebensbereich ins Blickfeld : den öffentlichen Raum.

Tatsächlich geht die Sache inzwischen noch weiter, alle drei Bereiche verschmelzen zunehmend. Und zwar nicht nur temporär, wie es aktuell bedingt durch die Pandemie in unseren Wohnungen stattfindet. Cafés sind inzwischen auch Orte, in denen man arbeitet. Co-Working-Spaces hingegen sind soziale Begegnungsstätten, in denen extrem flexibel und individualisiert gearbeitet, aber eben auch gemeinsam gefeiert wird. Und manchmal weiß man schon gar nicht mehr, ob man nun in einem Café, einer WG oder einem Co-Working-Haus sitzt. Ein Klassiker in diesem Bereich: Das St. Oberholz in Berlin, in dem nur wenig Menschen ohne einen aufgeklappten Computer sitzen, während sie einen Chai Latte oder einen Flat White trinken. Und im oberen Stockwerk gibt es sogar Apartments, die man tageweise mieten kann.

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Warum nicht die Wohnung teilen?

Denkt man das alles weiter, sind wir bei einem großen gesellschaftlichen Experiment, das schon längst angelaufen ist: Collaborative Living. Eigentlich geht es dabei um die Idee der guten alten Wohngemeinschaft, in der jeder nur wenig privaten Raum benötigt und der Rest in Gemeinschaftsbereichen stattfindet. Nur, dass man so etwas natürlich auch größer anlegen kann – vielleicht sogar als kleine Siedlung wie es das Landprojekt KoDorf machen will, in dem Menschen als Genossenschaft organisiert in kleinen Einheiten wohnen und sich in Gemeinschaftseinrichtungen treffen oder dort arbeiten können.

Lies dazu auch: Stadtflucht: Warum jetzt so viele vom Landleben träumen

Interessanterweise passt die Idee des Collaborative Living auch sehr gut zum Sharing-Prinzip. Denn auch beim Wohnen könnte künftig die Maxime lauten: Was brauche ich für mich selbst? Was kann ich den Menschen in meiner näheren Umgebung bieten und wie können diese vielleicht sogar auch mir dabei helfen, meine Wohnsituation zu vervollständigen? Gemeinsames und teilendes Leben könnte einer der wichtigen Schlüssel in die Zukunft des Wohnens sein. Wohngemeinschaften sind ein inzwischen über Jahrzehnte etablierter und gesellschaftlich akzeptierter Lebensentwurf – die Alters-WG ist die konsequente Folge daraus.

Mann und Junge geben sich als Geste die Faust
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Markus Spiske

Jung und Alt unter einem Dach als neues Wohnkonzept

Oder gleich noch einen Schritt weiter: Generationenwohnen, also Häuser, in denen junge und alte Menschen zusammenleben. Das gibt es bereits öfter als man denkt: das Portal der Stiftung trias listet hunderte solcher Wohnprojekte auf. Wie zum Beispiel „wir wohnen zusammen e.V.“ im nordrhein-westfälischen Hattingen, wo seit 2011 ein Barriere-armer Neubau gemeinschaftliches und kulturelles Leben zwischen den Generationen ermöglicht.

Für Studierende können solche Modelle sogar eine Möglichkeit sein, den Wohnungsmangel in größeren Universitätsstädten zu umgehen und dabei noch sinnvoll in ein Mehrgenerationenmodell einzutreten. „Wohnen für Hilfe“ heißt die Idee, mit der die Studentenwerke einen Ausweg für wohnungslose Studierende organisieren. Sie vernetzen sie mit älteren Menschen, die Platz in ihrer Wohnung oder Haus haben. Die Faustregel: Pro Quadratmeter Wohnfläche bietet man eine Stunde Hilfe für die Senioren mit. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

Die Architektur hat bereits viele Antworten

Klar ist: Wir brauchen auch architektonische Konzepte, die unsere neuen Wohnbedürfnisse abbilden – und dabei auch zukunftsfähig sind. Das aber ist gar keine so leichte Aufgabe, wie der Blick in die Vergangenheit zeigt. In den 1960er- und 1970er-Jahren zum Beispiel wurden zahlreiche visionäre Ideen umgesetzt, die das Wohnen und Leben in der Moderne neu definieren sollten. Damals entstanden Großsiedlungen wie das Olympiadorf in München oder die Gropiusstadt in Berlin, moderne Hochhäuser eingebettet in dorfähnliche Strukturen mit offenen Räumen und Plätzen, Supermärkten, Einzelhandel und Unterhaltungseinrichtungen. Doch diese von großen gesellschaftlichen Ideen inspirierten Betonlandschaften waren zu starr konzipiert und versagten am wandelnden Zeitgeist kommender Jahrzehnte.

Innenstädte sind auch so ein Fall. Mancherorts funktioniert das Konzept der Einkaufsgegend nicht mehr. „Es sterben nicht die Stadtzentren – sondern es stirbt ein Geschäftsmodell unserer Innenstädte, das die europäische Stadt zuvor untergrub. Die reine Einkaufsstraße hat ausgedient“, konstatiert der Autor eines Beitrags im „Deutschen Architektenblatt“, der über eine Neuprogrammierung der Innenstädte sinniert. Die Lösung: Weg von den kommerziellen Monokulturen und stattdessen Wohnungen, Angebote für Co-Living und Co-Working schaffen – und sogar urbane Landwirtschaft im Stadtzentrum betreiben: „Es gilt, das lokale Kolorit unserer Städte wiederzuerwecken und zu entdecken.“

Tiny Haus Kleines Haus
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Armin Basdew

Modulares Wohnen auf engstem Raum

Was wir heute außerdem brauchen, sind flexible und modulare Konzepte, die sich dem schnellen Wandel unserer Gesellschaft anpassen können. Ein gutes Beispiel dafür sind Tiny Houses, kleine autonome Wohneinheiten, die auf engstem Raum alles bieten, was eine große Wohnung oder sogar ein Haus normalerweise bieten. Nur eben genial verschachtelt und modular umgesetzt – also zum Beispiel ein Bett, dass tagsüber zum Schreibtisch wird oder eine Küche, die im Schrank verschwindet. Eigentlich ist das eine architektonische Antwort auf knappen urbanen Wohnraum, aber zunehmend entspricht das auch einem Lebensmodell, das sich aus dem Bedürfnis nach Minimalismus, je nach Standort auch Naturnähe, Entschleunigung, und autarker Flexibilität speist.

Tiny Houses könnten übrigens auch der Wohnungsnot eine Alternative entgegensetzen. Wie das aussehen würde, zeigte das 100-Euro-Haus von Le-Mentzel in Berlin, mit dem der Architekt Van Bo Le-Mentzel schon 2016 in einem 2 x 3,20 Meter kleinen Holzhaus gelebten Minimalismus mit einer genial designten, voll ausgestatten Wohnung kombinierte. 100 Euro Miete, so seine Idee, sollte so eine Mini-Wohnung im Monat kosten. Und wer weiß, vielleicht ist das Studentenwohnheim der Zukunft ja eine beliebig erweiterbare Ansammlung solcher Wohnwürfel?

Glückliche Frau in der Stadt
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Guilherme Stecanella

Neue Wohnkonzepte für eine bessere Gesellschaft

Wer sich ein wenig umsieht, findet viele spannende architektonische Antworten auf die komplexen Veränderungen, die wir als Gesellschaft erleben. Sie zeigen, dass wir uns ein Stück weit von traditionellen Vorstellungen des Wohnens verabschieden müssen, aber dadurch große Möglichkeiten bekommen, wie wir künftig wohnen werden.

Und am Ende könnten wir so an einigen Stellen für eine bessere Welt punkten. Denn wenn wir unsere Werte in unsere Wohnumgebungen übertragen, finden wir Anknüpfungspunkte für ein gesellschaftliches Miteinander. Das ist wichtig, denn wir brauchen nicht nur eine funktionelle Antwort auf die Frage, wie wir künftig wohnen wollen, sondern auch eine soziale. Und wenn das dabei noch mit dem Bedürfnis nach Flexibilität und Unabhängigkeit korrespondiert – um so besser. Je besser wir diese Antwort formulieren desto besser wird auch unser gesellschaftliches und persönliches Wohlbefinden dadurch werden.

Und vielleicht sind neue Wohnkonzepte am Ende sogar eine Mosaiksteinchen für ein neues Denken, mit dem wir unsere Gesellschaft offener und nachhaltiger machen können.