weltverbesserer Leben Neue Esskultur: Wie sich unsere Essgewohnheiten geändert haben und ändern werden

Neue Esskultur: Wie sich unsere Essgewohnheiten geändert haben und ändern werden

Foto: iStock.com / martin-dm

Die Trends in der Ernährung ändern sich ständig – und unser Essverhalten ändert sich gleich mit. War in den 1990ern gesüßter Kinderquark angeblich noch so wertvoll wie ein kleines Steak, gilt Steak heute nicht mehr als wertvoll für eine gesunde Ernährung. Wir haben uns die Entwicklungen mal angeschaut und zeigen euch, was sich in unserer Esskultur und auf unseren Tellern alles tut.

„Iss nichts, das deine Oma nicht als Essen erkannt hätte“, beten Ernährungswissenschaftler:innen heute wie ein Mantra vor. Und doch kommt es vor, dass wir paniertes Hähnchen in Dinoform oder sogar Fertiggerichte zu uns nehmen, wenn es mal schnell gehen muss. Doch es tut sich was auf den Tellern.

Gerade in den letzten Jahren hat sich viel verändert in unserer Esskultur. Nicht zuletzt durch allerlei Skandale in der Nahrungsmittelindustrie schauen die Menschen wieder verstärkt darauf, was denn da eigentlich bei Ihnen auf dem Teller landet. Schlagworte wie „Bio“ und „Regional“ werden dabei immer wichtiger. Und auch gesunde Food-Trends wie die hawaiianischen Bowls mit frischem Gemüse und Obst und Smoothies rücken in den Fokus.

Ernährung früher und heute

Bereits vor Corona konnte man sich vor allem in den Großstädten nach Herzenslust gesund durch die Gegend schlemmen. Und dabei richtig gut essen. Ob vegan, biologisch oder regional – mit dem Trend zu einer gesunden Ernährung steht oftmals die Wirkung auf den eigenen Körper im Mittelpunkt. Die Esskultur entwickelte sich bereits hin zu ausgewogen und gesund.

Im Essverhalten hat die Pandemie wie ein positiver Beschleuniger gewirkt. Viele Menschen kochen nun häufiger Zuhause und selbst. Das führt gleichzeitig dazu, dass die Verbraucher auch bewusster einkaufen gehen. Auch die Ergebnisse der jährlichen repräsentativen Forsa-Umfrage (Ernährungsreport 2020) unter 1.000 Verbraucherinnen und Verbrauchern im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, zeigen einen positiven Trend. So hat Corona nicht nur die Sichtweise auf das was wir essen, sondern auch die Sicht auf die heimische Landwirtschaft und damit die regionale Erzeugung verändert. Die Esskultur beinhaltet nun auch die Herkunft. 39 Prozent der Befragten gaben an, dass seit der Pandemie die Landwirtschaft für sie an Bedeutung gewonnen habe.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Zahl der Verbraucher:innen, die verstärkt auf saisonale Produkte mit kurzen Transportwegen zurückgreifen wollen, steigt. Auch das Koch- und Essverhalten entwickelt sich durch Corona eher positiv. Laut dem Ernährungsreport kochen 30 Prozent nun häufiger selbst. Ganze 28 Prozent essen wieder häufiger zusammen und 21 Prozent kochen öfter zusammen. Ein Trend, der nicht nur schmeckt, sondern auch für mehr soziales Miteinander sorgt und richtig guttut.

Gesunde Esskultur: Schale mit Beeren und Schale mit Paprika- und Karottensticks
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – S Well

Neue Mahlzeit: Snacking

Heute essen wir nicht mehr traditionell drei Mahlzeiten am Tag wie Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Wir essen immer dann, wenn es gerade passt, wenn wir Hunger haben oder gerade Zeit für eine Pause ist. Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin beim Zukunftsinstitut, stellt in dem jährlichen Food Report die Ernährungsgewohnheiten von morgen vor. Zum Trend Snacking stellt sie in einem Interview fest: „Das bedeutet, dass sich die traditionelle Speisenfolge, wie wir sie hierzulande kennen, zunehmend auflöst.“

Demnach verdrängen die Snacks unsere traditionellen Essgewohnheiten. „Nicht mehr die Essenszeiten strukturieren unseren Alltag, sondern wir passen andersherum unsere Essgewohnheiten und -strukturen dem mobilen und flexiblen Leben an. Diese „Snackification“ unserer Esskultur wird unsere Art und Weise, wie wir essen, grundlegend verändern“, so die Trendforscherin.

Zwar gibt es seit den 1980er Jahren zunehmend Snacks wie Schokoriegel oder süße Kaffeegetränke auf die Hand, doch es zeigen sich auch positive Trends. Seit das Angebot an Tiefkühl-Obst und -Gemüse steigt, essen die Menschen auch mehr davon. Längst müssen wir nicht mehr auf die Erdbeersaison warten, wenn wir die süßen Früchte über unser Müsli streuen möchten. Tiefgekühlte oder gefriergetrocknete Produkte verhelfen uns ganz einfach zu einem deutlich höheren Obst- und Gemüsekonsum. Aktuell kommen Durchschnittsdeutsche auf 87,8 Kilogramm Obst im Jahr. Insgesamt geht der Foodreport 2020 davon aus, dass sich dieser Trend weiter fortsetzen wird, und Snack insgesamt immer wichtiger werden.

Esskultur: Zwei Pizzakartons werden über die Theke an den Kunden gereicht
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Dan Burton

So hat Corona die Essgewohnheiten verändert

Seit die Pandemie Deutschland fest im Griff hat, hat sich auch unser Essverhalten geändert. Restaurantbesuche sind aktuell zwar noch Zukunftsmusik und damit auch die Möglichkeit, mal wieder bekocht zu werden, doch das positive daran ist: es wird wieder mehr selbst gekocht. Das Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin hat in der Forsa-Studie „Lebensstil und Ernährung in Corona-Zeiten“ untersucht, wie sich das Essverhalten deutscher Familien während der Pandemie verändert hat.

Ganze 79 Prozent der Befragten gaben an, sich genauso gesund zu ernähren wie vorher. Ungefähr zwei Drittel der Befragten gaben an, seit Beginn der Pandemie nahezu die ganze Zeit oder zumindest teilweise im Homeoffice zu arbeiten, was sich entsprechend auf das Essverhalten ausgewirkt hat. Ein positives Ergebnis der Umfrage: 14 Prozent gaben an, sich gesünder zu ernähren. Dieser Umstand ist jedoch untrennbar mit der Möglichkeit auf Homeoffice verbunden und steht in direkter Verbindung zu Bildung und Einkommen. Überraschend ist, dass nur acht Prozent der Menschen ihr Essen häufiger bestellen und nur zehn Prozent Gerichte zum Mitnehmen ordern. 11 Prozent bestellen laut der Studie sogar seltener und 17 Prozent der Teilnehmer:innen holen sich sogar weniger oft To-Go-Mahlzeiten als vor der Corona-Krise.

Immer mehr Menschen kochen selbst

Eine deutliche Veränderung zeigt sich auch für die Zubereitung der Mahlzeiten. Insgesamt gaben 30 Prozent der Befragten an, häufiger selbst zu kochen als vor der Pandemie. Von den Menschen, die komplett Zuhause arbeiten, kochen 43 Prozent häufiger. Auch die Menschen, die nur teilweise von Zuhause aus arbeiten, kochen dennoch öfters (29 Prozent). Unter denjenigen, die nicht im Homeoffice arbeiten können, kochen dennoch 18 Prozent wieder mehr selber als noch vor der Corona-Krise.

Und selbst bei denen, die sonst eher zu den Koch-Mufffeln gehören tut sich also einiges. Kochboxen, die mit fertig abgewogenen Zutaten und Rezepten die Zubereitung zu Hause total einfach machen, sind ein beliebter Trend. Es scheint sich eine neue Esskultur zu etablieren, mit der Kochen unkomplizierter und gesünder wird.

Neue Esskultur: Weibliche Hand schneidet frische Kräuter
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Alyson Mcphee

Trend: Gemeinsame Mahlzeiten

Ein weitere Entwicklung in unserer Esskultur, die sich abzeichnet: Egal ob bestellt oder selbst gekocht, Familien essen wieder häufiger zusammen. Während vor der Pandemie viele Familien unter der Woche keine Zeit fürs gemeinsame Essen hatten, und nur 45 Prozent der Kinder wochentags mit mindestens einem Familienmitglied zu Mittag aßen, hat sich das jetzt entscheidend geändert. Offenbar nutzen mehr Familien den Lockdown, um Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen und mit den Kindern zu kochen.

Allerdings bemerkt die Bundesregierung auf ihrer Website auch, dass es manchen Menschen wohl so gut schmeckt, dass die Zahl der Übergewichtigen seit Beginn der Pandemie steigt. „Wahrscheinlich wurde mehr und anders gegessen, vielleicht spielt bei Einzelnen auch „Frustessen“ eine Rolle. Ein weiterer Risikofaktor kann ein Rückgang an regelmäßiger Bewegung sein – sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen“, erklärt Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit in einem Interview auf der Website.

Denn vor allem das Dessert und snackbare Süßigkeiten erfüllen momentan die Rolle eines essbaren Seelenpflasters. Während wir unsere Freund:innen nur sehr begrenzt sehen dürfen, tröstet uns das süße Vergnügen vermeintlich. Es erinnert uns heimlich an die glücklicheren Tage unserer Kindheit, als scheinbar noch alles gut war.

TK Leistung zum Ernährungscoaching Bild eines Tablets auf Holztisch mit Gewürzen und Tomaten

Das Essen der Zukunft

Unsere Welt verändert sich und damit verändert sich auch die Gesellschaft und die Herausforderungen, vor denen wir stehen. So ist beispielsweise einer der Haupt-Klimakiller in unserem Kühlschrank das Fleisch. Eine dahingehende positive Entwicklung ist, dass seit Beginn der Pandemie der Fleischkonsum sinkt. Einer der anhaltenden Gegen-Trends ist die fleischlose Ernährung. Fleischalternativen aus Lupinen-, Soja- oder Erbsenproteinen drängen vermehrt in die Supermarktregale und auch auf unsere Teller.

Auch Bio-Diversität, also der Schutz und die nachhaltige Nutzung der Natur rückt neben Urban-Farming, sprich das Gärtnern im städtischen Raum, das Lebensmittel produziert, verstärkt in den Blickpunkt der Menschen. Laut Food-Report 2021 wollen immer mehr Menschen Lebensmittel nicht nur „verbrauchen“, sondern „erleben“. Auch Trends wie DIY Food erfährt mit der Corona-Krise einen neuen Aufschwung und wird zum Bestandteil unserer Esskultur. So führt beispielsweise der Shutdown in der Gastronomie dazu, dass die Menschen wieder mehr Zuhause in der eigenen Küche zubereiten.

Frisch und gesund ist gefragt

Zugleich führt es dazu, dass mehr Frischobst gekauft und verzehrt wird. Ebenso erleben die Erzeuger und Anbieter von Gemüse-Kisten enormen Zulauf. Vor allem bei Lieferservices für Lebensmittel aus biologischem Anbau sind die Anfragen stark gestiegen. So ist Nachfrage in Deutschland und Österreich im Zuge der Corona-Krise massiv angestiegen – manche Anbieter sprechen von 50 bis 60 Prozent (Quelle: Zukunftsinstitut.de). Damit steht die Gesellschaft vor der Herausforderung, die Nachfrage nach frischen und gesunden Lebensmitteln zu gewährleisten. Neben genügend Flächen für den Anbau, ist auch der schonende Umgang in der Produktion nötig, um der Nachfrage gerecht zu werden. Und das wiederum rückt den Umgang mit der Bio-Diversität, der Natur und der Landwirtschaft in den Fokus.

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