weltverbesserer Leben Moderne Zwangsgedanken – wie man sie erkennt und was man dagegen tun kann

Moderne Zwangsgedanken – wie man sie erkennt und was man dagegen tun kann

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Wir haben alle etwas, bei dem wir irrational zwanghaft sind: Dass immer eine zweite Flasche Shampoo als Reserve im Bad stehen muss, wir morgens im Treppenhaus nochmal umdrehen, um zu schauen, ob die Tür wirklich abgeschlossen ist oder auf dem Schreibtisch alle Bleistifte in dieselbe Richtung zeigen müssen. Wir alle haben unsere kleinen Ticks und Zwänge. Doch bei manchen Menschen sind diese Zwänge etwas ausgeprägter – und belastender. Während der Pandemie haben sich einige Zwänge intensiviert. Und dann gibt es noch „moderne Zwangsgedanken“, die sich in unser Leben einschleichen.

Es gibt Gedanken, die uns nicht loslassen. Manchmal rauben sie uns auch den Schlaf. Bis zu einem gewissen Grad ist das völlig normal. Zwanghaft wird es, wenn dieselben Gedanken immer und immer wieder auftauchen. Und dabei geht es nicht darum, dass wir uns an unseren schönen Urlaub erinnern oder uns sehr auf etwas freuen. Von Zwangsgedanken sprechen Psycholog:innen, wenn uns andauernd unangenehme Vorstellungen, Befürchtungen oder Angstgedanken heimsuchen: etwa die Angst, dass unser Haus brennt, eine geliebte Person schwer krank wird oder wir unsere Zähne verlieren könnten.

Wenn du dich darin wiederfindest, lass dir gesagt sein: Du bist nicht allein. Zwangsstörungen kommen relativ häufig vor: drei von 100 Menschen plagen irgendwann im Laufe ihres Lebens Gedanken, die sie einfach nicht in Ruhe lassen.

Damit ist die Zwangsstörung die vierthäufigste psychische Störung. Oft tauchen sie schon bei Kindern oder jungen Erwachsenen auf, aber auch später im Leben können sich Zwangsgedanken in unser Bewusstsein schleichen. Häufig beginnt die Zwangsstörung schon im Alter zwischen 12 und 14 Jahren oder zwischen 20 und 22 Jahren. Bei Jungen und Männer tauchen die Zwänge im Durchschnitt fünf Jahre früher auf als bei Mädchen und Frauen. Bei 85 Prozent der Betroffenen sind die Zwänge bereits vor ihrem 30 Geburtstag ausgeprägt.

Immer wiederkehrende Gedanken können zu Zwangsgedanken werden
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Wenn Gedanken zur Störung werden

Eine Zwangserkrankung ist mehr als ein gelegentlicher negativer Gedanke. Sie zeichnet sich durch ungewollte und dennoch wiederkehrende Grübeleien aus. Psycholog:innen nennen diese Gedanken auch Obsessionen, da die Betroffenen wie besessen von diesen Gedanken sind. Dabei ist den meisten Betroffenen durchaus klar, dass diese Ideen nicht der Realität entsprechen oder völlig übertrieben sind. Und gerade dieser Zwiespalt macht es so schwer, mit Zwangsgedanken zu leben. Die Gedanken drängen sich einfach wie ein ungebetener Gast auf. Weil ihnen die Gedanken so merkwürdig erscheinen, verstecken viele Betroffene ihre Zwänge vor anderen.

Häufig beziehen sie sich auf diese Themen:
• Gewalt und Aggression
• Schmutz und Verseuchung
• Sexualität
• Religion und Magie
• Ordnung
• Grübelzwang

Manchmal kann auch intensives Grübeln auftauchen, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht. Doch auch kleine Entscheidungen, etwa welchen Rucksack man kaufen möchte, kann einen ganzen Tsunami an Grübeleien auslösen. Diese Zwangsgrübelei kann allerdings auch ein Symptom einer Depression sein. Deshalb gehören allzu belastende Zwangsgedanken unbedingt in professionelle Hände.

Zwangsgedanken führen zu Zwangshandlungen
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Unter Zugzwang

Zwangsgedanken machen Angst und lösen den Drang aus, zu Handeln. Deshalb geht eine Zwangserkrankung oft mit zwanghaften Handlungen einher. Zwanghaft wird das Prüfen, ob man die Wohnungstür wirklich abgeschlossen hat, erst, wenn sich solche Verhaltensweisen extrem häufen und so dominant werden, dass sie den Betroffenen das alltägliche Leben erschweren.

Vor allem mit den Zwangshandlungen hoffen die Betroffenen, Ängste, Unbehagen oder auch Abscheu zu verringern und die Kontrolle über ihre Gedanken und Gefühle zurückzuerlangen. Nach vielen Jahren mit einer unbehandelten Zwangsstörung können solche Handlungen oder Gedanken allerdings so in Fleisch und Blut übergehen, dass manche Betroffene sie nicht mehr als sinnlos, sondern als notwendig oder zumindest alltäglich erleben. Das kann sich darin ausdrücken, dass sie ihre Wohnung penibel und immer wieder putzen oder andauernd neue, saubere Kleidung anziehen.

Zwänge in der Corona-Zeit

Vor allem seit Beginn der Pandemie, breiten sich Zwänge aus. Sowohl Menschen, die sich durch eine Therapie von ihren Zwangsgedanken lösen konnten als auch vormals noch nicht von Zwängen belastete Menschen, prägten neue oder stärkere Zwangsgedanken und -handlungen aus. Während der psychischen Belastung und dem subjektiven Kontrollverlust geben Zwänge die Illusion von Sicherheit und Stabilität. Dabei ist es umso schwerer den veränderten Alltag und die Zwänge zusammen zu meistern.

Wenn jemand beispielsweise Zwangsgedanken dazu hat und sich fürchtet, durch eine Infektionskrankheit sehr krank zu werden, dann ist die reale Gefahr durch eine globale Pandemie Wasser auf die Mühlen der Zwangsstörung. Und Waschzwang war schon vor der Pandemie eine häufige Zwangshandlung, bei der sich die Betroffenen 60-mal oder sogar öfter am Tag die Hände waschen. Für diese Menschen ist der offizielle Aufruf zum häufigen Händewaschen ein extremer Trigger.

Manche Menschen können ihre Bewältigungsstrategien oder Rituale, die ihnen sonst helfen, durch die pandemiebedingten Einschränkungen nicht mehr anwenden. So zerrt die Corona-Krise enorm an den Kräften vieler Menschen, die von einer Zwangserkrankung betroffen sind.

Lies dazu auch: Selbstvertrauen aufbauen: Respect yourself in 8 Schritten

Der Zwang und die anderen

Hinter jedem Zwang stecken großes Leid und meist auch viel Angst. Doch auch die Menschen im direkten Umfeld der Betroffenen werden durch den Zwang oft in Mitleidenschaft gezogen. Denn entweder müssen sie sich hintenanstellen, wenn die betroffene Person sich zwanghaft um ihre Aufgaben kümmert. Oder die Betroffenen übertragen ihren Perfektionismus auch auf ihr Umfeld.

Auch Zuneigung wird nur unter strenger Kontrolle bezeugt. Menschen mit dieser Störung können sich in Beziehungen als formal, steif und ernst präsentieren. Häufig sprechen sie erst, wenn sie die perfekten Worte gefunden haben. Sie können sich auf Logik und Intellekt berufen und emotionalem oder ausdrucksvollem Verhalten gegenüber intolerant sein.

Moderen Medien führen zu modernen Zwangsgedanken
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Moderne Zwangsgedanken

Doch neben den Klassikern wie Wasch- oder Hygienezwängen haben wir es heute mit Gedanken und Handlungen zu tun, die die Generationen vor uns noch gar nicht kennen konnten: Die modernen Medien drängen uns manchmal Gedanken und Verhaltensweisen auf, die wir ohne diese Medien gar nicht hätten.

Den Alltag vermessen

Seit Wearables und Fitnesstracker für kleines Geld zu haben sind, tracken manche Menschen alles, was trackbar ist: ihr Schlafverhalten, ihre täglichen Schritte oder die verbrannten Kalorien. Das kann durchaus gesund sein. So zeigte eine kleine Stichprobe, dass Menschen mit einem Fitnesstracker pro Tag im Schnitt 970 Schritte mehr zurücklegten als Menschen ohne ein solches Armband.

Doch für manche wird das Vermessen ihres täglichen Lebens zu einem zwangsähnlichen Zustand. Dass sich die vermeintlich gesundheitsfördernde Vermessung in innere Unruhe verwandeln könnte, befürchtet auch der Sportsoziologe Prof. Dr. Robert Gugutzer, der das Self-Tracking als Risiko sieht. Er forscht darüber, ob das alltägliche Tracking bei manchen Menschen Stress, Druck und den Drang zur steten Selbstoptimierung auslösen kann. Er fürchtet auch, dass durch Sportuhren und Smartwatches aus der gemütlichen Joggingrunde jedes Mal ein kleiner Wettkampf mit anderen werden kann. Wir unterwerfen uns freiwillig den Daten – und nehmen Vergleich und Bewertung am Handgelenk mit.

Wenn das Essen zum Stressfaktor wird

Über Social Media werden wir mit Fotos von hübschen Bowls und „What I eat in a day“-Videos bombardiert. Und so ist für einige Menschen sogar ihre Ernährung zu einem Feld des Zwangs geworden: Sie versuchen sich zwanghaft gesund zu ernähren. Psycholog:innen sprechen hier von Orthorexie. Rein von der Wortbedeutung handelt es sich dabei um die Sucht zum gesunden Essen. Dennoch hat die Orthorexie eher Züge eines Zwangs. Deshalb ist es bislang auch keine offizielle Diagnose.

Der Unterschied zwischen dem normalen Wunsch, sich gesund und ausgewogen zu ernähren und einem zwanghaften Verhalten erkennst du an diesen Punkten: Du…

  • kannst an wenig anderes als an gesunde Ernährung denken.
  • planst deine Mahlzeiten, so wie du einkaufst und was du isst, ganz genau.
  • hast fast schon Angst vor Lebensmitteln, die dir ungesund erscheinen.
  • beschäftigst dich intensiv mit Nährwerten und den Vitamin- und Mineralstoffgehalte deines Essens.
  • versuchst auch andere von deiner perfekten Ernährung zu überzeugen.
  • fühlst dich schlecht, wenn du dich mal ungesund ernährt hast.
  • gehst nicht mehr mit Freund:innen essen, da dir deine Ernährung wichtiger ist als das soziale Miteinander.
Stress im Smartphone
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Stress im Smartphone

Likes, nette Kommentare und Nachrichten verzücken unser Gehirn. Für jedes Herzchen belohnt es uns mit einem kleinen Cocktail aus Glückshormonen. Das macht die Apps und Plattformen für uns so unwiderstehlich. Dadurch schauen wir immer wieder nach, ob jemand mit uns in der digitalen Welt interagiert hat. Doch das Ganze hat mehrere Haken: Wir können kaum anders, als uns mit den anderen in unserem Stream zu vergleichen. So bekommen vor allem jüngere Menschen das Gefühl, etwas zu verpassen (FOMO) oder fühlen sich allein, wenn sie andere mit ihrer ganzen Clique auf Selfies sehen. Und das, obwohl wir doch eigentlich alle wissen, dass das meiste nur schöner Schein ist. Daraus können viele psychologische Probleme entstehen, die teils mit dem Selbstbild und, teils mit der Screen-Time zu tun haben.

Social-Media-Unruhe

89 Prozent der Deutschen besitzen ein Smartphone. Das heißt, dass sogar weniger technikaffine Altersgruppe über 65 Jahren auch ein Smartphone mit sich herumtragen. Durch diese Geräte sind wir durchgehend erreichbar und haben Tag und Nacht Zugriff auf Social Media. Nach einer Studie erleben 31 Prozent von uns einen Zwang, immer wieder auf diesen internetfähigen Begleiter zu schauen. Ebenso fällt es ihnen schwer, berufliche Mails und Chat-Nachrichten nicht mehr nach Feierabend abzurufen. Auch zeigte die Studie, dass während der Pandemie das Smartphone nochmals wichtiger für uns geworden ist, da es während der Lockdowns unsere Brücke zu anderen Menschen war.

Vielleicht kennst du es ja von dir selbst: Du arbeitest, strengst dich an, und sobald du einen Gedanken abgeschlossen hast, belohnst du dich mit dem Griff zum Smartphone. Noch gilt der ständige Drang, aufs Smartphone zu schauen, nicht als Zwang. Es scheint eher ein Symptom von Stress zu sein. Doch Psycholog:innen blicken mit zunehmender Sorge auf ein mit dem Smartphone verbundenes Risiko: die Internetsucht. Von Internetsucht sprechen sie dann, wenn typisches Suchtverhalten zu erkennen ist, also die Betroffenen nicht mehr aus eigenem Willen damit aufhören können, extrem viel Zeit online verbringen und sich ihre Gedanken nur noch um die digitale Welt drehen. Dabei vernachlässigen die Betroffenen auch reale Kontakte und ziehen sich mehr und mehr zurück.

Was du dagegen tun kannst

Wir alle haben kleine Ticks und Spleens. Bei leichten Zwangsgedanken kann etwas Ruhe und Entspannung helfen. Im Netz findest du zahlreiche Tipps, Apps und Ideen, wie du etwas mehr Gelassenheit in deinen Alltag bringen kannst. Die Techniker Krankenkasse hat eine viele Informationen zum Faktor Stress allgemein oder auch speziell für Stress in der Familie.

Doch bei einer echten Zwangsstörung, die als Belastung im Alltag wahrgenommen wird, führt kaum ein Weg an einer Psychotherapie vorbei. Im Internet findest du Informationen, falls du oder jemand in deinem Umfeld professionelle Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Wer versteht, wo die Zwänge herkommen, kann lernen, mit ihnen umzugehen und sie allmählich loszulassen. Und keine Panik, viele Zwänge sind viel normaler, als du denkst.