weltverbesserer Leben Minimalistisch leben: Wie werden wir mit weniger glücklicher?

Minimalistisch leben: Wie werden wir mit weniger glücklicher?

CC0 Public Domain / Unsplash - Greg Rosenke

Kahle Wohnungen in denen nichts als Leere und das Echo leben. Und was noch da ist, ist beige oder grau. Denn selbst bei Farben knausern Minimalisten. Wer von ihnen mehr als 100 Teile hat, gilt als verschwenderisch. Und auch am Spaß sparen sie. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls bekommen, wenn man dem Minimalismus im Internet begegnet. Aber minimalistisch leben geht auch ganz anders und kann die Welt verbessern.

Minimalismus kann nämlich nicht nur weniger. Ganz im Gegenteil – Minimalismus kann mehr. Seinen Anhängern bringt er mehr Geld, mehr Ruhe und oft auch mehr Glück. Wie schaffen wir es, uns auf das Wesentliche zu besinnen und minimalistischer zu leben? Und wohin mit all dem Überfluss? Wir geben Tipps und Tricks für ein minimalistisches Leben.

Schild "All you need is less"
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Etienne Girardet

Minimalistisch leben als Trend

Unser Zuhause schrumpft nicht und doch findet all unser Zeug kaum noch Platz. Denn unsere Wohnungen und Häuser werden immer voller und wir holen immer mehr, immer hoch technisierte Dinge in unser Leben. Während laut Erhebungen ein Durchschnittsdeutscher etwa 10.000 Dinge sein Eigen nennt und US-Amerikaner sogar 300.000, brauchen wir davon nur einen Bruchteil wirklich.

Und wir scheinen noch nicht genug zu haben: Zwischen den Jahren 2000 und 2015 ist beispielsweise der Modekonsum in Deutschland um 64 Prozent gestiegen. Mittlerweile kauft der Durchschnittsdeutsche jedes Jahr 60 neue Kleidungsstücke. Und diese werden auch nur halb so oft getragen, wie das nach der Jahrtausendwende noch der Fall war.

Aussortieren für Fortgeschrittene

Während viele also immer mehr wollen, wünschen sich andere nur eines: weniger. So entstand in den letzten Jahren ein immer beliebter werdender Gegentrend. Schon vor der Pandemie mauserte sich das Ausmisten zum Sport einer immer größer werdenden Gruppe. Durch Internet-Videos, Blogs und Dokumentationen über Minimalismus sprangen immer mehr Menschen auf diesen Trend auf.

Dass die Deutschen das Aussortieren und Reduzieren für sich entdeckt haben, zeigt auch eine YouGov-Umfrage in Kooperation mit Statista. Fast alle Menschen in Deutschland gab an, auszumisten, aufzuräumen und Dinge wegzugeben. Neun Prozent machen das sogar mehrmals im Monat, 13 Prozent einmal pro Monat, 27 Prozent einmal pro Halbjahr. Nur 1 Prozent geben an, nie auszumisten.

Allerdings ist längst nicht jeder Ausmistwillige auch gleich ein Minimalist: 43 Prozent der Befragten wollen so für mehr Ordnung schaffen. Und 41 Prozent gaben an, dass sie aussortieren, weil Ihnen der Platz für Neues fehlt. Die 37 Prozent, die sich nach dem Ausmisten befreit fühlen, sind allerdings die Kandidaten, für die der Minimalismus genau das Richtige sein könnte.

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Der Wunsch nach Weniger

Besonders junge Menschen spricht das neue Lebensmodell an, da sie sich schon lange nach anderen Statussymbolen sehnen als ihre Eltern. Statt dem Firmenwagen oder dem Reihenhaus vergleichen sie, was sie alles nicht haben. Doch beim Minimalismus geht es nicht um das Echo in der Wohnung und eine möglichst niedrige Zahl an Dingen, wie manche Videos zu suggerieren versuchen: Es geht darum, nur Dinge in unser Leben zu lassen, die uns wirklich glücklich machen.

Lies dazu auch: „Das brauche ich nicht“ – Interview über den Weg zu mehr Konsumgelassenheit

Regelmäßig auszumisten ist also kein Minimalismus, sondern Teil eines Kreislaufs aus Kaufen, Aussortieren und Ersetzen. Ausmist-Minimalisten denken ihr Weniger folglich von der anderen Seite her: Statt weniger einzukaufen, wie bei der Idee der Konsumgelassenheit, sortieren angehende Minimalisten aus und reduzieren, was sie bereits haben. Und solange sich das Kaufverhalten nicht gleich mit verändert, bleibt der Minimalismus immer nur an der fein-säuberlich aufgeräumten Oberfläche.

Was ist Minimalismus?

Die Vorreiter-Minimalisten Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus haben vor über einem Jahrzehnt den Minimalismus für sich entdeckt. Auf ihrem Blog „The Minimalists“ erzählen sie davon, was Minimalismus für sie bedeutet und welche Rückmeldungen sie aus ihrem Umfeld bekommen. Dabei berichten sie auch immer wieder von Menschen, die ihnen vorwerfen, keine Minimalisten zu sein, weil sie vermeintliche Luxusobjekte besitzen wie einen Fön. Doch hier liegt der Haken, denn Minimalismus hat keine festen Regeln: Jeder legt diese für sich selbst fest. Minimalismus sucht nicht nach Verboten – sondern nach dem, was wirklich wichtig ist.

Gelegentlich wird der Minimalismus deshalb auch als Essentialismus bezeichnet: die Suche nach dem, was wirklich Wert und Bedeutung hat. Alles andere brauchen Minimalisten nicht und meist haben sie es dann auch nicht. Viele Minimalisten berichten davon, dass Sie das Abwerfen von materiellem Ballast als große Erleichterung erleben. Wahres Glück liegt für Sie also nicht im Warenglück. Sondern in den kleinen Erlebnissen, dem Zwischenmenschlichen und dem Sinnvollen. Sie haben erkannt, dass die besten Dinge im Leben eben gar keine Dinge sind.

Pullover auf einem Stuhl
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Rocknwool

Tipps und Tricks minimalistisch zu leben

Wie kannst du also auch ein bisschen mehr Minimalismus in dein Leben lassen? Unsere Weltverbesserer Tipps und Tricks sollen helfen.

Kleidung: Capsule Wardrobe

Die Idee der Capsule Wardrobe ist eng mit dem Minimalismus verwandt. Dabei handelt es sich um eine reduzierte Garderobe, die sich auf das Wichtigste und Wesentlichste konzentriert. Die Capsule Wardrobe setzt auf Qualität statt auf Fast Fashion – getreu dem alten Motto „Klasse statt Masse“. Dabei wird der Inhalt des Kleiderschranks so optimiert, dass zeitlose und gut kombinierbare Kleidungsstücke bleiben dürfen. Verschlissenes und allzu ausgefallenes, das zu nichts passt, darf gehen. Dafür findest du zuerst die Farben, die am besten zu dir passen und wählst dann alle Stücke so aus, dass sie zu zwei deiner Lieblingsfarben passen und sich dadurch untereinander beliebig kombinieren lassen. So hast du irgendwann nur noch Lieblingsstücke im Schrank – und hast nie wieder nichts zum Anziehen.

Urlaub: Luxus Hotel vs. Ferienwohnung

Manche Minimalisten entscheiden sich im Urlaub für noch weniger Luxus und reisen auf eine entlegene Almhütte: Ohne fließend warmes Wasser, ohne Heizung oder Strom. Selbst Holz zu hacken, mit der Sonne aufzuwachen und den Tag nach Sonnenuntergang zu beenden, verbindet sie wieder mit der Natur. Und macht den Blick frei dafür, in welchem Luxus wir leben. Generell spricht aber auch für Minimalisten nichts dagegen, auch in einem Luxushotel zu wohnen – die Frage ist immer: Macht es dich wirklich glücklich? Schließlich möchte der Minimalismus dir nichts wegnehmen, das du magst. Sondern dir einen Weg zu dem zeigen, was für dich wirklich wichtig und richtig ist. Aber eins ist klar: Wenn du dir eine Capsule Wardrobe schaffst, wird dein Koffer etwas leichter. Also: Gute Reise!

Müll: Minimal-Waste

Die meisten Minimalisten versuchen, besonders achtsam mit den Ressourcen umzugehen. Viele entscheiden sich daher bewusst für möglichst wenig und möglichst nachhaltig verpackte Produkte. Beispielsweise Nudeln aus dem Unverpackt-Laden oder lösliche Reinigungsmittel, die ganz ohne Verpackung auskommen und vom Verbraucher einfach mit Wasser aufgegossen werden. Die Minimal-Waste-Bewegung ist die logische Weiterentwicklung des Minimalismus-Gedankens. Denn wer bewusst konsumiert, überlegt auch, welchen Impact sein Konsum auf die Welt hat. Und mit Blick auf die riesigen Müllberge, die wir produzieren, möchten Minimal-Waste-Minimalisten hier ihren Teil zur Rettung der Welt leisten. Im Jahr 2019 haben die Privathaushalte in Deutschland pro Kopf 72 Kilogramm Verpackungsmüll produziert.

Während der Pandemie wuchs der Verpackungsmüll durch häufigere Essensbestellungen und Internet-Shopping sogar um sechs Prozent. Da können sogar schon ein paar zögerliche Schritte in die andere Richtung, eine große Wirkung haben. Und so kann auch dein Gewissen etwas Ballast abwerfen.

Bikelane Straße
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Tom Fejer

Status Symbole: Umparken um Kopf

Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für den Führerschein. Auch das eigene Auto ist längst nicht mehr der Inbegriff von Freiheit – sondern wird gerade unter Minimalisten oft eher als das Gegenteil wahrgenommen: Denn ein Auto ist teuer und will die meiste Zeit irgendwo geparkt werden. Wer schon mal in einer Großstadt einen Parkplatz gesucht hat, kennt das Problem – und wer dort schon mal Fahrrad gefahren ist, ahnt die Lösung. Wer also nur in sein Leben lassen möchte, was ihm wirklich sinnvoll erscheint, fährt ohne Auto meist besser. Zudem erleben Minimalisten Erlebnisse eher als etwas, mit dem sie sich gerne nach außen präsentieren. Mit ihren Reisen, den Sprachen, die sie sprechen und den Menschen, die sie kennen.

Besitz: Sharing in caring

Entsprechend verschiebt sich bei vielen Dingen der Standard vom Besitzen zum Leihen oder Teilen. Klassisches und viel zitiertes Beispiel: Wir brauchen keine eigene Bohrmaschine mehr, denn längst kann man sich diese in Leihläden, bei Baumärkten oder dem Nachbarn aus der Nachbarschafts-App leihen. Auch so sollen Ressourcen geschont werden. Hier wird die enge Verzahnung von Minimalismus und Nachhaltigkeit deutlich. In Baumärkten können sich Heimwerker Kreissägen und Winkelschleifer leihen, über Apps wie nebenan.de borgt die Nachbarin eine Kuchenform oder eine Bohrmaschine. Und sogar Handtaschen und Trend-Accessoires können mittlerweile gemietet statt gekauft werden.

Vierblättriges Kleeblatt
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Amy Reed

Minimalistisch leben und Gesundheit: Das hast du davon

Während sich die Philosophie bereits seit Jahrtausenden mit dem Minimalismus beschäftigt und einige ihn bereits vor Jahrtausenden umsetzten, erobert nun auch die Psychologie den Minimalismus als Forschungsfeld. So zeigt sich, dass minimalistisch lebende Menschen sich einer besseren psychischen Gesundheit erfreuen, mehr das Gefühl haben, ihr Leben im Griff zu haben, und achtsamer mit sich und ihren Mitmenschen umgehen.

Außerdem scheint dieser bewusste Lebensweg zu mehr mentaler Klarheit und einem reduzierten Stresserleben zu führen. So befreien sich Minimalisten ein Stück weit von sozialem Druck, denn ihr Lebensmodell steht für die Loslösung von sozialen Erwartungen – vor allem, wenn es um materiellen Status geht. Wer den Minimalismus in sein Leben lässt, lässt viel Ballast los und öffnet so dem wirklich Wichtigen und womöglich auch dem Glück die Tür.

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