weltverbesserer Leben Migräneauslöser: Wissen hilft vorzubeugen

Migräneauslöser: Wissen hilft vorzubeugen

Foto: Andrzej Wilusz / stock.adobe.com

Der Schädel dröhnt, der Kopf schmerzt und man kann sich kaum bewegen. Viele Menschen leiden unter Migräne und obwohl es zur häufigsten Erkrankung zählt, werden Betroffene und ihr Leiden oft nicht ernst genommen. Anlässlich des Europäischen Kopfschmerz- und Migränetages haben wir mit Professor Dr. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, darüber gesprochen, was Migräne ist, was Migräneauslöser sein können und was man über Migräne wissen sollte.

Wer kennt das nicht: Man wird davon wach, dass der Schädel derart dröhnt, dass man nicht mal die Augen auf das Morgenlicht richten kann. Andere Menschen ahnen hingegen schon am Vortag, dass die Migräne kommen wird. Kopfschmerzen und Mirgäne zählen nach Karies zu den häufigsten Erkrankungen der Menschen. Auch Kinder und Jugendliche sind in steigender Form von Kopfschmerzen und Migräne betroffen.

Fachleute unterscheiden inzwischen unter mehr als 367 Arten von Kopfschmerzen. Migräne ist eine besonders schwere Form und mit alltäglichen Kopfschmerzen nicht zu vergleichen.

Migräneauslöser können viele Dinge sein, die Veranlagung dazu liegt jedoch in unseren Genen. Je nach Ausprägung wird Migräne nur durch bestimmte, sehr individuelle Umstände, ausgelöst. Neben dem Wetter können auch hormonelle Veränderungen wie der weibliche Zyklus oder die Einnahme von Hormonpräparaten dazu beitragen, dass die Migräne ausbricht. Auch Stress, starke seelische oder körperliche Anstrengung und Änderungen im gewohnten Tagesablauf können zu einem Migräneausbruch führen.  Doch es gibt auch Dinge die bei Migräne helfen können wie der Fokus auf bestimmte Ernährung oder auch hilfreiche Apps wie die Migräne-App der Techniker Krankenkasse.

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Migräne – Auslöser und Hintergründe

Anlässlich des Europäischen Kopfschmerz- und Migränetagesam 12.09. haben wir uns mit Professor Dr. Hartmut Göbel unterhalten, der Spezialist für Migräne und Kopfschmerzen ist. In der von ihm gegründeten Schmerzklinik Kiel trifft der Facharzt für Neurologie, spezielle Schmerztherapie, Psychotherapeut und Diplom-Psychologe täglich auch auf Menschen, die an Migräne leiden. Wir sprechen mit ihm darüber, was Migräne wirklich ist, wie der Stand der Forschung aussieht, wie man als Betroffener mit Migräne leben kann und was sich ändern müsste.

Portrait von Professor Doktor Hartmut Goebel
Prof. Dr. Hartmut Göbel. Foto: www.schmerzklinik.de

Was ist Migräne?

Prof. Dr. Göbel: Migräneattacken treten mit einer Dauer von 4 – 72 Stunden auf. Der Kopfschmerz hat einen pulsierend-pochenden Charakter. Körperliche Tätigkeit verstärkt den Schmerz, die Schmerzen haben eine sehr starke Intensität, weshalb die Tätigkeit schwer behindert wird oder ganz unmöglich gemacht wird. Die Schmerzen können von Übelkeit, Erbrechen sowie Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit begleitet werden. Der Kopfschmerz vom Spannungstyp tritt dagegen als ein dumpf-drückender, beidseitiger Kopfschmerz mit einer Dauer von 30 Minuten bis 7 Tagen auf. Körperliche Tätigkeit verstärkt den Schmerz nicht.

Bei circa 10 Prozent der Anfälle wird die Attacke durch neurologische Symptome eingeleitet, der sogenannten Aura. Der Name stammt von Aurora, der Göttin der Morgenröte. Betroffene sehen vor der Schmerzphase flimmerndes, gleisendes Licht, wie beim Sonnenaufgang. Eine Vielzahl weiterer neurologischer Symptome kann mit Migräne auftreten, Bewusstseinsstörungen, epileptische Anfälle bis hin zum Schlaganfall.

Wir unterscheiden heute 47 Hauptformen der Migräne. Eine besonders schwere Form ist die chronische Migräne. Dabei treten Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen im Monat auf.

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Wie ist der Stand der Forschung und der Medizin dazu?

Prof. Dr. Göbel: Neueste Untersuchungen haben belegt, dass spezielle Gene die Wahrscheinlichkeit an Migräne zu leiden erhöhen. In der bisher weltweit umfangreichsten Migränestudie wurden 44 neue Genvarianten entdeckt. Zahlreiche dieser Genvarianten sind in den Bereichen des Erbguts lokalisiert, die das Blutkreislaufsystem des Gehirns regulieren.

Die neuen Entdeckungen weisen darauf hin, dass eine Störung der Blut- und Energieversorgung des Gehirns wesentlich für die Entstehung der Migräne ist. Migränepatienten können aufgrund ihrer genetischen Ausstattung sehr schnell und sehr effektiv Reize differenzieren, alles zu Schnelle, alles zu Viele, alles zu Plötzliche, alles was auf einmal auf das Nervensystem einströmt, wird zu einer starken Aktivierung der Nervenzellen führen mit der Folge, dass die Energievorräte in den Nervenzellen erschöpft werden. In der Folge können Entzündungsstoffe an den Arterien der Hirnhäute freigesetzt werden. Diese führen zu einer verstärkten Empfindlichkeit. Jeder Pulsschlag führt zu einem pochenden, hämmernden Migräneschmerz, jede Bewegung des Schädels tut weh. Deshalb versuchen Migränepatient:innen möglichst Ruhe einzuhalten, körperliche Tätigkeit zu vermeiden.

Symbolbild für Migräneauslöser dunkelhaarige Frau in flauschigem Pullover drückt den Kopf in ihre Hände
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Carolina Heza

Welche Auswirkungen hat Migräne für die Betroffenen?

Prof. Dr. Göbel: Migräne ist eine chronische Erkrankung, die über viele Dekaden des Lebens besteht. Bei einem Anteil der Patient:innen kann sie progressiv ablaufen. Dies bedeutet, dass sowohl die Häufigkeit der Migräneattacken als auch deren Intensität und Dauer zunehmen kann. Gleichzeitig können auch Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit stärker werden.

Folge ist, dass episodisch auftretende Migräneattacken in eine chronische Verlaufsform sich wandeln können. Die betroffenen Patient:innen haben dann 15 und mehr Kopfschmerztage im Monat. Die Prävalenz der Migräne zeigt einen Gipfel im Erwachsenenalter zwischen dem 25. und 55. Lebensjahr. Am stärksten sind Betroffene zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr von Migräneattacken belastet. Bei diesen ist die Wahrscheinlichkeit für Arbeitsunfähigkeit oder gar vorzeitige Berentung erhöht.

Im Schulalter zeigt sich eine deutliche Zunahme der Migräne bei Schulkindern in den letzten Jahrzehnten. In einer amerikanischen Studie zeigt sich zwischen 1981 und 1989 eine Zunahme der Migräne um 60 Prozent. Auch andere Studien legen nahe, dass die Migräneprävalenz ansteigt. Klinische Beobachtungen zeigen, dass die schmerzunterhaltende psychische Komorbidität von Migränepatient:innen in den letzten Jahren deutlich komplexer und schwergradiger erscheint. Dies betrifft sowohl depressive Erkrankungen als auch Angsterkrankungen. Migräne steht weltweit an zweiter Stelle der am meisten beeinträchtigenden Krankheiten und ist die führende Ursache der Behinderung unter allen neurologischen Erkrankungen. Es wird geschätzt, dass die deutsche Bevölkerung 32 Millionen Arbeitstage durch Migräne verliert.

Schwere Migräneattacken werden von der Weltgesundheitsorganisation unter die am meisten behindernden Krankheiten eingestuft, vergleichbar mit Demenz, Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmaßen, also sowohl Beine als auch Arme, betroffen sind und aktiver Psychose.

Migräne und chronische Kopfschmerzen sind der zweithäufigste Grund für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Arbeitsunfähigkeit durch Migräne allein kostet 3,1 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland, berechnet auf der Grundlage von 32 Millionen verlorenen Tagen. Das Risiko für Depression, Angsterkrankungen und Suizid ist bei Betroffen 3- bis 7-mal höher als bei Gesunden. Das Risiko für Kreislauferkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall ist 1,5 bis 2-mal höher als bei gesunden Individuen. Dies trifft besonders für junge Frauen unter 45 Jahren zu.

Symbildbild für Migränauslöser Tabletten in unterschiedlicher Form und Größe
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Christine Sandu

Wie ist die gesellschaftliche Anerkennung bei Migräne? Viele verwechseln Kopfschmerzen mit Migräne und sagen „Ach, die hat wieder Kopfschmerzen“

Prof. Dr. Göbel: Lediglich Tabletten gegen Kopfschmerzen zu verwenden ist keine zeitgemäße und sachgerechte Kopfschmerzbehandlung. Betroffene sollte wissen, welche Kopfschmerzform oder -sogar formen genau vorliegen.

Man sollte Kenntnis davon haben, welche Mechanismen die Kopfschmerzen bedingen. Es sollte ein Konzept erstellt werden, um die Lebensweise an die Kopfschmerzen anzupassen. Dies gilt umso mehr bei primären Kopfschmerzerkrankungen, bei denen eigenständige Kopfschmerzmechanismen den Beschwerden zugrunde liegen. Am häufigsten wird eine Migräne bestehen, die episodisch in Kopfschmerzanfällen auftritt.

Die Migräne ist eine lebenslange Besonderheit der Gehirnfunktion, die über die gesamte Lebensspanne anhalten kann. Daher ist von zentraler Bedeutung, die Hintergründe und den Verlauf der Erkrankung zu kennen. In erster Linie ist es erforderlich, dass vorbeugende Verhaltensweisen umgesetzt werden. Dazu ist umfangreiches Wissen erforderlich.

Bei häufigen Migräneattacken kann eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten erfolgen. Die Schmerztablette oder das Migränemittel zur Behandlung der akuten Migräneattacke ist der letzte Schritt. Es ist quasi wie im Brandschutz. Vorbeugende Maßnahmen sind zentral. Der Feuerlöscher ist die Notlösung. Hinzu kommt, dass bei Behandlung ausschließlich mit Schmerzmittel die eigentliche Grundlage der Migräneattacke nicht verändert wird. Es handelt sich um eine Erschöpfung der Energiereserven im zentralen Nervensystem.

Unterdrückt man jetzt lediglich den Schmerz und nimmt dann die Arbeit sofort wieder auf ohne Ruhe und Entspannung einzuleiten, werden Schmerzen häufiger. Folge kann dann ein Medikamenten­übergebrauchs­kopfschmerz sein. Nimmt man an zehn oder mehr Tagen im Monat Akutmittel gegen Migräne und Kopfschmerzen ein, kommt es zu einer Frequenzsteigerung der Migräneattacken und die Schmerzen werden stärker, Medikamente nehmen in ihrer Wirkung ab. Am Ende entsteht ein Dauerkopfschmerz. Die vorbeugende Behandlung ist auch deshalb entscheidend.

Symbolbild für Migräneauslöser Mann schnürt sich seine rot-schwarzen Laufschuhe zu
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Alexandr Podvalny

Was müssen Migränepatient:innen ändern, damit sie die Migräne unter Kontrolle bringen können?

Prof. Dr. Göbel: Kopfschmerzen waren schon immer eine Volkskrankheit. Sie besetzen nach Karies als Kopfschmerz vom Spannungstyp den 2. und als Migräne den 3. Platz der häufigsten Erkrankungen des Menschen. In den letzten 30 Jahren ist eine deutliche Zunahme von Kopfschmerzen in epidemiologischen Studien zu vermerken.

Dies hat einerseits mit der präzisen modernen Diagnostik tun. Auf der anderen Seite kann der heutige Lebensstil dazu beitragen, dass sich Risikogene in aktive Kopfschmerzleiden umsetzen. Die Migräne tritt dann auf, wenn die nervalen Energiespeicher erschöpft sind, gerade nach einer anstrengenden Arbeitswoche. Anstatt sich auszuruhen, liegt man dann mit Schmerzen im abgedunkelten Zimmer. Viele versuchen in der Folge, das Versäumte nachzuholen, arbeiten noch schneller, noch intensiver, die nächste Attacke ist damit programmiert. Nach dem Anfall ist vor dem Anfall.

Der Preis für die ständige Überaktivität und Überbeanspruchung des Nervensystems sind Migräneanfälle, wenn man die Obergrenzen der Leistungsfähigkeit zu häufig überschreitet. Leider können auf Langzeitkomplikationen mit Migräne verbunden sein. Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Bluthochdruck ist doppelt so hoch, das Risiko für Depressionen und Angsterkrankungen mehr als achtmal so hoch im Vergleich zu Nichtbetroffenen.

Im Vordergrund der Vorbeugung der Migräne stehen Wissen und Verhalten. Dafür haben wir eine digitale Selbsthilfegruppe mit mehr als 30.000 Usern gegründet. Auch auf Facebook haben wir eine sehr aktive Community initiiert. Auf unserer Homepage findet sich umfangreiches Wissen zum Thema.

Migränepatient:innen müssen wissen, wie Migräneattacken entstehen, was im Nervensystem passiert und wie sie ausgelöst werden. Sie brauchen eine umfassende Information über Verhaltensweisen und Maßnahmen, um sich vor Migräne zu schützen. Dazu gehört in erster Linie ein regelmäßiger Tag-Nachtrhythmus. Patient:innen sollten regelmäßig Mahlzeiten zu sich nehmen. Es empfehlen sich kohlenhydratreiche Mahlzeiten, da das Nervensystem auf Kohlenhydrate angewiesen ist.

Migräneattacken entstehen durch ein Energiedefizit in den Nervenzellen durch die hohe Aktivität, die genetisch bedingt ist. Ausreichendes Trinken, ein regelmäßiger Schlaf sowie regelmäßige Pausen im Alltag sollten zusätzlich eingeleitet werden. Das Lernen eines Entspannungstrainings wie die progressive Muskelrelaxation kann die Migränehäufigkeit deutlich reduzieren. Sporttherapie ist ebenfalls gut geeignet, Migräneattacken in ihrer Häufigkeit zu reduzieren. Anleitung dazu finden sich in der Migräne-App, die für iOS und Android kostenlos verfügbar ist.

Symbolbild für Migräneauslöser Schülerin sitzt Zuhause vor dem Laptop im HomeSchooling
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Annie Spratt

Welche Auswirkungen haben Corona-Maßnahmen, wie Homeschooling, auf das Auftreten von Migräne bei Kindern?

Prof. Dr. Göbel: Das Thema Covid-19-Pandemie und die Auswirkungen auf Kopfschmerzen wurde in neuen Studien intensiv beleuchtet. In einer aktuellen Untersuchung wurde die Auswirkung des Home-Schoolings auf Kopfschmerzen bei Kindern analysiert. Hintergrund ist, dass Kopfschmerzsyndrome eine der häufigsten Gründe für Arztbesuche von Kindern und Jugendlichen darstellen.

Während der Pandemie führte das Home-Schooling zu einer deutlichen Veränderung der Tagesroutinen und der Gewohnheiten von Kindern. Insbesondere zeigten sich die Auswirkungen von emotionalem Stress und körperlicher Aktivität. Die Autor:innen untersuchten daher deren Auswirkungen auf das Kopfschmerzgeschehen. Interessanterweise zeigte sich eine statistisch signifikante Verbesserung der Kopfschmerzsituation während der Home-Schooling-Phase.

Migräneauslöser: Stress

Die Wissenschaftler:innen führen dies zurück auf die Änderung des Lebensstils während der Pandemie. Dies zeigt, dass Verhaltensmaßnahmen aktiv in das Kopfschmerzmanagement einbezogen werden sollten. Migräne und Kopfschmerzen sind auch im Kindes- und Jugendalter ein sehr bedeutsames Thema. Kopfschmerzen können eine weitreichende Langzeitwirkung auf Schule, Studium und den beruflichen Erfolg haben. Während der Pandemie zeigte sich, dass Home-Schooling und digitales Lernen Vorteile hinsichtlich des Auftretens von Migräne und Kopfschmerzen haben können.

Prof. Dr. Hartmut Göbel ist Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, Migräne- und Kopfschmerzzentrum. Er ist Facharzt für Neurologie, spezielle Schmerztherapie, Psychotherapie und Diplom-Psychologe. Er gründete 1997 die Schmerzklinik Kiel. Sein Behandlungsschwerpunkt konzentriert sich auf neurologische Schmerzerkrankungen wie Migräne, chronische Kopfschmerzen und andere Schmerzerkrankungen bei Erkrankungen des Nervensystems. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Er ist Autor von zahlreichen Fachartikeln, Fachbüchern, Apps. Sein Patientenratgeber „Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne“ ist eben in der 9. Auflage erschienen.