weltverbesserer Denken Mensch-Maschinen: Wie Transhumanismus die Menschheit weiterentwickeln will

Mensch-Maschinen: Wie Transhumanismus die Menschheit weiterentwickeln will

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Technologie verändert die Art wie wir leben. Und das ist ja auch ganz hilfreich – zum Beispiel, wenn sie uns in manchen Momenten dabei unterstützen kann, unsere physischen Grenzen zu überwinden. Transhumanisten oder Mensch-Maschinen sehen darin sogar den Weg in eine neue Evolutionsstufe des Menschen.

Zuerst implantierte sich der Multimilliardär Tony Stark einen Mini-Reaktor in seine Brust, später nutzte er ihn dann als Energiequelle für eine fliegende Rüstung. Und wurde so zum übermächtigen Superhelden. Klingt ziemlich überzogen, klar, Tony Stark aka „Iron Man“ ist schließlich nur eine Comic-Figur und fiktiver Protagonist mehrerer Marvel-Kino-Blockbuster. Aber die Idee dahinter ist interessant. Denn mit ihr ist eine größere Frage verbunden: Kann Technologie den Menschen „verbessern“?

Genau dieser Idee folgen die Verfechter des sogenannten Transhumanismus, einer philosophischen Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Und nicht nur das: Transhumanisten gehen davon aus, dass durch die Fusion mit Technologie die nächste Evolutionsstufe der Menschheit erreicht wird – und das auch notwendig sei.

Die auf den ersten Blick wie ein Plot für utopische Romane wirkende Idee des Transhumanismus ist dabei gar nicht so neu. Entsprechende Visionen einer Optimierung des als unvollkommen wahrgenommenen Menschen und einer damit verbundenen Überwindung seiner natürlichen Sterblichkeit lassen sich in Ansätzen schon seit der Epoche der Aufklärung finden. Doch richtig Fahrt aufgenommen hat das Thema vor allem im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Kein Wunder, damals begann mit klobigen Computern das, was wir heute als digitale Transformation erleben – und auch in vielen anderen Bereichen hat der technologische Fortschritt seitdem bahnbrechende Veränderungen durchlaufen, zum Beispiel in der Genom-Forschung oder im Bereich der Nanotechnologie.

1998 gründeten die britische Philosophen Nick Bostrom und David Pearce die World Transhumanist Association. Damals verfassten sie gemeinsam mit anderen Aktivisten eine Erklärung, deren Punkte in abgewandelter Form bis heute von Transhumanisten verfolgt werden. „Wir glauben, dass das Potenzial der Menschheit noch weitgehend unausgeschöpft ist“, ist eine der Kernaussagen.

Mann mit einer intelligenten Brille als Sybol für Technologie und Mensch-Maschinen
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Ameer Basheer

Wir kennen das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Maschine aus dem Kino

Auch in der Popkultur ist die Idee des Transhumanismus schon längst verankert. Bereits die über 100 Jahre alten und für das Science-Fiction-Genre prägenden Klassiker „Krieg der Welten“ und „Die Zeitmaschine“ des Autors H. G. Wells greifen die Gedanken auf. Heute finden sie sich für uns schon wie selbstverständlich in Büchern, Videospielen und Filmen. Wenn wir also in Blockbustern wie „Ex Machina“, „Matrix“, „Westworld“, „Robocop“ oder eben „Iron Man“ in das Mit- und Gegeneinander von Menschen, Künstlicher Intelligenz und Robotik eintauchen, dann schwingen dabei unter der dramaturgischen Oberfläche viele transhumanistische Fragestellungen mit. Man könnte also sagen, dass wir uns vielleicht schon längst mit diesen Fragen in unserem Alltag beschäftigen – auch ohne dafür diesen sperrigen Begriff „Transhumansimus“ zu verwenden, der zugegebenermaßen selbst wie ein Science-Fiction-Titel klingt.

Nun ist es durchaus so, dass die fiktionalen Zukunftsdarstellungen in Film und Literatur unsere Vorstellungen darüber prägen, wie wir irgendwann vielleicht leben werden. Und die Optimierung des Menschen durch technologischen Fortschritt ist ja erst einmal in einem gewissen Rahmen gar nicht so abwegig. Doch wie weit kann diese Sache mit dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine in Wirklichkeit gehen?

Mann mit Unterschenkel-Prothese: Mensch-Maschine Technlogie in der Medizin
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Elevate

Cyborg-Mobilität: Neue Möglichkeiten für körperlich eingeschränkte Menschen

Um das herauszufinden, hilft vielleicht ein Blick auf das Beispiel des Künstlers Neil Harbisson. Der wurde farbenblind geboren, kann aber über einen mit 21 Jahren implantierten Sensor in seinem Kopf inzwischen Farben hören und spüren. Er sieht etwas schräg aus, denn aus seinem Kopf ragt eine gebogene Antenne, mit der er die Impulse von außen empfängt. Zu seiner Story gehört auch, dass die britischen Behörden diese Antenne inzwischen sogar als offiziellen Bestandteil seines Körpers akzeptiert hat. Harbisson hat vor rund zehn Jahren eine internationale Stiftung gegründet, die Menschen helfen dabei will, zu Cyborgs zu werden, also zu Mischwesen aus Mensch und Maschine.

Oder Hugh Miller Herr. Als Jugendlicher galt er als hoch talentierter Kletterer, dann verlor er bei einem schlimmen Bergunfall beide Unterschenkel. Heute klettert er wieder – mit künstlichen Gliedmaßen, die er sich aufwändig entwickeln ließ. Und die sich nach Bedarf modular erweitern und verlängern lassen. Als Biophysiker beschäftigt er sich seitdem damit, behinderten Menschen zu Mobilität zu verhelfen, unter anderem arbeitet er an der Entwicklung eines Exoskeletts, das die physischen Grenzen der Belastbarkeit der Wirbelsäule erweitern soll.

Doch auch abseits schillernder Cyborg-Persönlichkeiten sind gerade im medizinischen Bereich entsprechende technologische Entwicklungen zu beobachten. Menschliche Einschränkungen können mit deren Hilfe behoben oder gemildert werden. Manche kennen wir schon lange und sind uns inzwischen selbstverständlich wie Brillen, Kontaktlinsen, Zahnimplantate, künstliche Kniegelenke oder Herzschrittmacher. Und dann sind da zum Beispiel im Kopf eingesetzte Cochlea-Implantate, mit deren Hilfe Ertaubte und hochgradig Schwerhörige wieder hören können. Und deren Empfänger außerhalb am Kopf befestigt wird. Oder Nano-Chips, die als Sensoren im Körper bestimmte Funktionen überwachen oder stimulieren können.

Es gibt unter manchen Transhumanisten sogar den Standpunkt, dass die Menschheit bereits transhuman sei. Denn der medizinische Fortschritt habe uns bereits signifikant verändert.

Halb menschlicher und halb technischer Arm
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Thisisengineering

Mensch-Maschinen im Silicon Valley

Und der Transhumanismus-Gedanke spinnt die Überwindung des menschlichen Wirkungsrahmens noch weiter. Künstliche Intelligenz soll die Menschheit auf die nächste Stufe stellen. Der ehemalige Google-Mitarbeiter Ray Kurzweil, einer der prominentesten Vertreter des Transhumanismus, prognostiziert eine bald eintretende Singularität. Also den Moment, an dem künstliche Intelligenz sich selbst weiterentwickeln kann.

Kurzweil und das von ihm gegründete Beratungsunternehmen „Singularity University“ inspiriert einige der einflussreichsten Milliardäre im Silicon Valley, die auch schon einmal davon träumen das menschliche Bewusstsein so bald wie möglich in eine digitale Form überzuführen. Zum Beispiel seinen ehemaligen Chef, Google-Gründer Larry Page. Aber auch Tesla-Gründer Elon Musk gilt als Anhänger des Transhumanismus. Eines seiner Unternehmen arbeitet seit 2016 an der Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen.

Gezeichnete Grafik eines menschlichen Kopf-Scans umgehben mit einsen und nullen
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Gerd Altmann

Die ethische Perspektive ist wichtig

Diese Fixierung auf technologische Weiterentwicklung sorgt auch für deutliche Kritik. Der am renommierten Massachusetts Institute for Technology als Professor beschäftigte Physiker Max Tegmark befürchtet, dass der im Silicon Valley verbreitete „digitale Utopismus“ die Sicherheitsprobleme unterschätzt, die mit der Entwicklung einer dem Menschen in jeder Hinsicht überlegenen Künstlichen Intelligenz einhergehen.

Und der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama nennt die Überhöhung der Technologie im Transhumanismus sogar „die gefährlichste Idee der Welt.“ Fukuyamas Argument. Die progressiven Ideale der liberalen Demokratie könnten durch eine fundamentale Veränderung der menschlichen Natur und der menschlichen Gleichheit auf kritische Weise unterminiert werden.

Man sieht: Die Sache ist gar nicht so einfach und muss differenziert betrachtet werden, um den Weg in die Zukunft zu finden. Vor allem aber gilt es, die ethische Perspektive auf das Thema nicht zu verlieren.

Futuristische Frau oder Mensch Maschine mit gläsernem Blick
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Yoal Desurmont

Den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Denn am Ende ist Transhumanismus eben vor allem eine philosophische Frage dazu, wie wir leben wollen. Schließlich verändert sich die Welt permanent und wir uns mit ihr. Manche Entwicklungen, die in der Vergangenheit noch im Bereich der Utopie lagen, sind heute realer Bestandteil unseres Lebens. Manche andere, die heute noch utopisch anmuten, sind bereits in den Bereich des Realisierbaren gerückt. Wer weiß, was noch kommt.

Die Frage ist also eher, wie wir damit umgehen, dass uns der technologische Fortschritt sowohl Chancen bietet, aber natürlich auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist. Und von welchem Menschenbild wir uns dabei leiten lassen. Der Transhumanismus gehe oft von der Annahme aus, dass Menschen unglücklich sind, dass sie suboptimal seien, sagt Sarah Spiekermann. Sie ist Wirtschaftsinformatikerin und Expertin für digitale Ethik und spricht dazu im Wissenschafts-Podcast des österreichischen „Standards“. Sie plädiert für ein Menschenbild, das mehr Vertrauen in den einzelnen Menschen setze.

Wir Weltverbesserer meinen, dass es immer eine gute Idee ist, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und dabei auf den Gedanken einer besseren Welt zu setzen. Denn zusammen haben wir das Potenzial, unsere Zukunft selbstbestimmt und konstruktiv zu gestalten.

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