weltverbesserer Wissen Krisen bewältigen: Warum der Mensch dafür gemacht ist

Krisen bewältigen: Warum der Mensch dafür gemacht ist

Foto: doidam10 / stock.adobe.com

Große Krisen können eine Bedrohung für unser Leben sein. Und sie können uns als Gesellschaft ganz schön ins Schwanken bringen. Aber Krisen sind nicht automatisch Einbahnstraßen – sie bieten in ihrer Bewältigung auch Chancen. Und sie zeigen uns, wie stark wir sein können.

Wer hätte sich das Anfang 2020 vorstellen können: Ein Virus, das unser Leben in vielen Bereichen über Monate oder sogar Jahre hinweg dominieren kann und uns als Gesellschaft dabei mehr oder weniger in Schach hält. Heute wissen wir, dass die Corona-Pandemie uns noch länger begleiten wird. Und abgesehen davon, wie sehr sie uns gesundheitlich und wirtschaftlich bedroht, kann das Leben in einer andauernden Krise natürlich auch ziemlich zermürbend und frustrierend sein.

Die gute Nachricht: Das ist nicht die erste große Krise der Menschheit – und bislang haben wir sie alle überwunden. Und vielleicht wird uns die aktuelle Situation am Ende beweisen: Wenn es darauf ankommt, können wir ebenso anpassungsfähig und lösungsorientiert wie solidarisch und hilfsbereit sein.

Krise als Zeit der Gefährdung für viele Menschen

Aber was ist das überhaupt, eine „große Krise“? Eine Krise ist in erster Linie eine „schwierige Lage, Situation, Zeit“, definiert der Duden, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung oder bei einem Krankheitsverlauf darstelle. Eine Zeit der Gefährdung also, die wir individuell vermutlich unterschiedlich wahrnehmen, wenn sie uns individuell betrifft.

Aber es gibt eben auch Phasen, in denen Krisen sehr viele Menschen gleichzeitig berühren, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrer Definition. Dabei zeigt sie auch gleich die Dimension solcher großen Krisen auf: „Diese Krisen haben dann nicht nur Einfluss auf das Leben Einzelner, sondern sie wirken sich auf ganze Länder, Kontinente oder auf die gesamte Welt als globale Krise aus.“ Und man muss nicht lange darauf rumdenken, um festzustellen, dass sich damit ziemlich gut die Corona-Pandemie und ihre Folgen beschreiben lassen.

Board mit Schriftzug Don´t Panic aus weißen Steinen auf hellblauem Hintergrund
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Edward Jenner

Krisen können bewältigt werden

Aber gerade der historische Blick auf große gesundheitliche Bedrohungen in unserer Gesellschaft zeigt eben auch, dass sie sich nicht zuletzt durch Forschung und medizinische Erfolge überwinden lassen.

Die Pest zum Beispiel, die in ihrer ersten Pandemiewelle Mitte des 14. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahre schätzungsweise ein Drittel der europäischen Bevölkerung tötete. Heute weiß man, dass es sich dabei um eine bakterielle Infektionskrankheit handelt, die sich mit Antibiotika sehr effektiv behandeln lässt. Der „Schwarze Tod“, der Europa damals ebenso so fest wie ausweglos im Griff hatte, trat auch später in weiteren verheerenden Wellen auf. Heute ist es eine heilbare Krankheit und hat weitestgehend ihren Schrecken verloren.

Oder Aids, die Krankheit, die früher als Folge einer HIV-Infektion als sicheres Todesurteil galt. Ein Virus als Schreckgespenst ganzer Generationen, das seit den 1980er-Jahren unsere Gesellschaft in vielen Bereichen beeinflusste. Heute bedeutet es für Infizierte durch hoch entwickelte Medikamente eine fast normale Lebenserwartung.

Man sieht also, dass wir auch bei großen Krisen, die uns im ersten Moment kaum Lichtblicke bieten, durchaus eine Perspektive haben, sie zu überwinden. Und vieles hängt dabei auch damit zusammen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

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Wie wir auf Krisen reagieren

Um das besser zu verstehen, hilft ein Blick auf die Psychologie. Genauer: Auf die Frage, wie Menschen mit traumatischen Krisen umgehen. Obwohl jede Krise anders ist, hat die Forschung Phasen identifiziert, die wir dabei immer auf die eine oder andere Art durchlaufen.

Im Prinzip sind es diese vier Phasen. Auch, wenn es je nach Differenzierungsgrad der Betrachtung auch mal fünf oder sieben Phasen mit unterschiedlichen Bezeichnungen sein können: Schock, Reaktion, Bearbeitung und Neuorientierung.

Vier Phasen der Krisenbewältigung

Wenn also zum Beispiel jemand stirbt, der uns nahesteht, durchlaufen wir eine Phase des Schocks. Das traumatisierende Ereignis versetzt uns in einen Zustand, in dem wir ziemlich handlungsunfähig werden. Fassungslosigkeit und innere Leere dominiert uns. Die Realität können und wollen wir in dieser Phase nicht wirklich wahrhaben. Vielleicht blenden wir auch nur die Dimension ihrer Ausmaße aus. Es kann aber auch sein, dass wir die Situation sogar komplett verleugnen. Damit schützen wir uns ein wenig vor der Wucht der Emotionen.

Darauf folgt die Reaktionsphase, in der die Realität langsam ins Bewusstsein sickert. Jetzt brechen die Emotionen durch. Eine heftige Phase mit einem Wechselbad aus Angst, Schmerz, Schuldgefühlen, Wut macht sich breit. Und wir erleben hilflos den durch die Situation erzwungenen Kontrollverlust. Die Krise erreicht in dieser Phase ihren Höhepunkt. Aber die emotionale Reaktion ist wichtig, um in ihrem Durchleben mit der Krisenbewältigung weiterzukommen. Unter Umständen führt die Heftigkeit der Emotionen auch dazu, dass wir unsere Abwehrmechanismen ausbauen – und die Situation weiterhin verdrängen.

Bearbeitung & Neuorientierung sind wichtig

Es kann sein, dass wir damit lange kämpfen und vielleicht ohne fremde Hilfe gar nicht aus diesem Gefühlschaos herauskommen. Doch wenn wir die Reaktionsphase nach und nach hinter uns lassen, ist das ein wichtiger Moment. Denn ab dann geht es in der Bearbeitungsphase nach vorne. Der Ausweg aus der Krise beginnt. Denn jetzt entwickeln wir die Bereitschaft, den Krisenauslöser – also zum Beispiel den Verlust eines geliebten Menschen – zu akzeptieren. Vom passiven Spielball der Emotionen haben wir nun die Voraussetzungen dafür, langsam wieder eine aktive Rolle in der Bewältigung der Krise einzunehmen. Wir können uns auf die Suche nach Lösungen. Zum Beispiel, indem wir alternative Verhaltensweisen ausprobieren, die zu der neuen Situation passen.

Dadurch kommen wir in der Phase der Neuorientierung langsam wieder ins Gleichgewicht. Wir haben gelernt und erprobt, wie sich unser Koordinatensystem an die veränderte Situation anpassen lässt. Damit ist nicht plötzlich alles wieder gut, aber wir haben unsere innere Mitte wiedergefunden. Nun können wir unser Leben wieder besser selbst gestalten. Manches werden wir nun anders machen als zuvor. Vielleicht sogar mit positiven Erfahrungen, sodass es möglich wird, der Krise rückblickend einen gewissen Sinn zuzuschreiben. 

Globus der von zwei Händen in Schutzhandschuhen gehalten wird und eine Schutzmaske trägt
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Anna Shvets

Was das für unseren Umgang mit der Corona-Pandemie bedeutet

Allerdings bedeutet dieses Modell der Krisenbewältigung nicht, dass eine Phase automatisch die andere ablöst. Es kann auch sein, dass wir manche Phasen mehrmals durchlaufen. Gerade, wenn wir von einer großen Krise in der Gesellschaft wie zum Beispiel der Corona-Pandemie sprechen. Zusätzlich ist es außerdem naheliegend, dass sich viele Menschen in unterschiedlichen Stadien der Krisenbewältigung befinden. Und das macht die Sache natürlich nicht leichter.

Aber auf der anderen Seite zeigt uns das psychologische Modell eben auch, dass wir uns im Fall der Corona-Pandemie als Gesellschaft in einem Prozess befinden, der am Ende zu einer Bewältigung der Krise führen wird. Denn wir haben ja bereits einige Phasen erlebt. Den Schock etwa, als klar wurde, dass das Virus sich einfach ungehemmt ausbreitet und damit unser Leben akut in Gefahr geraten ist. Und natürlich die Reaktionen auf die drastischen Einschränkungen unseres Alltags, die dadurch nötig wurden.

Wir sind auf einem guten Weg

Auch wenn manche Menschen noch immer mit Schock und Reaktion kämpfen, sind wir als Gesellschaft vermutlich insgesamt inzwischen in der Bearbeitungsphase. Die Forschung ist sehr schnell vorangekommen und hat die Grundlagen für eine medizinische Bewältigung der Bedrohung durch das Virus geschaffen. Und in allen gesellschaftlichen Bereichen – sei es Kultur, Arbeitsleben oder soziales Umfeld – sehen wir Ansätze, wie wir mit dieser Unterstützung wieder zu etwas Normalität kommen können. Auch wenn es wohl noch dauern wird, bis wir die Krise bewältigt haben und wir noch mit einigen Rückschlägen rechnen müssen, sind wir auf einem guten Weg.

Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir gerade noch etwas anderes erleben. Ein Mehr an Solidarität zum Beispiel, das durch das kollektive Durchleben der gleichen großen Krise entstanden ist. Ein achtsamerer Umgang mit unserer Gesundheit und der anderer Menschen. Neue, wichtigere Prioritäten, die wir an die Eignung von Politikern anlegen. Oder die Erkenntnis, dass flexiblere Arbeitsmodelle vielleicht besser in unsere Zeit passen – und unser Schulsystem wirklich dringend einen Digitalisierungsschub braucht.

Krisen bewältigen (Symbolbild) Kleiner grüner Trieb, der sich durch den Beton bohrt
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Engin Akyurt

Wenn wir eine große Krise überstehen, ist damit auch eine große Chance verbunden

Man sieht: Auch wenn alles schwierig ist, brauchen wir keine Angst zu haben, dass es immer so bleiben wird. Eine Krise ist meist mit viel Leid, Ängsten und plötzlicher Veränderung verbunden. Ein harter Weg, den niemand freiwillig gehen will. Aber bei allem Negativen, auf das wir gerne verzichten könnten, sind Krisen eben auch Phasen in unserem Leben, an denen wir wachsen können.

Durch eine Krise gibt es die große Chance, dass sich neue Perspektiven auftun, auf die wir möglicherweise gar nicht gekommen wären. Einfach aus dem Grund, weil es vorher nicht notwendig war. Und dann ist da auch noch dieses Gefühl nach einer überstandenen Krise. Die Erkenntnis, dass man sich eigentlich auch leicht auf die Schulter klopfen dürfte, weil man etwas geschafft hat, das man nie für möglich gehalten hätte.

Es ist der Moment, in dem wir am Ende als Menschen oder eben auch als Gesellschaft ein Stück über uns hinauswachsen können.