weltverbesserer Leben Klimaangst: Wie sich der Klimawandel auf die Psyche auswirken kann

Klimaangst: Wie sich der Klimawandel auf die Psyche auswirken kann

Foto: Liza Summer / Pexels

Unser Planet brennt. Unsere Psyche auch. In Sachen Klimawandel können mittlerweile auch die größten Optimisten nicht mehr cool bleiben. Beim COP26 wurden die Probleme nochmal auf den Tisch gebracht, doch Klimaaktivist:innen und Fachleute sind von den Ergebnissen enttäuscht. Dieses Gefühl, ausgeliefert zu sein, kann sich mit der Zeit ernsthaft auf die Psyche auswirken.

Die Medien sorgen dafür, dass wir mitbekommen, was wir hierzulande (noch) nicht am eigenen Leib erleben: extreme Dürren, rekordbrechende Hitzewellen, Waldbrände, die aus dem All zu sehen sind. Und genau das ist das Dilemma: Einerseits sind Nachrichten ein starkes Vehikel, um den Klimawandel in das Bewusstsein der Menschen zu bringen, andererseits lösen solche Bilder eine ganze Bandbreite von negativen und destruktiven Emotionen aus, die lang- oder sogar kurzfristig unsere Psyche negativ beeinflussen.

Öko-Angst (eco-anxiety) ist ein relativ neuer Stressfaktor, der die Angst vor ökologischen Katastrophen, Umweltverschmutzung oder Klimawandel beschreibt. Alternativ spricht man von ökologischer Trauer (ecological grief) – „eine tiefe Traurigkeit, die Menschen als Reaktion auf den Verlust ihrer Heimat oder des vertrauten Ökosystems empfinden“, erklärt Dieter Lehmkuhl, Vorstandsmitglied der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG).

„The Monster is real”, heißt es in einem Spot der Fridays4Future-Bewegung. Doch nicht alle erleben dieses Monster gleich intensiv. Besonders betroffen sind sensiblere Menschen und Jugendliche, die mit der Emotionsflut noch nicht gut umgehen können. Zu den so genannten Risikogruppen gehören auch Aktivist:innen oder Personen, die sich stark mit Klimathemen auseinandersetzen, wie zum Beispiel Wissenschaftler:innen oder Journalist:innen.

Als Gegenpol der Klimaangst machen sich Ignoranz und Verleugnung breit. Der Grund dafür ist nicht ausschließlich egoistischer Natur: Indem wir uns bewusst gegen Informationen über den Klimawandel abschotten und uns weigern, uns damit zu befassen, versuchen wir genauso das Gefühl von Kontrolle zu bekommen. Und dieser Wunsch nach Kontrolle ist das Grundbedürfnis hinter der Angst.

Symbolbild Klimaangst Person hält Pappschild mit Aufschrift Fight today for a better tomorrow nach oben
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Markus Spiske

Begriff „Klimaangst“ unscharf

Den Begriff Klimaangst sehen manche Psycholog:innen kritisch, da er suggeriert, dass es sich um etwas Irrationales handelt, das sich nur im Kopf abspielt. Dem ist nicht so – der Klimawandel ist real. „Es geht nicht nur um Angst. Wenn wir nur von Klimaangst sprechen, fühlen sich viele Menschen gar nicht angesprochen“, so Dr. Felix Peter von Psychologists for Future. Es geht um eine ganze Bandbreite von Gefühlen wie beispielsweise Wut, Ärger, Frustration, Überforderung, Trauer, Kontrollverlust, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und vieles mehr. Daher empfehlen die Psychologists for Future andere Begriffe, die diese Vielfalt besser widerspiegeln, zum Beispiel Klimasorgen, Klimagefühle oder -stress.

Klima und Gesundheit

Ob und wie stark sich aus diesen Emotionen negative Folgen für die Gesundheit ergeben, hängt laut Expert:innen von der individuellen Prädisposition, Resilienz und vom eigenen Verhalten ab. Langfristig könnten Menschen Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Reizbarkeit, Aggressionen und sogar Suizidgedanken entwickeln. Eine Form von Störung können ebenfalls extreme Formen von Umweltaktionismus sein.

Da im Unterschied zu herkömmlichen Stressoren wie zum Beispiel einer Scheidung oder einer schwere Krankheit der Klimawandel die gesamte Menschheit betrifft, gibt es noch keine spezifischen therapeutischen Ansätze für diejenigen, die unter ihm leiden. Er ist auch nicht etwas, das innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren abklingen oder verschwinden wird. Erschwerend kommt hinzu, dass wir diesen Stress nicht allein und aus eigener Kraft bewältigen können – die Verlangsamung der Klimaerwärmung können wir nur gemeinsam erreichen.

Darüber, wie es um die seelische Verfassung der Deutschen steht, gibt es noch keine aussagekräftigen Zahlen. Die meisten Studien zu den psychischen Auswirkungen des Klimawandels kommen bisher aus Regionen, die stärker betroffen sind, wie den USA, Australien oder Afrika. Eine erste klare Tendenz zeigt sich in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa aus dem Jahr 2019. Demnach fürchten 42 Prozent der Deutschen, dass der Klimawandel Stabilität und Sicherheit der Welt gefährden könnte.

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Unterschiede sind vor allem altersabhängig

Unterschiede ergeben sich nicht nur geografisch, sie sind vor allem altersabhängig. Aus einer Studie, für die 10.000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren aus zehn Ländern nach ihrer Einstellung zum Klimawandel gefragt wurden, geht hervor, dass 59 Prozent der Teilnehmenden „sehr besorgt“ oder „extrem besorgt“ sind. 84 Prozent waren zumindest „mäßig besorgt“. In Ländern, wie den Philippinen, Indien, Brasilien und Portugal, die vom Klimawandel bereits stark betroffen sind, waren laut Umfrage überdurchschnittlich viele Befragte „sehr oder extrem besorgt“. Mehr als die Hälfte fühlten sich traurig, ängstlich, wütend und machtlos.

Diese Zahlen sind unmissverständlich. Umso besser, dass zumindest in deutschen medizinischen Fachkreisen langsam Dynamik aufkommt. Das Thema „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ war im November 2021 auf der Agenda des 125. Deutschen Ärztetages (DÄT). „Die Zeiten von freiwilligen Selbsterklärungen sind vorbei“, sagte Peter Bobbert, Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer. Zusammen mit seinen Kollegen fordert er eine Klimaneutralität des Gesundheitswesens bis zum Jahr 2035.

Symbolbild Klimaangst türkisfarbene Wand mit gerahmtem Schriftzug you are not alone
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Brett Sayles

Klima und Gesellschaft

Das US Global Change Research Programm zeigt, dass sich der Klimawandel auf Dauer nicht nur auf das seelische Wohlbefinden auswirken könnte, sondern auch auf das Miteinander. Aus Studien geht hervor, dass während Hitzeperioden die Aggressionen in der Bevölkerung ansteigen. Das erzeugt wiederum zusätzlichen Ballast für die Seele. Daher sollten Forscher:innen daran mitwirken, diese Folgen der Erderwärmung in ihre Klimamodelle und -rechnungen mit aufzunehmen und zu berücksichtigen.

Es geht also nicht um die Fragen, ob zu viel Aktionismus die Gesellschaft spaltet und ob Menschen ausgegrenzt werden, die keine Ökotextilien kaufen oder sich Öko nicht leisten können. Natürlich sind solche Reaktionen ebenso möglich, aber sie werden punktuell sein und nicht ins Gewicht fallen. Die größte Gefahr besteht eher darin, dass trotz erdrückender Datenlage zum Klimawandel die Regierungen Gesetze nicht oder nur sehr schleppend ändern.

Symbolbild Klimaangst Pappschild auf Demonstration gegen Klimawandel mit der Aufschrift Eco not Ego
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Markus Spiske

Wir müssen lernen, mit künftigen Unsicherheiten umzugehen

Während auf Klimagipfeln und in Brüssel diskutiert wird, sind wir als Einzelpersonen gut beraten, zu lernen, wie wir mit den Unsicherheiten für die Zukunft umgehen könnten. Am besten fangen wir dort an, wo wir uns am wohlsten fühlen. Obwohl es zielführend ist, sich gut zu informieren. Wir sollten wir uns nicht von den Ängsten anderer vereinnahmen lassen. Wenn negative Gefühle in Bezug auf den Klimawandel hochkommen, könnten wir versuchen, diese zu relativieren beziehungsweise zu akzeptieren. Verständnis für die Sorge der Mitmenschen zu zeigen, denen das Thema sehr am Herz liegt, wirkt sich wiederum gut auf die zwischenmenschlichen Beziehungen aus.

Eckart von Hirschhausen, Arzt, Autor und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ ist überzeugt, dass die Klimakrise auch eine Gesundheitskrise ist. In einem Interview zu seinem neuen Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ gibt er Tipps, wie jeder von uns ins Handeln kommen kann. Die persönlichen Hebel seien weniger mit dem Flugzeut reisen, weniger Fleisch essen und weniger Zeug kaufen und wegwerfen. „Aber das reicht nicht. Sich schlau machen, sich verbünden und auf politische Veränderungen drängen, das ist das allerwichtigste.“

Nicht zuletzt könnte einem aufkommenden Klimastress die Idee einer „Planetary health Diet“ entgegenwirken, da sie das, was dem Körper guttut, mit dem verbindet, was dem Planeten guttut.

Symbolbild Klimaangst Frau sitzt auf dem Bett und hat die Arme unter den Oberschenkeln verschlungen und legt ihren Kopf schützend auf die Knie
Foto: CC0 Public Domain / Pexels – Andrea Piacquadio

Klimastress: Diese Projekte helfen

Wenn Du feststellst, dass dich das Thema Klimawandel über einen längeren Zeitraum negativ beschäftigt und sich auf dein Gemüt auswirkt, wäre es gut, mit jemandem darüber zu sprechen. Therapeut:innen unterstützen beispielsweise Menschen dabei, individuelle Kraftquellen zu entdecken, Gefühle wie Angst, Ohnmacht oder Panik zu regulieren sowie einen konstruktiven persönlichen Umgang damit zu finden.

Mit dem Online-Angebot „TK-DepressionsCoach“ hilft die Techniker Menschen mit depressiven Symptomen. Bevor du in eine Negativspirale abrutschst, ist es ratsam, dir diese Beratung anzuschauen. Bei konkreten Angststörungen hilft hingegen das Programm Invirto. In Zukunft ist zu erwarten, dass weitere bewährte Ansätze und Verfahren auf psychische Klimawandel-Reaktionen adaptiert und neue entwickelt werden.

Klimafreundlich handeln tut Seele und Umwelt gut

Für den Umgang mit dem Klimawandel gibt es weder politisch noch medizinisch ein Patentrezept. Es tut der Seele und dem Klima gut, klimafreundlich zu handeln und gleichzeitig eine gesunde innere Distanz zum Thema einzuhalten. Wem die eignen Schritte zu klein sind, sollte sich auf die Erfolge konzentrieren, seien diese privat oder politisch. Diese fördern die Motivation, nicht aufzugeben und schlicht weiterzumachen.