weltverbesserer Leben Handy Kinder: Erziehung in einer digitalisierten Welt

Handy Kinder: Erziehung in einer digitalisierten Welt

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„Aber nur eine Folge, dann ist Schluss!“ Na, liebe Eltern, dieser Satz kommt euch sicherlich bekannt vor. In der Erziehungsfrage ist der tägliche Kampf ums Tablet zum Klassiker geworden. Gleichzeitig erleben wir gerade, wie das Klassenzimmer plötzlich komplett digital wird und ohne gutes WLAN bildungstechnisch kaum was geht. Da kommen wir mit unseren alten Denkmustern, die digitale Medien für „Handy Kinder“ per se verteufeln, nicht weiter. Gefragt ist ein guter und gesunder Umgang mit ihnen.

Die ab 1990 Geborenen kennen es nicht anders: Sie sind die erste Generation, die in einer digitalen Gesellschaft aufgewachsen sind. Doch nicht nur die „Handy Kinder“ und Jugendliche sind mit der Digitalisierung konfrontiert – jede:r einzelne von uns ist es.

Schreibtisch und Laptop nebeneinander
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Alte vs. neue Einstellung: ein Dilemma

Berühmt ist die Aussage von Bill Gates aus dem Jahr 1993: „Das Internet ist nur ein Hype“. Die Frage, ob die Digitalisierung auch in Zukunft einen fester Bestandteil unseres Lebens sein wird, stellt sich mittlerweile nicht mehr. Eher die nach der Qualität und Quantität ihrer Nutzung. Und genau hier scheiden sich die Geister – nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern ebenso unter den Erwachsenen selbst. Das wirkt sich zwangsläufig auf die Erziehung aus.

Generationenkonflikte sind nichts Neues

Das kommt daher – und die Kinder können nichts dafür – dass sie immer digitaler aufwachsen, während ihr erzieherisches Umfeld oft analoger ist. Es entsteht ein Generationenkonflikt, da Eltern nicht selten in „alten Denkmustern“ feststecken. Laut der FIM Studie 2016 steht gut die Hälfte der Eltern der Medienentwicklung der letzten Jahre ambivalent gegenüber: Nur jede:r Vierte äußert sich eher positiv und 14 Prozent sehen mehr negative Folgen.

Ist es schlecht, wenn die heutigen „Handy-Kinder“ dadurch ganz anders aufwachsen als ihre Eltern? Nein, denn jede Generation hat ihre Besonderheiten. Nur jetzt müssen wir lernen, mit Veränderungen viel schneller umzugehen. Die Eltern-Generation von heute hat ihre Erziehungsberechtigten auch ganz schön geärgert, jedoch nicht mit Snapchat und WhatsApp, sondern mit Gameboy, Furby oder Tamagotchi. Es ist also nicht wirklich neu, dass Erwachsene angesichts des Medienkonsums der Kinder nervös werden. Neu ist, dass sie unter Druck stehen – von innen als auch von außen.

Der Druck auf die Eltern ist gewachsen

Bei der Medienerziehung der Handy-Kinder spielt der gesellschaftliche Druck eine wesentliche Rolle: Viele Eltern haben ein schlechtes Gewissen oder sogar Angst, dass sie keinen guten Job machen, wenn sie ihren Kindern früh ein Handy kaufen. Was ist (zu) früh? Hinzu kommt, dass sich die Sorge um das Wohlergehen der Sprösslinge mit der Angst vor Kontrollverlust mischt: Plötzlich beherrschen die Kids lauter Dinge, die ihnen die Älteren gar nicht beigebracht haben.

Dabei wissen die Eltern durchaus selbst, die Vorteile der Digitalisierung für sich zu nutzen: Laut der aktuellen TK-Studie „Schalt mal ab, Deutschland!“ sind 76 Prozent der Erwachsenen fast immer online. Nur fünf Prozent nutzen das Internet in ihrer Freizeit selten oder nie. Dabei handelt es sich nicht um einen Corona-Trend. In der FIM Studie aus dem Jahr 2016 maßen 74 Prozent der Eltern dem Smartphone eine wichtige Bedeutung bei der Organisation des Familienalltags bei.

Zwei Mädchen mit Zöpfen in einer Hängematte
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Frische Luft vs. viereckige Augen

Trotzdem: Wenn man Eltern nach der idealen Freizeitbeschäftigung für Kinder fragt, wird kein Vater oder keine Mutter Smartphone, Tablet oder Fernsehen als Zeitvertreib freiwillig nennen. Stattdessen schwärmen diese vom Spazierengehen im Wald, Ballspielen im Garten oder (bei Regen) Brettspiele im Wohnzimmer. Man könnte meinen das Motto lautet „Hauptsache analog“.

Für die Wissenschaftsjournalistin und Autorin Nicola Schmidt ist die Digitalisierung die größte Revolution seit Erfindung des Buchdrucks. „Doch Revolutionen sind uns Menschen grundsätzlich nicht geheuer – deshalb wollen wir sie lieber verdrängen und verstecken wie früher den Fernseher hinter den Türen der Schrankwand“. Schmidt ist der Meinung, dass Eltern durchaus mutiger und ehrlicher sein könnten. „Seit Jahrtausenden gehört zum Aufwachsen von Kindern, dass sie die Kulturtechniken lernen, die ihre Zeit beherrschen“, ist die Elternratgeber-Autorin überzeugt.

Das Internet stellt mit seinen Möglichkeiten für Beruf, Freizeit und Kommunikation ein großes Potential dar. Gerade der frühzeitige Umgang mit neuen Medien könnte jede Menge Chancen für die Kinder bergen. Vorausgesetzt, die Medienkompetenz auf beiden Seiten stimmt.

Mädchen sitzt am Boden und schaut gespannt auf ihr Smartphone
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Handy Kinder vs. Handy-No-Go: beide Extreme nicht gut

Laut der JIM Studie 2019 wachsen Jugendliche mit einem breiten Repertoire an Mediengeräten auf. Dabei ist das Smartphone mit 93 Prozent das am weitesten verbreitete Mediengerät. Allerdings belegen Untersuchungen der TK, dass 21 Prozent der Vielsurfer einen weniger guten oder sogar schlechten allgemeinen Gesundheitszustand haben. Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen erhöhtem Internetkonsum und körperlicher und psychischer Belastung. 38 Prozent leiden unter Nervosität und 40 Prozent zeigen sogar überdurchschnittlich häufiger depressive Symptome, wie zum Beispiel Stimmungsschwankungen.

Zu viel ist zu viel

Ein gemäßigter Medienkonsum hat wiederum seine positiven Seiten. Prof. Gunther Rehfeld, Professor für Grafik und Bildbearbeitung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, betont beispielsweise, dass Computerspiele die Kreativität und gemeinschaftliches Zusammenspiel fördern.

Es ist die Menge, die das Gift macht, bestätigt der Psychiater Dr. Bernd Sobottka und warnt vor der Gefahr der Online-Sucht. Diese ist nicht unbegründet. Aus Ergebnissen der „Drogenaffinitätsstudie 2019“ der Bundesregierung geht hervor, dass sich bei den Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren der Anteil derer mit einer problematischen Internet- und Computerspielnutzung in den Jahren 2015 bis 2019 von 21,7 auf 30,4 Prozent erhöht hat.

Kaum Medienkonsum ist auch keine Lösung

Ungesund ist aber auch das andere Extrem: Wenn Kinder und Jugendliche fast ausschließlich analog unterwegs sind, besteht die Gefahr, dass sie die soziale Anbindung verlieren oder ausgegrenzt werden.

Zur guten Medienkompetenz gehört ebenfalls der selbstbewusste Umgang mit Cyber-Mobbing. In diesem Bereich tut sich bereits sehr viel und das ist gut so, weil laut der JIM Studie 2019 zwei von drei Jugendlichen im Monat vor der Befragung mit Hass im Netz konfrontiert worden sind. Das bestätigt auch die bisher größte Studie zum Thema namens Cyberlife III, die in Kooperation mit der TK durchgeführt wurde. Die Eltern sind überfordert, die Lehrer zu wenig darauf vorbereitet und die Schulen zu zögerlich in der Reaktion.

Das soll sich dank der vielen Initiativen in diesem Bereich bald ändern: Das Schulprojekt „Gemeinsam Klasse sein“ unterstützt beispielsweise Schulen und Eltern dabei, dass Kinder gerne zur Schule gehen und sich in ihrer Klasse wohlfühlen. Rechtsanwältin Gesa Stückmann unterrichtet in ihren Law4School Schulklassen zu den rechtlichen Aspekten von Cybermobbing. Und bei Juuuport beraten Jugendliche ihre Altersgenossen zu Problemen im Netz.

Familie sitzt udn arbeitet gemeinsam vor dem Laptop
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Digital-Parents vs. Handy-Kinder

Die FIM-Studie bringt es schwarz auf weiß: In Sachen Medienerziehung schätzt sich jede:r dritte Elternteil sehr kompetent ein, wobei sich Männer sehr viel stärker eine hohe Erziehungskompetenz zuschreiben als Frauen (40 Prozent bzw. 23 Prozent). Warum passiert es dann so oft, dass Kinder immer wieder „Moment mal“ zu hören bekommen? Die Erwachsenen drücken sie sozusagen auf „Standby“, um schnell noch die Mails zu checken, die WhatsApp-Nachricht zu beantworten und den Börsenbericht zu Ende lesen. Erst dann schenken sie dem Nachwuchs ihre kostbare Aufmerksamkeit.

Dennoch erwarten Eltern, dass Kinder ihr aus ihrer Sicht unwichtiges Hin und Her mit ihren Freunden sofort unterbrechen, wenn sie gerade mal Zeit für sie haben. Mit welchem Recht regen sie sich auf?

Nur fünf Prozent der Erwachsenen nutzen das Internet in ihrer Freizeit selten oder nie. Viele setzen auf Digital Detox, vor allem in der Pandemie. Doch eine Studie des Bitkom-Forschungsinstituts hat in diesem Zusammenhang ergeben, dass in 2020 fast die Hälfte der befragten Personen, die eine Detox-Phase einlegen wollten, gescheitert sind.

Nicola Schmidt findet den Mittelweg gut. „Eltern müssen nicht perfekt sein“, sagt sie. Es würde reichen, jeden Tag ein bisschen achtsamer zu sein und nicht an den eigenen Ansprüchen kaputt zu gehen. Es sei besser, die Dreijährige mal ausnahmsweise 20 Minuten einen Zeichentrickfilm auf YouTube anschauen zu lassen, während man das Baby ins Bett bringt, als sich eine halbe Stunde lang anzuschreien, weil am Abend die Nerven bei allen blankliegen.

TK Leistung Familie

Neue Sichtweisen sind gefragt

Auch wenn die Digitalisierung so viel auf den Kopf stellt, bleibt eine Sache unverändert: Ein gesundes familiäres Umfeld beruht auf Verständnis und Miteinander. Eltern müssen weiterhin Zeit investieren, um mit den Heranwachsenden im Gespräch zu bleiben. Gleichzeitig sind wir gut beraten, in der Debatte rund um die „digitale“ Erziehung offen zu denken. Die Kraft der Digitalisierung sollten wir nutzen und erkennen, sodass sie Eltern und Kindern neue Formen der Kommunikation und Alltagsorganisation ermöglicht.

„Unsere Kinder müssen erleben, dass digitale Medien mehr sind als ein praktischer Babysitter, der Kinder passiv zur dankbaren Werbezielgruppe macht“, sagt Autorin Nicola Schmidt und bezieht sich dabei auf ihre eigene Erfahrung als Mutter. „Mit digitalen Medien können wir arbeiten und etwas Kreatives erschaffen. Wir müssen die Möglichkeiten entdecken und sie unseren Kindern vermitteln. Denn „nutzen“ und „beherrschen“ sind nicht dasselbe.“

Wenn wir als Erwachsene Kinder gut begleiten, wird es ihnen weiterhin gelingen, neue Wege einzuschlagen – im Wald, am Lagerfeuerplatz und ja, sogar am Tablet. Wichtig ist, die neuen Welten gemeinsam zu entdecken und vorzuleben, dass es Orte mit und ohne Handy gibt.

Es gibt nicht die „schlechten“ oder die „guten“ Medien. Es kommt darauf an, wie wir sie nutzen. Jeder ist gefragt, sein Digitalverhalten zu hinterfragen und für regelmäßige Pausen und Offline-Zeiten zu sorgen. Dazu sollte Medienbildung sowohl in der Schule als auch in der Familie gefördert werden.

Eltern sollen den Kindern nicht nur beibringen, wie sie sich gesund ernähren oder im Straßenverkehr verhalten, sondern außerdem, worauf sie achten müssen, wenn sie sich im Netz aufhalten. Denn ob die Eltern wollen oder nicht: sie werden das mit Sicherheit tun.