weltverbesserer Leben Haare oder Glatze? Schönheitsideal und Tabu

Haare oder Glatze? Schönheitsideal und Tabu

Foto: Cliff Booth / Pexels

Kaum ein Aspekt unseres Körpers ist so sehr geprägt von den gesellschaftlichen Normen und Schönheitsidealen wie unsere Haare. In unseren Breitengraden gilt: am Kopf bitte viel, bei Frauen lang, bei Männern kürzer, am Körper lieber weniger. Bei Männern wird starke Körperbehaarung oder eine Glatze noch eher akzeptiert, bei Frauen gilt das schnell als „unweiblich“ und verpönt.

Wenn die Haare genetisch bedingt zu stark wuchern oder aufgrund einer Krankheit oder deren Behandlung, wie etwa einer Chemotherapie ausfallen, kommt zum körperlichen oft ein psychisches Problem. Komische Blicke ob der Glatze, soziale Ausgrenzung wegen des vermeintlichen „Affenfells“ sind für Betroffene teilweise stark belastend. Aber woher kommen unsere Vorstellungen von Schönheit? Warum sind manche Dinge immer noch ein Tabu? Welche Gründe und Behandlungsmöglichkeiten für Haarausfall gibt es? Wir wollen diese „haarige Angelegenheit“ ein wenig näher beleuchten.

Haare als Schönheitsideal für beide Geschlechter
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Haarpracht als Schönheitsideal

Jede Epoche und jede Kultur hat ihre eigenen Ideen darüber, welche Frisuren, welche Haarlängen oder -strukturen und welche Haarfarbe als „schön“ gilt. Schon in der Antike waren lange Haare ein Symbol für Fruchtbarkeit und männliche Kraft und damit erstrebenswert. Später wurden die Haare unter Perücken versteckt, zu kunstvollen Frisuren hochgetürmt oder zu Zöpfen geflochten.

Die stark unterschiedlichen gesellschaftlichen Normen für Männer und Frauen entwickelten sich erst später. In der heutigen Zeit sind Kurzhaarfrisuren grundsätzlich Männern zugeordnet, während Frauen langes Haar tragen sollten, wollten sie als „weiblich“ und schön wahrgenommen werden. Dicht und glänzend sollte das Haar jedoch bei beiden Geschlechtern sein.

Bei Männern wird eine Glatze gerade noch akzeptiert, kursiert doch die Legende, kahlköpfige Männer seinen besonders potent. Bei Frauen dagegen ist das Fehlen von Haaren auf dem Kopf immer noch ein Tabu, egal aus welchem Grund. Die weibliche Glatze wird daher unter Perücken, Tüchern oder Schals verborgen, um keine schiefen Blicken zu erzeugen.

Evolutionsbiologisch ergeben zumindest die letzten Kriterien Sinn, signalisieren sie doch Jugend und Fruchtbarkeit. Welche Frisuren daraus gemacht werden (dürfen) sind jedoch rein ein Diktat der Mode. Daher ist auch nicht verwunderlich, wenn die Haare zum Mittel des Protests werden. Sei es bei Frauen, die sich in den 1920er Jahren erstmals mit Kurzhaarschnitt gegen vorgegebene Rollenbilder wehrten, Männer, die heute ihre Haare lang tragen oder der knallbunt gefärbte Irokesenschnitt der 1980er Jahre.

Haare am Körper sind auch bei Männerrn ein Thema
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Erinnerung an (wilde) Vorfahren?

In Bezug auf unsere Körperbehaarung sind wir in Mitteleuropa weitaus weniger tolerant als beim Haupthaar. Speziell für Frauen gilt der Grundsatz, nur glatte Haut sei schön. Achselhaare, behaarte Beine oder gar ein Damenbart sind in der Öffentlichkeit tabu und sollen nicht gezeigt werden. Bei Männern sind unsere gesellschaftlichen Schönheitsideale da etwas großzügiger. Bärte, Brusthaare und auch sichtbare Haare an den Beinen sind allgemein akzeptiert. Dennoch geht der Trend auch bei Männern immer mehr in Richtung haarloser Körper. Medizinische Gründe für das Entfernen von Körperhaaren gibt es nur in Ausnahmefällen. Auch hier ist die Evolutionsbiologie stark beteiligt. Zum einen vermuten Forscher, es handle sich um eine Art unterbewusste Abgrenzung gegen unsere Vorfahren mit Fell. Zum anderen deutet fehlende Körperbehaarung auf einen jungen Menschen vor Beginn der Pubertät hin. Indem wir unsere Härchen am Körper entfernen, wollen wir im übertragenen Sinne „die Zeit zurückdrehen“.

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Haarentfernung und die Auswirkungen

Unser ästhetischer Wunsch nach einer Verlängerung der Jungend hat allerdings ein paar Nachteile. Rasieren, die wohl häufigste Variante, hält nicht lange an, kann die Haut reizen und unangenehme Schnitte als „Nebenwirkung“ zur Folge haben. Die lassen sich bei einer Haarentfernung mittels Epilieren, Waxing oder Sugaring zwar vermeiden, doch bei allen drei Methoden werden die feinen Härchen ausgerissen. Diese Prozedur ist sehr schmerzhaft, muss alle paar Wochen wiederholt werden und empfindliche Haut reagiert oft mit Rötungen oder kleinen Pickelchen. Enthaarungscremes, die das Keratin auflösen und die Körperhärchen vor der Entfernung absterben lassen, sind im Gegensatz dazu zwar schmerzfrei, können jedoch auf sensibler Haut allergische Reaktionen hervorrufen.
Am längsten, nämlich einige Monate, hält eine Haarentfernung mittels Laser, IPL (Lichtblitze) oder Nadelepilation (kleine Stromstöße) an. Bei allen Methoden werden die winzigen Blutgefäße verödet, die Härchen werden nicht mehr versorgt und sterben ab. Das ist teuer, teilweise schmerzhaft und kann massive Nebenwirkungen, beispielsweise Narben und Verbrennungen, haben.

Haare oder Glatze sind manchmal krankheitsbedingt

Wenn die Haare ausfallen

So erstrebenswert uns der Verlust der Körperbehaarung auch scheint, fallen die Haare am Kopf aus, ist das für die Betroffenen psychisch meist sehr belastend. Einzelne Haare zu verlieren, die magische Zahl sind hier etwa 100 Haare pro Tag, ist im Prinzip ganz normal und gehört zum Lebenszyklus eines Haares dazu. Von Haarausfall spricht man erst, wenn diese Grenze über einen längeren Zeitraum überschritten wird, sich kahle Stellen bilden oder eine Glatze entsteht.

Die Gründe für Haarausfall sind vielfältig

Die Gründe für Haarausfall reichen von genetischer Veranlagung über Hautkrankheiten bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten und Therapien, etwa bei Brustkrebs.

  • Erblich bedingter Haarausfall trifft rund zwei Drittel der Männer und ein Drittel der Frauen in höherem Alter. Die Haare reagieren stärker auf das im Blut zirkulierende Testosteron, wachsen nur kurze Zeit und fallen früher aus. Bei Männern entstehen die typischen Geheimratsecken und eine Tonsur, die schließlich ineinander übergehen und zur Glatze werden. Bei Frauen lichtet sich das Haar am Scheitel, eine Glatze entsteht nicht.
  • Haarausfall durch Medikamente tritt besonders häufig in Zusammenhang mit Chemotherapie zur Krebsbehandlung auf. Die eingesetzten Wirkstoffe greifen Zellen mit hoher Teilungsrate an, wozu auch Haarfollikel zählen, und zerstören diese. Die Haare fallen aus, wachsen aber nicht mehr nach, solange die Therapie dauert, sodass eine Glatze entsteht. Andere Medikamente, zum Beispiel hormonelle Verhütungsmittel, können ebenfalls in den Wachstumszyklus der Haare eingreifen und krankhaften Haarausfall zur Folge haben.
  • In manchen Fällen entstehen kahle Stellen am Kopf infolge einer Krankheit, beispielsweise einer Autoimmunerkrankung oder einer Entzündung der Kopfhaut. Auch zu viel mechanischer Druck und Zug kann die Haarfollikel schädigen und die Haare ausfallen lassen. Eine Glatze bildet sich hier normalerweise nicht.
  • Lichtet sich das Haar an verschiedenen Stellen am Kopf zu stark, spricht man von diffusem Haarausfall. Dieser kann ganz unterschiedliche Ursachen haben, unter anderem Stress, oder einfach eine Folge des Alterns sein.

Die Behandlung von Haarausfall ist möglich

Die Behandlung von übermäßigem Haarausfall hängt immer von der Ursache ab. Wenn möglich, muss diese abgestellt werden, etwa indem Stress reduziert, eine Entzündung der Kopfhaut behandelt oder das Medikament, natürlich nach Rücksprache mit dem Arzt, abgesetzt wird. Bei einer lebenswichtigen Chemotherapie oder bei genetisch bedingtem Haarausfall ist das freilich nicht möglich, der Leidensdruck der Betroffenen aber oft sehr hoch.

Bei einer Chemotherapie können allerdings begleitende Maßnahmen ergriffen werden, um die Haare zu schützen und so einer Glatze entgegen zu wirken. Ganz verhindern lässt sich der Haarausfall jedoch nicht. Die gute Nachricht: diese Nebenwirkung ist nur temporär. Ungefähr ein bis drei Monate nach Ende der Krebsbehandlung haben sich die Haare wieder erholt und wachsen meist normal nach.

Anders bei der erblich bedingten Variante. Unseren Genen können wir nicht entkommen, es gibt jedoch Wirkstoffe, die, rechtzeitig angewandt, die Empfindlichkeit der Haarwurzeln auf Testosteron wieder auf ein normales Niveau senken können und so den Haarverlust bremsen. Auch eine Haartransplantation in möglich, jedoch in Fällen mit starker Glatzenbildung aufwändig, teuer und nicht immer von Erfolg gekrönt. Je früher Betroffene zum Arzt gehen, desto erfolgreicher kann auch diese Form von Haarausfall behandelt und die Haarpracht erhalten werden.

Schluss mit dem Tabu

Das Thema „Haare“ lässt kaum jemanden kalt. Jeder Kulturkreis hat andere Vorstellung davon, was bei Haaren als schön, weiblich oder männlich gilt. Das gewünschte Spektrum an Haarwuchs an einem Ende zu verlassen, sei es durch starke Körperbehaarung oder durch (krankheitsbedingten) Haarausfall ist immer noch ein Tabu-Thema. Die Betroffenen werden oft stigmatisiert und ausgegrenzt und leiden so doppelt unter ihren Problemen. Wir sollten daher lernen, die Hintergründe zu verstehen, Schönheitsideale in Frage zu stellen und die Attraktivität eines Menschen nicht von Haaren oder Glatze abhängig machen.

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