weltverbesserer Leben Gutmensch – ein Schimpfwort, das keines ist

Gutmensch – ein Schimpfwort, das keines ist

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Ein „guter Mensch“ zu sein, war früher durchaus erstrebenswert. Doch spätestens seit „Gutmensch“ 2015 zum Unwort des Jahres gewählt wurde, hat der Begriff eine negative Bedeutung als Kampfbegriff und Schimpfwort. Doch woher kommt diese Ablehnung guten Menschen gegenüber? Wieso betrachten wir es als verwerflich, anderen zu helfen, weil wir selbst uns dadurch besser fühlen? Und wann ist jemand eigentlich ein Gutmensch? Wir haben versucht, die recht komplexen Antworten auf diese Fragen zu finden.

Gutmenschen wird vorgeworfen, stets und ständig die Moralkeule zu schwingen. Angeblich urteilen sie über andere und wollen nur helfen, um sich selbst besser oder moralisch überlegen zu fühlen. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft werden damit abgewertet und klein geredet, sogar zu etwas Schlechtem gemacht.

Doch ein Mensch, der Gutes tut und sich bewusst um andere Menschen und die Gesellschaft bemüht, ist in der Regel nicht daran interessiert, sich über sein Tun ein positives Gefühl zu verschaffen. Vielmehr haben Menschen, die sich engagieren, in der Regel das Wohl der anderen im Blick. Ob im Ehrenamt oder mit kleinen guten Taten – eine Gesellschaft ist eine Gemeinschaft, die davon lebt, dass wir als soziale Wesen zusammenleben und füreinander da sind.

Blauer Schriftzug Good People auf einer weißen Hauswand
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Vom „guten Willen“ zum „Gutmensch“

Das  Wörterbuch der Deutschen Sprache definiert „Gutmensch“ als jemanden, der übertrieben moralisierend und selbstgerecht Auffassungen vertritt, die der politischen Korrektheit entsprechen. Im Grunde also das überspitzte Gegenteil eines guten, toleranten Menschen.

Woher der Begriff stammt, ist nicht eindeutig belegt. Ein möglicher Ursprung lässt sich im kategorischen Imperativ von Immanuel Kant und seiner Auslegung des „guten Willens“ als Maxime des Handelns finden. Ein guter Mensch ist einer, der das Beste für die Allgemeinheit möchte und Moral und Anstand stets über den eigenen Vorteil stellt. Der Gutmensch ist in diesem Kontext also ein sehr positiver Begriff.

Etwas differenzierter sieht das Nietzsche, wenn er in seinen Werken vom „guten Menschen“ spricht. Der gute Mensch ist voller gutem Willen, das Ergebnis seines Tuns ist jedoch oft das Gegenteil davon. Die Gutmenschen in Nietzsches Welt handeln in bester Absicht, unterliegen aber, wie jeder von uns, einer gewissen Selbsttäuschung und unbewussten Bösartigkeit.

Vermehrt genutzt wurde der Begriff in Debatten der 1990er Jahre, damals noch als neutrale bis positive Beschreibung besorgter Mitmenschen, die für sich und ihre Umgebung das Beste wollten und daher hohe moralische Maßstäbe an sich und andere anlegten.

Warum ein positiver Begriff jetzt ein negativer ist

Den starken negativen Beigeschmack bekam „Gutmensch“ erst etwa 20 Jahre später, während der Flüchtlingskrise von 2015. Vor allem rechtsgerichtete politische Gruppierungen setzten und setzen das Wort als abwertende Bezeichnung für ihre Gegner ein. Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen sollte damit diffamiert werden als etwas, das nur der Befriedigung des eigenen Geltungsbedürfnisses dient. Gutmenschen helfen anderen nur, damit sie sich selbst besser und moralisch überlegen fühlen, wurde behauptet.

Gutmensch wurde endgültig zum Kampfbegriff und Schimpfwort für nervige Zeitgenossen, die ständig mit dem erhobenen Zeigefinger auf vermeintlich moralisch verwerfliches Verhalten hinweisen. Toleranz und Hilfsbereitschaft wurden damit klein geredet und als „dumm“ abgestempelt. Grund genug, „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres 2015 zu erklären.

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Was Gutmenschen ausmacht

Wann ist jemand eigentlich ein „Gutmensch“? Grundsätzlich ist damit wohl jemand gemeint, der zwar gute Taten vollbringt, aber aus den angeblichen falschen Gründen. Also nicht helfen, damit es anderen besser geht, sondern damit man selbst sich besser fühlt. Einem Gutmenschen fehle der gute Wille, wird unterstellt. Er fühle sich moralisch überlegen und wolle andere damit abwerten. Für politische Parteien oder bestimmte Personengruppen eine willkommene Möglichkeit, die Kritik an den eigenen Handlungen und Prinzipien als falsch und unbedeutend abzutun.

Die wahrscheinliche psychologische Ursache für die Ablehnung gegenüber Gutmenschen nennt sich kognitive Dissonanz. Unter diesem Begriff versteht die Sozialpsychologie den Unterschied zwischen innerem Anspruch und Realität. Kognitive Dissonanz gehört zum Leben dazu. Beispielsweise, wenn wir uns zwar vornehmen, uns gesünder zu ernähren, aber am Ende doch die Pizza bestellen. Unser Gehirn versucht dann, den Widerspruch aufzulösen. Zum Beispiel mit „Ich hatte keine Zeit, zu kochen“. Dasselbe Prinzip greift, wenn wir uns aufgrund der Hilfsbereitschaft eines anderen Menschen schlecht fühlen. Wir werten ihn als „Gutmenschen“ ab und stellen seine Motive infrage, damit unsere Psyche beruhigt ist.

Sich völlig aufzuopfern ist nicht gesund

Oft wird behauptet, Gutmenschen würde anderen nur helfen, um sich selbst besser zu fühlen. Tatsächlich steigt das eigene Wohlbefinden, wenn wir anderen Gutes tun. Soziale und gesellschaftliche Anerkennung ist wichtig für unsere psychische Gesundheit und motiviert uns daher auch zu Hilfsbereitschaft und Toleranz. Neuere Studien belegen aber auch, dass zu viel Selbstlosigkeit der eigenen Lebenszufriedenheit schadet. Wer sich ständig für andere aufopfert, um ein guter Mensch zu sein, wird zwar gemocht, aber nicht respektiert. Es fehlt die für unsere innere Ausgeglichenheit so wichtige Anerkennung durch andere.

Um diese doch noch irgendwie zu bekommen, wird dann vielleicht versucht, die politische Korrektheit des eigenen Verhaltens zu betonen. Oder die moralische Überlegenheit der persönlichen Meinung wird als Totschlagargument in Diskussionen benutzt. Das nervt – und bestätigt andere in ihrer negativen Einstellung gegenüber Gutmenschen.

Graffiti von zwei Händen auf einer Hauswand die einander berühren wollen
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Claudio Schwarz

Gut gemeint ist nicht immer gut

Denn nicht immer ist ein Gutmensch auch ein guter Mensch. Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut“. Der gute Wille allein reicht eben meist nicht aus, um die Lebenssituation anderer Menschen nachhaltig zu verbessern.

Ein Beispiel dafür sind Brunnen, die in afrikanischen Dörfern gebohrt wurden, um die Bewohner mit Wasser zu versorgen. Da aber keine Ersatzteile bereitgestellt wurden und den Dorfbewohner auch nicht gezeigt wurde, wie sie die Wasserpumpen reparieren konnte, versiegten die Brunnen rasch wieder und das investierte Geld war verpufft.

Ein anderes Beispiel sind „Diversity Events“. Diese sollen die Vielfalt der Menschen feiern und in den Mittelpunkt stellen. Allerdings ohne, dass diese Diversity bei den Mitarbeitern, den Showacts oder der Gastronomie vertreten wäre.

Das Ziel ist so wichtig wie der Weg

Oder es werden Plakate und Aufkleber verteilt, die gegen Rassismus oder Homophobie auftreten, um damit ein Zeichen zu setzen. Im Grunde eine gute Idee, um Minderheiten zu unterstützen. Nur werden solche Aufkleber zum Großteil an Orten angebracht, wie die jeweiligen Minderheiten kaum zu finden sind und das Problem somit nicht auftritt.

Das klassische Beispiel für falsch verstandenes Gutmenschentum ist allerdings zumeist in den sozialen Medien zu finden. In Gruppen und Diskussionsforen wird sich empört und die moralische Keule geschwungen. Beispielsweise beim Thema Tierschutz oder Gewalt gegen Frauen. Im realen Leben wird jedoch eher selten eingegriffen, wenn eine solche Tat vermutet wird. Diese Diskrepanz ist sicher mit ein Grund, warum die Gutmenschen ihren negativen Ruf nicht abstreifen können.

Scrabbleplättchen mit dem Satz In lifting others we rise
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Brett Jordan

Gutes tun bleibt wichtig und richtig

So kann eine gute Tat, so klein sie auch sein mag, anderen Menschen Gutes tun, helfen und dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ob einkaufen gehen für ältere Menschen, das Ausleihen von Werkzeugen in der Nachbarschaft oder ein freundliches Miteinander im Umgang miteinander, all das kann dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen.

Dabei ist Anderen helfen zu wollen und Gutes zu tun wichtig und richtig, daran ändert auch ein negativ besetzter Begriff wie „Gutmensch“ nichts. Wir Menschen sind soziale Wesen, die vom Miteinander und gegenseitiger Unterstützung profitieren – ganz unabhängig von einem Wort und seiner Bedeutung.