weltverbesserer Machen Wo fängt eigentlich eine gute Diskussion an?

Wo fängt eigentlich eine gute Diskussion an?

Foto: CC0 Public Domain / Unsplash - Kyle Glenn

Wir alle haben eine Meinung – aber nicht immer dieselbe. Können wir dann trotzdem miteinander reden? Aber klar doch, genau dafür ist eine Diskussion da. Und die kann richtig gut werden, wenn wir ein paar wichtige Punkte beachten.

Brauchen wir ein Tempolimit auf der Autobahn? Ist Fleischkonsum noch zeitgemäß? Was ist der beste Film von Quentin Tarantino? Oder auch nur die Frage, in welcher Farbe wir die Wohnung streichen wollen: Ob im Gespräch mit Freundinnen und Freunden, mit der Familie, im Büro, der Kneipe oder auf der Straße ist unser Leben von Momenten durchzogen, in denen wir auf unterschiedliche Standpunkte stoßen.

Manchmal lässt uns das kalt. Zum Beispiel, weil wir gerade nur wenig Zeit haben oder weil das Thema unser Leben nicht wirklich berührt. In anderen Fällen aber kann es durchaus sein, dass sich daraus eine engagierte Diskussion ergibt.

Weltverbesserer: Wo fängt eine gute Diskussion an?

Nicht immer fühlen sich solche Diskussionen gut an. Es geht dann offensichtlich nur darum, wer Recht hat – und manche können ihre Meinung in solchen Momenten irgendwie besser vertreten als andere. Das kann frustrierend sein. Und sogar ein Grund dafür, sich auf solche Situationen gar nicht mehr einzulassen. Dabei muss das gar nicht sein. Wer verstanden hat, wie man selbst für eine gelungenen Verlauf sorgen kann und an welchen Stellen etwas dabei schieflaufen kann, wird eine anregende Diskussion erleben.

Worum geht es bei einer Diskussion?

Schon der Ursprung des Wortes zeigt, was eigentlich Sache ist. Der spätlateinische Begriff „discussio“ bedeutet „Untersuchung, Prüfung“ und genau das macht den Kern einer Diskussion aus: Die Untersuchung eines Themas anhand unterschiedlicher Argumente. Eine gemeinsame Erörterung also, bei welcher eher der Austausch von Standpunkten und Blickwinkeln im Mittelpunkt steht als ein klares Ergebnis oder ein Rechthaben.

Klar, in jeder Diskussion geht es auch darum, die eigenen Standpunkte überzeugend einzubringen – wir haben ja nicht ohne Grund eine bestimmte Meinung zu einem Thema. Auf der anderen Seite ist eine Diskussion aber eben die ideale Gelegenheit, unsere Argumente zu überprüfen, bei Bedarf zu modifizieren oder vielleicht sogar unsere Meinung ein Stück weit zu ändern, weil uns die Argumente unserer Diskussionspartner neue Einsichten verschafft oder einen Perspektivwechsel ermöglicht haben.

Zum Diskutieren gehört auch Zuhören und Annehmen, nur so ergibt sich in strittigen Fragen ein gemeinsamer Nenner.

Im besten Fall führen Diskussionen zu einem Konsens oder zum Erkennen eines gemeinsamen Nenners in strittigen Fragen. Dies kann dann Grundlage für weitere Gespräche sein oder sogar für eine gemeinsame Entscheidung, mindestens aber für die Meinungsbildung.

Natürlich ist es auch okay, wenn am Ende die Erkenntnis steht, dass die unterschiedlichen Meinungen zu weit auseinanderliegen und es keine Einigung geben kann. Immerhin haben wir uns dann mit gegensätzlichen Standpunkten auseinandergesetzt. So kommen wir gemeinsam weiter in der Sache.

Man könnte sagen, dass Diskussionen das Schmiermittel für eine offene Gesellschaft sind.

Was in einer schlechten Diskussion passiert

In der Praxis läuft es dann aber doch oft anders. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir in Diskussionen mit rhetorischen Tricks überrumpelt und manipuliert werden können und das gar nicht bemerken. Deswegen ist es wichtig, diese Mechanismen zu kennen.

Wie das aussieht? Die brachialste Methode ist natürlich die Herabwürdigung anderer Argumente. Wenn unser Gegenüber unsere Aussagen einfach als falsch, irrelevant oder unlogisch bezeichnet und im nahtlosen Übergang seine Standpunkte als alleingültige Meinung postuliert, befinden wir uns offensichtlich nicht in einer guten Diskussion. Aber immerhin ist das dann auch schnell erkennbar.

In echten Diskussionen will niemand mit blossen rhetorischen Tricks überrumpelt werden.

Schwieriger wird es, wenn die Sache subtiler abläuft. So kann es passieren, dass ein Teilnehmer einfach die Streitfrage verändert, ohne dass wir es merken. Dazu greift er eine spezielle Aussage seines Gegenübers in übertriebener und verallgemeinerter Form auf und interpretiert sie auf dieser Basis für seine Zwecke – obwohl die Aussage eigentlich ganz anders gemeint war.

Und dann sind da die zahlreichen Möglichkeiten, andere Diskussionsteilnehmer auf der emotionalen Ebene abzuholen, was ja im Prinzip erst einmal gar nicht so schlecht ist, aber eben auch manipulativ eingesetzt werden kann: Wer erst einmal die Aussage des Gegenübers mit einer zugewandten Bemerkung wie „Du hast Recht“ bestärkt und anschließend auch noch Verständnis für die Perspektive des Anderen äußert, nimmt ihm erst nicht nur den Wind aus den Segeln, sondern schafft damit unter Umständen auch eine Emotionsfalle, in der er nun im Nachgang seinen eigenen Standpunkt durchsetzen kann.

In Diskussionen auch mal recht geben ist wichtig – wenn es nicht bloß ein rhetorischer Trick ist.

Auch beliebt: Mit provozierenden Fragen, Andeutungen oder sogar persönlichen Beleidigungen das Gegenüber aus der Fassung bringen und aufgrund der darauffolgenden emotionalen Reaktion die Sachlichkeit der Argumente in Frage zu stellen.

Diese Tricks lassen sich übrigens sehr gut an einigen Teilnehmern politischer TV-Talkrunden beobachten, die für uns als Zuschauer zwar durchaus dabei hilfreich sind, verschiedene Blickwinkel auf ein Thema zu bekommen, am Ende jedoch nur Entertainment-Versionen von Diskussionen sind. Sie sind mit Blick auf die Einschaltquoten mit Vertretern sehr konträrer Positionen besetzt, denen es in erster Linie darum geht, die eigenen Argumente mit allen Mitteln nach vorne zu bringen. Und dafür greifen sie oft ausgiebig in die Trickkiste der Rhetorik.

In sozialen Medien fehlt die begleitende Tonspur

Doch auch andere Faktoren können einen eigentlich guten Diskussionsstoff zum Problemfall werden lassen: Es macht durchaus einen Unterschied, ob wir mit Freunden am Küchentisch, mit Fremden beim Bäcker, ob wir am Telefon oder in sozialen Medien diskutieren. Denn Kommunikation beschränkt sich nicht nur auf die Sätze, in denen wir unsere Argumente formulieren, sondern auch auf die Art, wie wir sie vortragen.

Eine Falle, in der wir vor allem bei Diskussionen im Netz schnell landen. Denn dort fehlt uns in der Regel die Tonspur für die Argumente der anderen: Wir sehen keine Mimik und keine Gesten.

Digitale Falle: In sozialen Medien und Chats fehlt uns ein Kommunikationskontext mit Mimik, Gestik, Stimmlage …

Ironie? Freundliches Lächeln? Besänftigende Stimme? Alles nicht mitbekommen. Es bleiben uns nur der Text sowie im besten Fall ein paar richtig gesetzte Smileys – und das, was wir selbst darin lesen und interpretieren. Und wenn wir auf die wahrgenommene Botschaft antworten, geht das Spiel auf der anderen Seite weiter. Im schlimmsten Fall eskaliert eine solche Diskussion dann, obwohl sie vielleicht ganz gut angefangen hat.

Wie können wir Diskussionen besser machen?

Wie so oft sollte man bei sich selbst anfangen, wenn man etwas verbessern will. Für Diskussionen bedeutet das, dass wir da mit der richtigen Einstellung hineingehen. Klar kann es sein, dass wir bei einem Thema sehr überzeugende Argumente haben. Trotzdem geht es eben nicht darum, einen Wettkampf zu gewinnen und die anderen Teilnehmer niederzuringen. Wechselseitiger Respekt, Gelassenheit, Empathie und echtes Interesse an anderen Standpunkten sind die Grundsäulen einer guten Diskussion.

Gute Diskutanten lassen andere ausreden und hören genau zu, was sie zu sagen haben. Sie lassen gegenteilige Argumente und Meinungen zu und prüfen diese erst einmal genau, anstatt sie vorschnell zu verwerfen.

In guten Diskussionen lassen wir andere Argumente und Meinungen zu und prüfen diese, statt sie vorschnell zu verwerfen.

Auch die richtige Formulierung der eigenen Meinung hilft dabei, eine gelungene Diskussion am Laufen zu halten. Denn wer seinen Standpunkt ruhig, verständlich und sachlich begründet, dabei beim Thema bleibt und vielleicht sogar die Argumente des Gegenübers aufgreift und in seiner Perspektive einordnet, schafft die Rampe für eine entsprechende Antwort.

Denn natürlich macht der Ton die Musik. Für Diskussionen in Sozialen Netzwerken, aber im Prinzip auch für jede Diskussion mit Fremden, sollte daher gelten: Bevor wir etwas posten oder äußern, sollten wir uns eigentlich immer überlegen, ob wir das in dieser Form auch sagen würden, wenn wir mit unserer Familie oder Freundinnen und Freunden an einem Tisch zusammensitzen. Kritik muss immer möglich sein – aber eben auch immer sachlich und nicht verletzend formuliert werden.

Am Ende einer guten Diskussion verstehen wir die Welt wieder ein Stück besser.

Und wir können auch aktiv darauf hinwirken, dass eine Diskussion nicht nur gut verläuft, sondern vielleicht sogar ein konstruktives Ergebnis oder zumindest weitere Gespräche zur Folge hat. Dafür müssen wir wirkliches Interesse an anderen Meinungen mitbringen und die Diskussionsteilnehmer auf Augenhöhe sehen. Wenn wir es dann noch wagen, die Perspektive der anderen einzunehmen um das Thema aus ihrer Sicht zu bewerten, werden wir plötzlich auch überraschende Gemeinsamkeiten entdecken. Und vielleicht verstehen wir unsere Welt am Ende einer solchen Diskussionen dann tatsächlich wieder ein Stück besser.

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