weltverbesserer Leben Gleichstellung und Gleichheit sind nicht das Gleiche

Gleichstellung und Gleichheit sind nicht das Gleiche

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Das Gleichberechtigungsgesetz für Frauen und Männer ist am 1. Juli 1958 in Kraft getreten. Dennoch sorgt das Thema Gleichstellung heutzutage immer noch für Gesprächsstoff und die Debatte ist aktueller denn je. Denn: Bis heute werden Frauen in bestimmten Lebensbereichen benachteiligt.

Die Gleichstellung der Geschlechter (engl. gender equality) ist in aller Munde. Die Begriffe Frauenquote und Feminismus werden ebenfalls inflationsartig verwendet, doch welche Gedanken dahinterstecken, ist nicht so einfach zu verstehen.

Wikipedia definiert die Gleichstellung der Geschlechter als einen Prozess tatsächlicher Gleichstellung von Geschlechtern oder Geschlechtsidentitäten in rechtlicher Hinsicht und im Hinblick auf ihr persönliches und berufliches Entfaltungspotential in der Gesellschaft. Es geht also in erster Linie um Chancengleichheit. Das ist mehr als Gleichbehandlung, denn die Letztere bedeutet „nur“ die Vermeidung von direkter oder indirekter Diskriminierung.

Gleichstellung erfolgt jedoch nicht von allein, zumindest nicht in unserer Zeit. Sie basiert auf künstlich geschaffene Konstrukte wie Gesetze oder Quoten. Nur so kann die Situation von benachteiligten oder unterrepräsentierten Gruppen zahlenmäßig angepasst und verbessert werden. Diese sind meistens Frauen. Aus diesem Grund ist 2016 das Gesetz zur Frauenquote (Geschlechterquote) in Kraft getreten. Dieses legt fest, dass Frauen beziehungsweise Männer zu einem bestimmten Mindestanteil in Gremien wie Vorstand oder Aufsichtsrat von an die Quote gebundenen Unternehmen vertreten sein müssen. Auch wenn man meinen würde, dass dies in Europa eigentlich schon selbstverständlich sein sollte, gibt es solche gesetzlich bindenden Regeln tatsächlich nur in zehn europäischen Ländern. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass Deutschland hier mit einem Indexwert von lediglich 1,85 auf dem zehnten und damit letzten Platz ist. Gleichstellungsspitzenreiter ist Norwegen, mit erheblichem Abstand folgen Italien, Portugal, Spanien und Belgien.

Girlboss Schriftzug als Zeichen für Gleichstellung im Beruf
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Warum wir eine Frauenquote brauchen

Die Autorin Caroline Criado-Perez belegt in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen“ mit Studien, dass „Quoten nicht etwa unterqualifizierte Frauen bevorzugen. Sie verhindern lediglich, dass unterqualifizierte Männer bevorzugt werden. Eine Quote zwingt uns die Beobachtung auf, dass Männer überrepräsentiert sind.“

Umso besser, dass die Gleichstellung der Geschlechter in den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (SDG) ihren Platz gefunden hat. Laut SDG 5 sei dies eine wichtige Voraussetzung, um bis 2030 global nachhaltige Strukturen zu schaffen. Die Stärkung und Beteiligung von Frauen und Mädchen habe eine Hebelwirkung auf Wirtschaftswachstum und Entwicklung. Und ist nicht nur gerecht, sondern zugleich in ökonomischer und sozialer Hinsicht unverzichtbar.

Die weltweite Geschlechterlücke in frühestens 136 Jahren geschlossen

In Anbetracht des aktuellen Global Gender Gap Index von März 2021 ist das SDG 5 eine mutige Vision. Der Index misst die Entwicklung der geschlechtsspezifischen Unterschiede in den vier Schlüsselbereichen wirtschaftliche Teilhabe und Chancen, Bildungsniveau, Gesundheit sowie politische Führung. Und verfolgt die Fortschritte bei der Schließung dieser Unterschiede im Laufe der Zeit. Er wurde erstmals 2006 vom Weltwirtschaftsforum eingeführt. Leider hat die COVID-19-Pandemie erstmal die Unterschiede wieder verschärft – nicht zuletzt wegen der zusätzlichen Belastung der Frauen durch die häusliche Pflege während der Krise. Weltweit liegt die durchschnittliche zurückgelegte Strecke bis zur Parität bei 68 Prozent, was einen Rückschritt von -0,6 Prozentpunkten gegenüber 2020 bedeutet. Bei der derzeitigen Entwicklung wird es noch 135,6 Jahre dauern, bis die Geschlechterlücke weltweit geschlossen ist.

Das Land mit der größten Geschlechtergleichheit in der Welt ist derzeit Island. Zu den Top 10 gehören u.a. Finnland (2. Platz), Norwegen und Neuseeland (3. und 4. Platz). Deutschland belegt immerhin den 11. Platz.

Von der einen in die andere Extreme

Trotz dieser ernüchternden Zahlen sollten wir nicht vergessen, welch weiten Weg wir in Punkto Gleichstellung bereits zurückgelegt haben. Es ist schwer zu fassen, was Frauen noch bis vor einigen Jahrzehnten alles gar nicht durften: Erst 1919 hat Mann ihnen in Deutschland erstmals erlaubt, wählen zu gehen. Ein weiterer Meilenstein war das im Jahr 1952 verabschiedete „Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter“. Vor 1958 durften Frauen weder ein eigenes Konto eröffnen noch über ihr eigenes Geld verfügen. Dafür waren ihre Ehemänner zuständig. Diese konnten auch entscheiden, ob die Gattinnen arbeiten durften und waren berechtigt, jederzeit ihr Arbeitsverhältnis zu kündigen. Noch bis 1977 konnte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Nicht zuletzt durften Frauen bis ins Jahr 1991 nicht entscheiden, ob sie ihren Nachnamen nach der Eheschließung behalten wollen.

Diversity ist gut und wichtig in der Gender Debatte
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Warum diversity gut ist

Die Emanzipation ist also erfreulicherweise bereits fortgeschritten, auch wenn sie kulturell und geografisch noch gähnende Lücken aufweist. Leider wird sie nicht selten fast schon als Schimpfwort verwendet, so nach dem Motto: Sollen die Emanzen doch schauen, wie sie ohne Männer zurechtkommen. Doch Achtung, das ist eine traurige Fehlinterpretation, denn Frauen müssen sich eben nicht wie Männer verhalten, um erfolgreich zu sein. Es genügt ihnen, Frau sein zu dürfen. Es geht um Gleichstellung und eben nicht um die Gleichheit. Geschlechterspezifische Verschiedenheiten sind gut und gehören nicht abgeschafft, ganz im Gegenteil. Es gibt zum Teil Differenzen, doch Forscher haben in den letzten Jahren unerwartete Erkenntnisse gewonnen: Die emotionalen und kognitiven Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind kleiner als angenommen.

Statt darüber zu diskutieren, ob Männer intelligenter sind, weil sie anatomisch über mehr Hirnmasse verfügen, wäre es buchstäblich lebensrettend zu erforschen, welche geschlechtsspezifische Differenzen sich unmittelbar auf die Gesundheit auswirken und im Extremfall zwischen Leben und Tod entscheiden. Denn mittlerweile ist es wissenschaftlich bewiesen, dass Frauen und Männer nicht nur an anderen Erkrankungen leiden, sie sind auch unterschiedlich krank.

Gender Medicine

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Den Begriff für geschlechtsbezogene Medizin gibt es seit 2001 und wurde von der WHO geprägt. Umso erstaunlicher ist es, dass 20 Jahre später die Journalistin Rebekka Endler in ihrem Buch „Das Patriarchat der Dinge – Warum die Welt Frauen nicht passt“ immer noch gravierende Beispiele nennt, die darauf hinweisen, dass unsere heutige Welt und auch die Medizin auf die Männer geeicht ist. Egal, ob es um Diagnoseverfahren und medizinische Geräte geht oder um die Dosierung von Medikamenten – es ist erschreckend, wie gefährlich eine auf Männer genormte Welt für Frauen sein kann. Beide Geschlechter weisen nämlich bei manchen Erkrankungen unterschiedliche Symptome auf und gehen anders mit Krankheiten um. Frauen „möchten Problemen wirklich auf den Grund gehen, statt Beschwerden nur kurzfristig in den Griff zu bekommen“, erklärt Maria Schwormstedt, Ärztin bei der TK.

Auch wenn Frauen laut dem Statistischen Bundesamt eine um fünf Jahre höhere Lebenserwartung als Männer haben, sterben sie öfter an Herzkrankheiten. Und das obwohl Männer daran häufiger erkranken. Warum? Weil sowohl sie als auch das medizinische Fachpersonal die Symptome oft falsch zuordnen. Die Statistik ist hier eindeutig: Beim akuten Herzinfarkt ist die Zahl der betroffenen Männer mit 365,2 doppelt so groß wie die der Frauen (185,8). Die Sterblichkeit ist allerdings bei Frauen deutlich höher: Von den Patient:innen, die an einer der häufigsten Herzkrankheiten gestorben sind, waren 45,9 Prozent Männer und 54,1 Prozent Frauen.

Fazit

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Das Patriarchat steht auf wackligen Füßen. Und das nicht nur, weil die Erde ungefähr zu gleichen Teilen von Männern und Frauen bewohnt wird. All die zum Teil verwirrenden Begriffe sind ein erster Schritt Richtung Gleichstellung und verhelfen zum gemeinsamen Verständnis. Leider ist es so, dass trotz der wachsenden Awareness und des großen Zusammenhalts in den sozialen Medien Frauen weltweit weiterhin in Führungs- und Entscheidungspositionen meistens unterrepräsentiert sind, immer noch weniger verdienen und niedrigere Einkommen im Alter erhalten. Laut dem vom BMFSFJ herausgegebenen Atlas zur Gleichstellung in Deutschland war die weiblich Teilzeitbeschäftigtenquote 2018 ganze 48 Prozent, bei Männern hingegen nur 11,2 Prozent. 2019 lag der Verdienstunterschied (Gender Pay Gap) bei 20 Prozent.

Diese Differenzen werden sich nur dann überwinden lassen, wenn wir erkennen, dass es nicht um die Gleichheit der Geschlechter geht – wir müssen endlich alle die gleichen Chancen haben. Dass sie diese großartig nutzen können, haben Mann und Frau schon längst bewiesen.