weltverbesserer Leben Gewalt gegen Kinder: Was kann man dagegen tun?

Gewalt gegen Kinder: Was kann man dagegen tun?

Foto: Ольга Тернавская / stock.adobe.com

Ein Interview mit dem Deutschen Kinderschutzbund.

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik für 2020 ist die Gewalt gegen Kinder gestiegen. Wir haben uns dazu mit dem Deutschen Kinderschutzbund unterhalten und gefragt, was Home Office, Kurzarbeit und Existenzängste damit zu tun haben, was man als Familie tun kann und was gesellschaftlich nötig wäre, um Gewalt gegen Kinder zu verhindern.

Während der Pandemie haben laut der polizeilichen Kriminalstatistik die Anzeigen bei  Gewalt gegen Kinder zugenommen. So stieg die Zahl der Fälle von Misshandlung Schutzbefohlener im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent an. Die Pandemie bedeute eine Beschränkung der sozialen Kontakte und zugleich würde die bereits enge und angespannte häusliche Situation die Probleme noch verstärken, so der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch.

Wir haben uns zum Thema Gewalt gegen Kinder mit der stellvertretenden Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes Martina Huxoll-von Ahn unterhalten. Im Gespräch geht es um Faktoren, die Gewalt gegen Kinder begünstigen können aber nicht zwangsläufig dazu führen. Was man als Elternteil tun kann, wenn man Hilfe benötigt und was Außenstehende tun können, wenn sie vermuten, dass ein Kind unter Gewalt leidet.

Gewalt gegen Mädchen und Jungen entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Welche sind das?

Im Grundsatz sind die individuellen, sozialen, familiären, materiellen und gesellschaftlichen Faktoren. Ein Beispiel ist die Kindesvernachlässigung, die einen starken Zusammenhang aufweist mit Armutslagen. Das heißt jetzt allerdings nicht, dass wenn man arm ist, dass man dann sein Kind vernachlässigt. Eine Armutslage der Eltern ist einfach ein Risikofaktor.

Wenn die Familien dann noch sozial isoliert sind, die Eltern möglicherweise selbst eine sehr schwierige Kindheit hatten und einer gewissen Perspektivlosigkeit ausgesetzt sind und das Gefühl haben, keinen Einfluss mehr auf ihr Leben zu haben, dann können diese Umstände dazu führen, dass man die Bedürfnisse der Kinder nicht ausreichend im Blick hat.

Es gibt Eltern, die ihre Kinder misshandeln, die als Kinder selbst Gewalt erfahren haben. Aber auch das ist nicht zwangsläufig gegeben. Es sind immer verschiedene Faktoren, die sich wechselseitig bedingen. Natürlich gehören dazu am Ende immer auch strukturelle Faktoren sprich: Unter welchen Anforderungen leben Familien, haben sie Entlastungsmöglichkeiten durch andere soziale Kontakte, durch Angebote, leben sie sehr isoliert – es sind einfach viele verschiedene Faktoren auf den verschiedensten Ebenen, die zu Gewalt an Kindern führen können.

Kind steht alleine im Wald
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Egor Myznik

Was tut der Deutsche Kinderschutzbund gegen Gewalt gegen Kinder?

Der Deutsche Kinderschutzbund besteht aus dem Bundesverband, 16 Landesverbänden und über 430 Ortsverbänden. Die Ortsverbände sind diejenigen, die ganz konkret Angebote für Kinder und Familien machen.

In zahlreichen Ortverbänden gibt es Fachberatungsstellen im Kontext von Gewalt gegen Kinder. Dort können sich Kinder oder betroffene Eltern selbst melden. Das ist allerdings weniger der Fall. Auch andere Bezugspersonen wie Lehrer:innen, Erzieher:innen können sich dort melden. 

Dann muss man in jedem Einzelfall schauen, was das Kind braucht. Wenn die Gewalt gegen Kinder sehr massiv ist, muss man überlegen, ob das Kind in der Familie verbleiben kann. Es muss geprüft werden, ob die Eltern veränderungsbereit sind und bereit sind an sich zu arbeiten. Hier wird auch das Jugendamt mit einbezogen, denn für die meisten eventuell folgenden Maßnahmen braucht man das Jugendamt.

Ansonsten versuchen wir auch im präventiven Bereich tätig zu sein. Es gibt mittlerweile den Bereich der „Frühen Hilfen“ mit verschiedenen Angeboten, die sich an Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren richten. Dabei versucht man Eltern frühzeitig anzusprechen, zu unterstützen und ihnen zu zeigen, an wen sie sich wenden können, wenn die Probleme in der Familie mal überhandnehmen. Auch Information für Eltern und die Fortbildung unserer Fachkräfte macht da einen großen Teil der Arbeit aus.

Wie erkennt man als Außenstehender, dass ein Kind eventuell von Gewalt betroffen ist, darunter leidet?

Wenn sich Gewalt innerhalb der Familie abspielt, ist es nur sehr selten der Fall, dass Kinder sich an Außenstehende wenden, sich ihnen öffnen und davon erzählen. Aber die Kinder zeigen in aller Regel Verhaltensveränderungen. Man kann aber nicht sagen, diese oder jene Verhaltensänderung hat in jedem Fall Gewalt als Ursache, sondern auch hier muss man individuell auf jeden Einzelfall schauen.

Unter Umständen kann man bei körperlicher Gewalt auch die blauen Flecken, Striemen oder was auch immer für Verletzungen sehen. Das ist offensichtlicher. Wir wissen aber auch, dass es sehr viel seelische Gewalt gibt. Dabei wird das Kind dauerhaft gedemütigt, niedergebrüllt und mehr. Das wird aber von vielen immer noch nicht als Form von Gewalt gegen Kinder erlebt oder wahrgenommen.

Die wenigsten Eltern wollen ihren Kindern ernsthaft schaden. Im Gegenteil, vieles entsteht aus der Überforderung der Eltern heraus. Es gibt unheimlich viele Menschen, die sagen, ich will mein Kind anders erziehen, als es meine Eltern mit oder bei mir gemacht haben. In bestimmten Stresssituationen greift man dann aber doch wieder auf das zurück, was man eigentlich unbedingt vermeiden wollte.

Für die Zeit der Corona-Pandemie wissen wir immer noch nicht, ob es tatsächlich vermehrt zu Gewalt an Kindern gekommen ist. Wir vermuten das, wissen es aber noch nicht. Je länger die angespannte Situation gedauert hat mit Homeoffice, Home Schooling, Existenzängsten – irgendwann lagen die Nerven in fast allen Familien blank. Da gehört dann nicht mehr viel dazu sich vorzustellen, dass sich manche Konflikte gewaltmäßig entladen haben.

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An welche Stellen kann man sich wenden, wenn man Gewalt gegen ein Kind vermutet?

Es gibt noch andere Organisationen die spezifische Fach- oder Erziehungsberatungsstellen haben. Aber im Grundsatz wäre in erster Linie immer das örtliche Jugendamt die richtige Anlaufstelle.

Die Jugendämter haben einen öffentlichen Auftrag, hier spricht man dann von einem Fall von Kindeswohlgefährdung, dem nachgegangen werden muss. Hier ist das Jugendamt verpflichtet zu prüfen, ob und wie sehr das Kind gefährdet ist und was notwendig ist, um diese Gefährdung abzustellen.

Was kann jeder Einzelne tun, um Gewalt gegen Kinder zu verhindern?

Das ist immer eine schwierige Frage. Natürlich ist es gut, wenn die Menschen sensibilisiert sind, aber die Frage ist dabei auch immer: Stehe ich in Beziehung zu der Familie und wenn ja in welcher? Und könnte ich das Thema ansprechen. Aber auch da sollte man das nicht im Sinne von „Ich habe gesehen du schlägst dein Kind, das geht nicht“ sondern eher „Ich mache mir Sorgen um dein Kind“.

Man sollte immer überlegen was möglich ist, denn für Kinder kann es sich auch nachteilig auswirken, wenn sich jemand von außen einschaltet. Wenn Eltern sich von einem Außenstehenden „ertappt“ fühlen, kann sich das wiederum auch in Form von gesteigerter Gewalt gegen das Kind äußern.

Zivilcourage ist gut und wichtig, aber man braucht dabei auch ein Händchen für die individuelle Situation, um einschätzen zu können, ob es mehr schadet oder dem Kind in seiner Situation wirklich hilft.

KInd steht alleine vor einer ungewissen Zukunft symbolisch am Steg schwarz weiß
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Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, um Gewalt gegen Kinder zu verhindern?

Es braucht – Corona oder nicht – neben den Angeboten und Stellen, an die Eltern sich wenden können, vor allem mehr aufsuchende Angebote, wo sich die Mitarbeiter oder Stellen direkt und aktiv an die Familien wenden. Wir haben Ende 2020 gemeinsam mit Unicef und der Universität Ulm eine Befragung zum Thema Gewalt gegen Kinder und den Einstellungen dazu von Eltern und Erwachsenen durchgeführt.

Seit 2000 gibt es das Recht auf gewaltfreie Erziehung im BGB. Die Untersuchungen, die danach bis 2016 zu dem Thema gemacht worden sind, haben gezeigt, dass es einen deutlichen Rückgang im Hinblick auf die Gewalt gegen Kinder hat. Die Untersuchung aus dem letzten Jahr (Anm. d. Red. 2020) hat nun gezeigt, dass das Ganze seit 2016 stagniert.

Es gibt auch immer noch eine Akzeptanz bezüglich körperlicher Gewalt – hier eher von älteren Menschen und Männern. Der Bereich der seelischen Gewalt ist bei vielen Menschen nicht so stark im Bewusstsein und dennoch ist es so, dass circa 40 Prozent der Kinder von der einen oder anderen Art der Gewalt betroffen sind. Häufig treten die Formen dann auch nicht isoliert, sondern vermischt auf. Daraus resultierend war unsere Forderung an die Politik, dass es eine neue Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne geben muss.

Ein kleines glückliches Kind mit beiden Eltern
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Kinder haben per Gesetz ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Kann das praktisch umgesetzt werden bzw. worauf sollten Eltern dabei achten?

Ich vermute, dass es relativ wenig Eltern gibt, die von diesem Gesetz überhaupt wissen. Die Frage, wie sie an die Information kommen sollten, stellt sich uns hier immer wieder. Wichtig wäre dafür zu sensibilisieren, welche Formen und Arten noch als Gewalt gegen Kinder hinzuzuzählen ist.

Gerade die Formen der seelischen Gewalt: hier ist vielen Menschen gar nicht klar, dass das eben auch zu Gewalt gegen Kinder zählt. Hier wäre eine bundesweite Aufklärungskampagne dringend und wichtig.

Was muss sich gesellschaftlich ändern, damit Gewalt gegen Kinder aufhört?

Ganz grundsätzlich müssen die Rahmenbedingungen, unter denen Familien leben, betrachtet werden. Wir als Deutscher Kinderschutzbund fordern hier beispielsweise eine Kindergrundsicherung, damit die Kinder nicht mehr abhängig vom Einkommen der Eltern wären, sondern eine eigenständige Absicherung hätten.

Zwar gibt es für Familien insgesamt Angebote, doch wenn Eltern mit ihren Kindern in schwierigen Stadteilen leben, gibt es dort weniger Möglichkeiten als dort, wo die Familien mit dem vielen Geld leben. Insofern geht es schon auch darum, die bestehenden Hilfen wie die aufsuchende Arbeit auszubauen, aber auch die Rahmenbedingungen zu betrachten, unter denen Familien leben und sich organisieren müssen.

Es reicht keine einzelne Maßnahme, sondern wir brauchen ein Bündel an Maßnahmen um Kindern hinreichend helfen zu können. Die Bundesregierung hat bereits zwei Gesetzesvorhaben durchgebracht, die nun noch entsprechend umgesetzt werden müssen. Hier sind die Kommunen insbesondere gefordert diese umzusetzen, der Bereich der Prävention hat dabei neben anderen einen größeren Raum erhalten, was gut und wichtig ist.

Frau Huxoll-von Ahn, vielen Dank für das Gespräch!

Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) ist die älteste und größte Kinderschutzorganisation Deutschlands. Der Deutsche Kinderschutzbund Bundesverband e.V. setzt sich für Kinder und Jugendliche in Deutschland ein. Das Ziel ist eine kinderfreundliche Gesellschaft, in der die geistige, psychische, soziale und körperliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gefördert wird. Die Schwerpunkte in der Arbeit des DKSB sind unter anderem Kinderrechte, Soziale Sicherung, Gewalt gegen Kinder, Nachhaltige Integrationsleistungen und der Einsatz für den Kinder – und Jugendmedienschutz.

Hier findet ihr außerdem hilfreiche Beiträge der Techniker Krankenkasse für Fami­lien unter Druck und für weniger Stress im Familienalltag.