weltverbesserer Leben Gentechnik in Ernährung und Medizin: Pro und Contra

Gentechnik in Ernährung und Medizin: Pro und Contra

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Als 1997 das Klonschaf Dolly für Headlines sorgte, konnte die breite Öffentlichkeit bereits leise ahnen, was mit Gentechnik alles machbar ist. Ob sie gut oder schlecht, ethisch korrekt und umweltfreundlich ist, darüber scheiden sich nach wie vor die Geister. Für uns ein Grund mehr, sich die Innovationen und Fortschritte näher anzusehen.

Lang ist es her, seit der Augustinermönch Gregor Johann Mendel 1865 neugierig gelbe und grüne Erbsen kreuzte, weil er wissen wollte, wie die Vererbung funktioniert. Unwissentlich leistete er damit einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der Gentechnik. Mit diesem Verfahren kann das Erbgut von Organismen künstlich verändert werden. Oder mit Teilen des Erbguts eines anderen Organismus neu kombiniert werden. Gentechnik greift also gezielt in die DNA von Lebewesen ein.

Heutzutage werden Vitamine sowie diverse Impfstoffe standardmäßig mit Hilfe gentechnischer Methoden hergestellt. Aber nicht nur das. Die medizinische Diagnostik ist mittlerweile ohne gentechnische Verfahren kaum mehr vorstellbar. Als besonders kritisch betrachtet die Öffentlichkeit genverändernde Eingriffe in der Landwirtschaft, wo es unter anderem um die Verbesserung von Saatgut und den Einsatz von gentechnisch veränderten Mikroorganismen bei der Lebensmittelherstellung geht. In Deutschland ist die Manipulation des Erbgutes durch Gesetze stark reglementiert. Gentechnisch veränderte Organismen (GVO) müssen deklariert werden.

Gentechnik im Labor
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Diese Arten von Gentechnik gibt es

Seit der Entschlüsselung der DNA-Struktur im Jahr 1953 findet die Gentechnik viele Anwendungsbereiche, die für ein besseres Verständnis „farblich“ voneinander getrennt werden. So ist bisweilen von grüner, roter, weißer (oder grauer) sowie brauner und sogar blauer Gentechnik die Rede. Dabei handelt es sich nur um grobe Einteilungskriterien – die Grenzen der einzelnen Teilgebiete gehen oft ineinander über.

Die Graue oder Weiße Gentechnik befasst sich mit Einzellern und Bakterien. So werden mithilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen umweltfreundliche Reinigungs- und Waschmittel oder biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien hergestellt. Hier soll Gentechnik also das menschliche Handeln umweltfreundlicher machen.

Ähnlich ist es bei der Braunen Gentechnik, die sich ebenfalls auf der molekularen Ebene chemischer Prozesse fokussiert. Ihr Ziel ist, Abwässer durch genetisch veränderte Bakterien effizienter und schneller zu reinigen.

Organismen aus Gewässern aller Art sind das Betätigungsfeld der Blauen Gentechnik. Die größte Anwendung finden derzeit jedoch die Grüne und Rote Gentechnik.

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Gentechnik und Ernährung

Grüne Gentechnik wird in der Landwirtschaft zur Pflanzen- und Tierzüchtung eingesetzt. Während konventionell nur Pflanzen der gleichen Art gekreuzt werden, tauscht man hier mittels Gentechnik einzelne Gene aus. Teilweise auch von anderen Arten.

Gentechnisch veränderter Raps wurde erstmalig 1995 in Kanada kommerziell angepflanzt. Im Jahr darauf folgte die wirtschaftliche Nutzung von transgenem Soja in den USA. Inzwischen werden weltweit auf etwa 189,8 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche transgene Nutzpflanzen angebaut. Laut FAOSTAT entspricht dies etwa 13 Prozent der weltweit ackerbaulich genutzten Fläche. Hauptanbaugebiete für GVO, also gentechnisch veränderter Organismen sind die USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Indien und Paraguay. Der Großteil der GVO wird nicht für Lebensmittel verwendet, sondern vor allem zu Masttierfutter weiterverarbeitet. Im Jahr 2019 waren in der EU über 60 gentechnisch veränderte Pflanzen für den Import und die Gewinnung von Lebensmitteln zugelassen.

Gentechnik hat Pro und Contra Argumente
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Vor- und Nachteile der Grünen Gentechnik

Die GVO-Befürworter sehen in der Gentechnologie die Lösung des Welthungers, da die Gentechnik Züchtungen beschleunigt und somit eine schnellere Pflanzenentwicklung gewährleistet.

Interessant ist der Einsatz der Grünen Gentechnik auch für Problemstandorten. Denn so können Anbauflächen erschlossen werden, die durch die Klimaerwärmung zunehmend extremer werdenden Bedingungen ausgesetzt sind. Leider sind immer mehr Gebiete der Erde davon betroffen.

Ein weiteres Versprechen der Gentechnik ist die Reduktion des Pestizideinsatzes, weil GM-Pflanzen Schädlinge selbstständig abwehren können. Zudem sind Pflanzen in Monokulturen herbizidtolerant und schmälern nicht die Ernte – im Unterschied zu herkömmlichen Kulturpflanzen, die von den Herbiziden angegriffen werden.

Grüne Gentechnik birgt Risiken

Welche Risiken die grüne Gentechnik birgt, erläutert ganz gut der Film „Unser Saatgut“. Er befasst sich unter anderem mit den Fragen, wer das Hauptinteresse an der Agro-Gentechnik hat und warum. Es ist nicht unbekannt, dass große Saatgut-, Chemie- und Lebensmittelkonzerne mit dem Einsatz von Gentechnik das große Geld wittern. Und zum Teil schon verdienen. Hybridpflanzen erzielen zwar angeblich höhere Erträge und haben eine einheitliche Qualität, aber ihre Samen können nicht für den Wiederanbau genutzt werden. Mit ihnen sinkt in der Folgegeneration der Ertrag und die Qualität stark.

So kaufen beispielsweise indische Bauern bereits seit Jahren GM-Saatgut von Monsanto (jetzt Bayer). Da GVO-Saatgut teurer ist als samenfestes Saatgut, müssen sie häufig Kredite aufnehmen. So werden sie doppelt abhängig – vom Saatgutkonzern und von der Bank. Ganz zu schweigen, dass durch die Ausbreitung der Monokulturen und die Monopolisierung kleinteilige abwechslungsreiche Kulturlandschaften, bäuerliche Kleinbetriebe und Traditionen auf der Strecke bleiben.

Die Biodiversität leidet unter Gentechnik

Zudem bedeutet Gentechnik Gefahr für die Biodiversität, weil sie die Vielfalt der Kultursorten bedroht. Laut Schätzung der FAO ist bereits über 70 Prozent der einstigen Sortenvielfalt verloren gegangen. Schuld daran sind die Hybridzüchtungen. Ernst zu nehmen ist auch die Tatsache, dass die Langzeitfolgen von gentechnischen Verfahren nicht absehbar sind. Wie sich genmanipulierte Pflanzen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren auswirken, ist bisher kaum durch Studien belegt.

Lies dazu auch: Die Kraft der Wissenschaft – und warum es okay ist, wenn Experten sich widersprechen

Gentechnik und Medizin
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Gentechnik und Medizin

Unter Roter Gentechnik sind gentechnische Methoden in der Medizin und der biomedizinischen Forschung zu verstehen. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklung von diagnostischen und therapeutischen Verfahren, wobei sich die Farbe Rot auf das menschliche Blut bezieht. Hier verändert man das Erbmaterial vor allem, um Medikamente oder Impfstoffe herzustellen und Gentests zu entwickeln. Aber auch, um Krankheiten zu entdecken oder neue Heilverfahren zu entwickeln. Die rote Gentechnik ist ein Teilbereich der Biotechnologie, zu der die Stammzellforschung oder auch das Klonen zählen.

Chancen und Risiken

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele schwerkranke Menschen sehr auf die Gentechnik setzten, weil sie sich dadurch Heilung erhoffen. In der Tat hat die Forschung einige Meilensteine aufzuweisen, die durchaus beachtlich sind. So ermöglicht es die Gendiagnostik, viele Krankheiten erstmals überhaupt zu bestimmen. Immer populärer wird die Stammzelltransplantation, die frühzeitige Behandlung von Embryonen sowie die Feststellung von Erbkrankheiten mit pränatalen Gentests. Diverse Gentests werden auch in der Strafverfolgung eingesetzt oder bei der Feststellung von einer Vaterschaft.

Mit Gentechnik erzeugte Wirkstoffe wie Immunsuppressiva werden bei Transplantationen oder rheumatischen Erkrankungen verwendet, um Teile des Immunsystems zu unterdrücken. Der Gentechnik verdanken wir auch Insuline zur Behandlung von Diabetes. Ebenso Immunstimulanzien, die unter anderem bei Multipler Sklerose zum Einsatz kommen. In naher Zukunft hofft man, seltene Krebsarten zu heilen, für die es bislang keine Therapien gibt. Derzeit sind in Deutschland 173 gentechnisch hergestellte Wirkstoffe in etwa 221 Medikamenten zugelassen.

Obwohl diese Erfolge durchaus gefeiert werden, bewegt sich die Diskussion über die Technologie dennoch zwischen Hoffnung, Angst und enormen Therapiekosten. Viele sehen die Gefahr einer künftigen Zweiklassenmedizin. Zudem stehen die Methoden in den Kinderschuhen und könnten unbekannte (Langzeit-)folgen haben.

Gentechnik hat eine moralische Komponente
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Wie weit darf die Medizin gehen?

Der größte Kritikpunkt der Gegner der Gentechnik ist die ethische Frage bei vielen Verfahren. Wie weit darf die Medizin bei der menschlichen Optimierung gehen? Ein Beispiel dafür ist die Regenerative Medizin, deren Hauptziel die Wiederherstellung beziehungsweise die Reparatur von Biomaterial wie Zellen, Gewebe, Knochen oder Organe ist. Diese erfolgt sowohl durch den biologischen Ersatz wie auch durch die Anregung körpereigener Regenerations- und Reparaturprozesse. Doch wo endet der altruistische Ansatz und wo beginnt die Gier nach Profit? Diese Frage ist nicht unberechtigt, wenn man sich vor Augen hält, dass sich der weltweite Umsatz mit regenerativer Medizin bis 2025 auf rund 130 Milliarden Euro belaufen könnte, während er 2016 „nur“ 18 Milliarden Euro ausmachte.

Wir haben es in der Hand

Innovationen und Fortschritt haben immer die Chance, Probleme zu lösen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Wir haben einen kritischen Punkt in der menschlichen Entwicklung erreicht, bei dem wir zum Scheitern verurteilt sind, wenn wir rein wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund stellen und Ethik, Gesundheit und Umwelt außen vor lassen. Dies gilt auch für die Gentechnik. Fortschreitende Technik bedeutet nicht nur, das menschliche Genie zu feiern, sondern auch Verantwortung zu übernehmen. Wie bei jeder Risikotechnologie sind auch bei der Gentechnik die Chancen und Gefahren immer wieder neu abzuwägen. Nur so werden wir Entwicklungen entgegensteuern können, deren Folgen unkontrollierbar, unabsehbar und unumkehrbar sind.

Mit der Gentechnik ist es wie mit einem Messer – beide sind per se nicht schlecht. Es kommt darauf an, was man mit ihnen macht. Wir haben es in der Hand.