weltverbesserer Leben „Geht zur Vorsorge – Das kann Euer Leben retten“ – Weltverbesserer im Gespräch mit Patricia Kelly

„Geht zur Vorsorge – Das kann Euer Leben retten“ – Weltverbesserer im Gespräch mit Patricia Kelly

Foto: Sandra Ludewig

Sängerin Patricia Kelly wurde mit ihrer Familie, der Kelly Family berühmt und feierte viele Erfolge. 2010 erhielt die Sängerin die Diagnose Brustkrebs. Das veränderte ihr ganzes Leben. Wir haben mit ihr über die Krankheit gesprochen und darüber, was einem Halt und den Mut geben kann in schweren Zeiten nicht aufzugeben.

Ist es ok, wenn wir Sie als „Weltverbesserer*in“ bezeichnen?

Es ist ok, aber ich sehe mich selbst überhaupt nicht als Weltverbesserer. Allerdings versuche ich mich in meiner kleinen Welt, die meine kleine und große Familie, meinen Freundeskreis, meine Geschäftspartner, meine Kollegen und meine Angestellten umfasst, jeden Tag zu verbessern und damit vielleicht auch ein bisschen mein Umfeld.

Ich bin ein Stehaufmännchen, auch wenn ich immer wieder an Grenzen stoße und feststelle, wie schwer es ist, die eigenen Mängel zu überwinden. Ich gebe nie auf und kämpfe immer wieder aufs Neue. Ich werde nicht aufgeben, bis mein Leben irgendwann vorbei ist.

Sie haben vor 10 Jahren die Diagnose Brustkrebs bekommen. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Ich habe vor inzwischen mehr als 10 Jahren diese Diagnose bekommen, die mein Leben und die Sicht darauf schlagartig verändert hat. Ich habe schon immer bewusst gelebt, weil ich als junge Frau schon mit Krankheit konfrontiert war. Nichtsdestotrotz war das ein echter Schlag.

Heute bin ich dafür dankbar, so verrückt das auch klingen mag. Ich wurde gezwungen, auf meine Gesundheit, meinen Lebensstil, meine Work-Life-Balance zu achten. Aber ich habe gleichzeitig auch gelernt, etwas egoistischer zu sein. Ich habe mich vorher vielleicht zu viel um andere gekümmert und wenig um ich, auch wenn es das Höchste ist, für andere da zu sein. Aber ich habe gelernt, man muss sich auch selbst lieben. Das war ein Lernprozess und eine neue Erfahrung für mich: Nur wenn man sich selbst liebt, kann man auch andere lieben.

Es war ein langer Weg und heute glaube ich, bin ich echter. Viel gesünder, mental wie körperlich. Ich jogge jeden Tag und ernähre mich gesund, erlaube mir regelmäßige Pausen. Es hat mein Leben also auch positiv verändert. Jede Krise ist auch eine Chance, so sehe ich das Heute.  

Sie haben als Kind selbst erlebt, wie schnell eine Krankheit einen lieben Menschen aus dem Leben reißen kann. Wie hat sich ihr Leben nach der Diagnose verändert?

Ich bin mir bewusst, dass wenn wir morgens aufwachen, es ein Geschenk ist, dass wir uns dem Leben widmen dürfen. Ich bin heute echter mit mir selbst und anderen und sage schneller, was ich denke. Früher hatte ich Angst, jemanden zu verletzen. Aber den Ärger immer nur zu schlucken ist nicht gut. Man muss natürlich überlegen, wie man kommuniziert und es gelingt mir nicht immer diplomatisch zu sein, aber zumindest weiß mein Gegenüber, woran er bei mir ist.

Die größte Lektion war, mehr auf mich selbst zu achten. Ich hatte immer ein großzügiges Herz, das haben mir meine Eltern vererbt.  Ich bin zu einem Punkt gekommen, wo ich mit meinem Leben zufrieden bin. Ich lebe meine Träume, die ich früher zurückgesteckt habe. Das ist sehr erfüllend.

Meine größte Sorge damals war, meine Kinder früh verlassen zu müssen, die noch klein waren. Ich bin dankbar, dass sie inzwischen groß sind und ich noch lebe. Ich bin Gott und dem Leben für immer dankbar, dass meine Kinder ihre Mutter erleben konnten. Sie sind jetzt 17 und 18, unabhängig und stehen mit beiden Beinen im Leben. Mehr kann ich nicht erwarten.

Manche Leser denken jetzt vielleicht, die Frau hat keine Sorgen. Das stimmt natürlich nicht. Aber der Unterschied zu damals ist, dass ich heute 100 % lebe und nicht nur gewisse Facetten. Das macht sehr glücklich. Auch wenn ich natürlich Tage habe, an denen ich mit Sorgen aufwache.

Wir rühmen uns, als offene Gesellschaft alle Menschen gleich zu behandeln. Würden Sie sagen, dass das Thema Krankheit in unserer Gesellschaft wirklich einen Platz hat?

Ich glaube schon, dass da Europa ganz vorn dabei ist. Ich bin froh in Europa zu leben, wo der Mensch noch einen Wert hat, denn dort beginnt das Ganze: Wenn der Mensch keinen Wert hat, dann hat es auch seine Krankheit nicht. Man bemüht sich in Europa und vor allem auch in Deutschland sehr, alle Menschen haben Zugang zu ärztlicher Hilfe und zur Krankenversicherung. Das erscheint uns selbstverständlich, ist es aber mit Blick auf andere Länder nicht. Man meckert zwar in Deutschland gerne, aber wenn ich es mit anderen Ländern vergleiche, in die ich reise, ist die Versorgung hier sehr gut.

Man bemüht sich voran zu kommen. Ich glaube, dass es natürlich weiter vorangehen muss und wir uns mehr um die Vorsorge kümmern müssten. Viele Menschen sehen es nicht als wichtig, aber wäre ich nicht zur Vorsorge gegangen, wäre ich heute vielleicht nicht mehr da. Vorsorge kann Leben retten. Wir haben die Möglichkeiten und Gerätschaften und in der Tat nutzen das viele nicht.

Ich würde hier gar nicht das medizinische System angreifen, sondern an das Bewusstsein der Menschen appellieren. Ich schließe mich da selbst auch nicht aus, ich bin selbst erst mit 40 zur Mammografie gegangen, obwohl meine Mutter bereits in jungen Jahren an Brustkrebs gestorben ist. Das war rückblickend natürlich Wahnsinn, aber ich dachte immer, es wird mich schon nicht treffen. Es ist wie eine Blockade in uns Menschen, wir wollen die Wahrheit manchmal gar nicht wissen, wir wollen weiterleben wie immer und wir wollen gesund sein. Jetzt habe ich viel drumherum geredet, aber das ist meine Botschaft: Geht zur Vorsorge. Nehmt das Telefon und macht Euch einen Termin. Das kann Euer Leben retten.

Foto: Sandra Ludewig

In ihrem aktuellen Album „One more Year“ verarbeiten Sie die Krankheit. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Ich schreibe immer über die Dinge, die mich im Leben beschäftigen. „One More Year“ war einer der letzten Songs, wenn nicht sogar der allerletzte, den ich geschrieben hatte, bevor das Album fertig war. Ich hatte überhaupt nicht die Absicht über dieses Thema zu schreiben oder das Album dann auch noch danach zu benennen. Trotzdem ist es so passiert. „One More Year“ ist meine persönliche Geschichte.

Vor 10 Jahren bekam ich die Diagnose und meine Kinder waren noch klein, gerade mal 6 und 8 Jahre alt. Ich wollte nicht gehen, ich wollte für sie da sein, bis sie groß und stark genug sein würden, allein durch das Leben zu kommen. Ich bin gläubig und auf die Knie gegangen, um Gott um weitere zehn Jahre Leben zu bitten – nicht für mich, sondern für meine Kinder. Ich musste als 12-Jährige zusehen, wie meine Mutter viel zu früh von uns ging und das war ein riesiger Schmerz in meinem Leben, den ich für meine Kinder nicht wollte.

Diese zehn Jahre waren letztes Jahr im August vorbei und es kam alles wieder hoch. Monate vor dem Stichtag war ich besorgt, ob ich weitere Zeit bekommen würde und um diese innerliche Auseinandersetzung zu verarbeiten, habe ich den Song geschrieben. Das mache ich immer so, Songschreiben ist eine Art Therapie für mich. So entstand „One More Year“.

Es ist sehr berührend die Reaktionen darauf zu sehen, wie viele Menschen sich das Video dazu angesehen und Kommentare hinterlassen haben oder Briefe geschickt haben. Wie sehr sie das Thema beschäftigt. Inzwischen hat wahrscheinlich jeder Mensch jemanden in der Familie, der von Krebs betroffen ist und viele haben ihre Geschichte mit mir geteilt. Das ist eine große Ehre für mich.

Ich bin nicht alleine mit dem Thema, es ist sehr verbreitet. „One More Year“ bedeutet übersetzt: Gib mir noch ein Jahr. Ich habe noch so vieles in mir, habe so viel Feuer und Lust auf das Leben.

Was hat Ihnen die Musik in dieser schweren Zeit gegeben?

Mir ist erst jetzt in den letzten 2 Jahren bewusst geworden, was für ein Glück ich habe, meine Musik und eine Leidenschaft zu haben. Für mich ist Musik kein Beruf, sondern Berufung. Ich würde ohne gar nicht die gleiche Person sein. Vielleicht hätte ich eine ähnliche, andere Leidenschaft gefunden. Aber ich bin wirklich leidenschaftlich gerne Songwriterin, Sängerin und Musikerin. Das ist ein besonderer Teil meines Lebens. Ich bin glücklich, wenn ich schreiben kann, produzieren oder auf der Bühne singen. Songs sind für mich wie ein Zauber, sie machen mich glücklich, aber auch andere Menschen. Sie erzeugen Emotionen, die aufgestaut sind und bringen sie zum Vorschein. Musik hat für mich in den letzten zehn Jahren eine große Rolle gespielt.

Der Mensch braucht eine Aufgabe, einen Sinn, denn wir sind nicht ausschließlich geboren worden, um zu überleben. Wir haben eine Seele, einen Geist und dieser wird durch Musik erhoben. Das spürt man deutlich. Nicht nur die Musik kann das, sondern alle Kunstarten. Ich bezeichne mich als Künstlerin, nicht als Entertainerin und sehe dies als Ehre und Aufgabe, die ich mit Verantwortung trage.

Sie haben sich damals für eine Amputation der Brust entschieden und mal gesagt „mental war ich allerdings nicht so weit“. Wie sehen Sie diese Entscheidung heute?

Ich kann heute eines sagen: Wartet nicht, wenn der Arzt oder die Ärztin es empfehlen.

Ich war dumm, dass ich es nicht sofort haben machen lassen, obwohl es meine Ärztin klar empfohlen hat. Ich hatte erst nur einen Quadranten entfernen und dann beobachten lassen. Erst nach einem Jahr bin ich den Schritt gegangen, die Brust komplett amputieren zu lassen.

Es war nicht die Angst, dass die Brust danach nicht mehr schön aussehen könnte, sondern ich hatte Angst in eine Depression zu fallen, wie es laut Internet vielen Frauen danach geht. Ich bin heute so froh, dass ich den Schritt dann doch gegangen bin und würde das jederzeit wieder tun und es jeder Frau empfehlen. Die Medizin ist heute viel weiter und die Amputation rettet Leben.

Vielleicht gibt es in 50 Jahren schon andere Methoden, die nicht so einschneidend und brutal sind. Aber ich bin heute einfach dankbar, dass es diese Therapien gibt. Man kann damit gut leben. Auf Englisch sagt man: It’s not so bad after all.

Wer eine schwere Diagnose bekommt, braucht Mut und Entschlossenheit den Kampf aufzunehmen. Was hat Ihnen Halt gegeben?

Ganz klar hat mir meine Familie den größten Halt gegeben, Menschen, die mich lieben. Mein Mann, meine Kinder, meine Schwiegereltern, meine Geschwister, meine guten Freunde. Das ist nicht selbstverständlich und ich weiß es sehr zu schätzen. Das war die erste Kraftquelle.

Genauso wichtig war die Kraftquelle des Glaubens. Ich bin gläubige Christin und das hat mir wirklich so viel Kraft und Mut gegeben und mir wurde noch klarer, wie wichtig mir der Glaube im Leben ist.

Sie haben die Krankheit „besiegt“, müssen aber natürlich regelmäßig zur Vorsorge. Was ist Ihnen heute am wichtigsten im Leben?

Ich bin sehr dankbar geworden. Das war ich immer, aber heute noch mehr. Wenn es meinen Kindern, meinem Mann, meiner Familie gut geht, geht es mir auch gut. Ich freue mich über jeden gesunden Tag, an dem ich mein Leben leben und meiner Arbeit nachgehen kann. Es sind Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann.

Planen Sie nach der Veröffentlichung ihrer CD weitere Projekte oder eine Tour (falls Sie das verraten dürfen)?

In meinem Beruf ist immer was los. Viele Menschen denken, dass man ja nur zwei Stunden auf der Bühne steht. Aber es ist so viel mehr. Ich habe eigentlich mehr zu tun, als ich schaffen kann. Es ist wie bei einem Maler: 90% der Arbeit ist die Vorbereitung und das Malen an sich geht dann schnell. Die Vorbereitung ist alles. Was auf der Bühne passiert, ist nur die Spitze des Eisberges.

Wir hoffen, dass sich die Corona-Situation entspannt und wir im nächsten Jahr auf Tour gehen können, die wir dieses Jahr verschieben mussten. Das ist meine größte Hoffnung. Ich brauche die Zeit auf der Bühne, meine Songs mit meinem Publikum teilen zu dürfen. But first things first. Ansonsten bin ich viel im Studio, komponiere ständig neue Lieder und habe ein paar Projekte am Laufen.

Vielen Dank für das Gespräch, Patricia Kelly!