weltverbesserer Leben Familienzeit: Wie durchdringt die Digitalisierung unser Familienleben?

Familienzeit: Wie durchdringt die Digitalisierung unser Familienleben?

Vane Nune, G. Lombardo / stock.adobe.com

Es gibt ihn nicht – den Bereich in unserem Leben, der dem Einzug der Digitalisierung standgehalten hat. Oder sollen wir besser sagen: davon verschont blieb? Nun, bei der Digitalisierung ist es so, wie bei der Medaille: Auch sie hat immer zwei Seiten. Und das Familienleben ist hierbei keine Ausnahme. Wir schauen uns an, wie die Digitalisierung unsere Familienzeit beeinflusst. Und das auch schon lange vor Corona.

Endlich Feierabend: Mama beantwortet auf ihrem Firmenhandy noch schnell ein paar Mails. Die Tochter tik-tokt in ihrem Zimmer. Papa guckt sich irgendwelche YouTube-Tutorials an. Und Oma schickt drei neue Gartenbilder in die Familien WhatsApp Gruppe. Dieses Bild mag vielleicht stark überzeichnet sein, aber etwas davon passiert wahrscheinlich jeden Tag einmal in jeder Familie im Jahr 2021. Und das fördert, bei gleichbleibender Entwicklung nicht unbedingt die Erziehung und das innerfamiliäre Miteinander.

Smartphone Abbildung im Abendlicht als Symbol für die Digitalisierung
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Rodion Kutsaev

So subjektiv wird die Digitalisierung wahrgenommen 

Andererseits: Ist es nicht so, dass durch die Lockdowns alle endlich weniger „wichtige“ Termine hatten? Und somit automatisch mehr Zeit für die Familie finden konnten? Viele berichten von einem bewussteren Zusammenleben, welches sie auch gerne weiterführen würden.

Die Frage, ob der immense Digitalisierungsschub, der Corona mit sich brachte und der jetzt unsere aller Familienzeit prägt, mehr Vor- oder Nachteile hat, ist subjektiv. Ein CEO und zweifacher Familienvater von Kleinkindern sieht das anders als eine Freelancerin, die mit ihrem Partner bereits vor der Pandemie zuhause gearbeitet hat. Und schon immer ihre auf Teneriffa lebenden Eltern öfter auf Facetime gesehen hat, als in Person.

Unumstritten ist, dass sich viel verändert hat. Ob die Videokonferenz mit der Familie und Freunden, die verlockenden Unterhaltungsangebote wie Streaming oder Games sowie die Möglichkeit, online einzukaufen. Für viele ist das während der Corona-Krise das Tor zur Welt geworden. Daher überrascht es kaum, dass bei der im Januar 2021 durchgeführten Umfrage des Digitalverbands Bitkom eine klare Mehrheit von 78 Prozent angibt, in der Corona-Zeit digitale Technologien, Geräte und Dienste häufiger genutzt zu haben als zuvor.

Der Wermutstropfen: Während sie vor Corona „nur“ 8 Stunden am Tag auf einen Bildschirm geschaut haben, ist der Wert im ersten Jahr der Pandemie auf 10,4 Stunden gestiegen. Die Streaming-Zeit hat sich sogar auf 7,1 Stunden pro Woche fast verdoppelt. Genauso wie das Online-Shopping, das derzeit bei 37 Prozent liegt. 84 Prozent der Haushalte, in denen Jugendliche aufwachsen, verfügen über ein Video-Streaming-Abonnement. Ob die ganze Familie, vereint wie in alten Zeiten, davon Gebrauch macht, bleibt zu hoffen. Schauen wir uns doch die wichtigsten Bereiche genauer an:

Gesamte Familie lachend im Bett als Symbol für Familienzeit
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Jonathanm Borba

Digitale Kommunikation: Gut für die Familienzeit?

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie unser Leben gewesen wäre, wenn uns die Pandemie in den 1990-er Jahre aufgesucht hätte. Interessante Frage: Wer hat von der Digitalisierung im letzten Jahr eigentlich am meisten profitiert? Es sind genau die, die ansonsten sehr wenig bis gar nichts dafür übrighaben. Nämlich die Senioren ab 65 Jahren. Laut der Bitkom-Umfrage sind es 52 Prozent. In den Altersgruppen bis 64 Jahre behaupten sogar 9 von 10, bei der Kommunikation mit Freunden und Familien profitiert zu haben. Dass durch den zunehmenden Einsatz digitaler Technologien im Alltag 36 Prozent der 30- bis 64-Jährigen und mehr als die Hälfte der Senioren ab 65 mehr gestresst sind, wird (noch) in Kauf genommen.

Trend Videotelefonie

Interessant ist auch der Trend zur Videotelefonie. Viele Familien haben in der Corona-Zeit festgestellt, dass man sich per Video näherkommt als mit einem einfachen Telefonat. Deshalb führen sie öfter private Videogespräche. Während diese Form der Kommunikation vor Corona für zwei Drittel gar nicht infrage kam, sagen mittlerweile 26 Prozent der Befragten, dass sie Videotelefonie 5 Stunden oder mehr pro Woche für private Zwecke nutzen.

Das Mediennutzungsverhalten ließ bereits vor Corona bestimmte Trends erkennen. In der FIM Studie aus dem Jahr 2016 maßen 74 Prozent der Eltern dem Smartphone eine wichtige Bedeutung bei der Organisation des Familienalltags bei. Schon damals kommunizierten 62 Prozent mit ihren Teenagern über Textnachrichten. Die Mehrheit der Eltern stellte dabei sowohl positive als auch negative Effekte der Medienentwicklung auf das Familienleben fest.

Steigende Internetnutzung

Dass der persönliche Besitz eines Computers oder Laptops gemäß der JIM Studie 2020 im Corona-Jahr von 65 auf 72 Prozent stieg, ist wenig überraschend. Auch dass die tägliche Internetnutzungsdauer von 205 Minuten im Jahr 2019 auf 258 Minuten in 2020 deutlich in die Höhe ging, ist eine logische Konsequenz. Dabei entfällt mit einem Drittel der größte Anteil der Onlinenutzung auf den Bereich der Unterhaltung. Fast gleichauf liegen die Bereiche Kommunikation (27 Prozent) und Spiele (28 Prozent). Ausschlaggebend beim Digitalisierungsschub ist selbstverständlich das Home-Schooling. Da dies jedoch ein Corona bedingtes Phänomen ist, bleibt abzuwarten, welche Bereiche der Digitalisierung nach dem Übergang zum normalen Schulbetrieb erhalten bleiben.

In Anbetracht dieser Zahlen sehen vermutlich viele für die familiäre Freizeitgestaltung schwarz. Dabei erfahren Unternehmungen mit der Familie ein Wachstum und legten um fünf Prozentpunkte auf aktuell 40 Prozent zu. 23 Prozent der Befragten machen mehrmals pro Woche aktiv Musik, 2019 waren es 21 Prozent. Die Familienzeit macht also nach wie vor auch offline Spaß.

TK Leistung Familie

Homeoffice und Familienleben: Geht das überhaupt?

Ein weiterer großer Bereich, in dem die Digitalisierung bei der Gestaltung des Familienlebens und der gemeinsamen Familienzeit eine wichtige Rolle spielt, ist das Homeoffice. Erste Statistiken, wie zum Beispiel die der Hans Böckler Studie zeigen, dass auch hier die Situation nicht nur schwarz oder weiß ist. Unumstritten ist, dass Eltern, die den Spagat zwischen Arbeit und Betreuung bewältigen müssen, derzeit unter einer Doppelbelastung stehen. Hinzu kommt das Haushalts- und Familienmanagement.

Die Hans Böckler Studie hat untersucht, wohin genau der Trend geht. Tendenziell ist Deutschland bei weitem kein Vorreiter im Remote Working. Ende Juni 2020 arbeiteten nur rund 16 Prozent der Befragten überwiegend oder ausschließlich zu Hause. Weitere 17 Prozent gaben an, abwechselnd im Betrieb oder zu Hause zu arbeiten.

Die Vor- und Nachteile des mobilen Arbeitens beleuchtet die Atlassian Studie. Knapp 60 Prozent der Befragten mit Homeoffice-Nutzung gaben an, dass es heute schwieriger sei, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben aufrechtzuerhalten. Insgesamt 53 Prozent sagten, dass sie länger erreichbar sind als vor der Krise und 37 Prozent behaupteten, im Home-Office mehr Wochenstunden zu arbeiten. Immerhin jeder Zweite würde gerne weiterhin von zu Hause aus arbeiten. Denn diese Option – das werden viele erkannt haben – birgt die Chance für mehr gemeinsame Familienzeit.

Flexibel von zu Hause arbeiten

Ganze 77 Prozent behaupten sogar, dass Homeoffice die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtere, während 60 Prozent glauben, ihre Arbeit daheim sogar effektiver organisieren zu können, als im Betrieb. Mehr noch: Insgesamt 45 Prozent der befragten Deutschen sind genervt, dass es erst einer Pandemie bedurfte, um im Homeoffice arbeiten zu können. Das bedeutet, dass Eltern durchaus in der Lage sind, flexibel zu sein und sich anzupassen, wo immer es die Spielräume dafür gibt. Nun wünschen sich Angestellte von Teamleitern und Führungskräften, dass sie diese nicht zur Präsenzarbeit anhalten und dafür sorgen, dass Mitarbeitende ihre Pausen einhalten, im Feierabend Benachrichtigungen stumm schalten usw.

Kurz gesagt: Damit die Work-Live Balance gelingt, sollte Eltern Flexibilität ermöglicht werden. Ohne die Unterstützung aus den Chefetagen, wird es für Familien in Zukunft weiterhin schwierig sein, berufliche und private Anforderungen gut unter einen Hut zu bringen.

Mutter im Homeoffice am Laptop mit dem Baby daneben
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Worklifestyle

Gender-Care-Share: Selbst ist die Frau?

Bei dem Thema Homeoffice wird ein Aspekt oft gern übersehen: Wer zu Hause arbeitet, bringt mehr Zeit für Sorgearbeit auf. Das gilt für Frauen stärker als für Männer, da die Aufteilung zwischen den Geschlechtern im Homeoffice noch ungleicher wird. Sie dehnen ihre Betreuungs- und Haushaltstätigkeiten um etwa 1,7 Stunden pro Woche aus. Bei Männern sind es nur um 0,6 Stunden. Männer neigen eher dazu, mehr Überstunden zu leisten.

Nur wenn allein der Mann ins Homeoffice wechselt, reduziert sich der Gender-Care-Share zugunsten der Frauen. Doch auch in diesem Fall leisten die Frauen absolut betrachtet immer noch deutlich mehr Sorgearbeit als die Männer. Um dem entgegenzuwirken, müssten die betrieblichen und staatlichen Rahmenbedingungen verbessert werden. Auch hier braucht es neue Regeln für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Beschäftigte, die familiären Verpflichtungen nachkommen und dafür Flexibilität brauchen, sollten keine Karrierenachteile zu befürchten haben. Fakt ist: Wenn Frau morgens um 6.30 Uhr mit der Arbeit beginnt, mittags kocht, nachmittags Hausaufgaben beaufsichtigt und abends den Haushalt macht, wird über kurz oder lang das System kollabieren.

In der richtigen Dosis und schlau angewendet, kann Digitalisierung mehr Familienzeit schaffen. Damit das passiert, müssen wir sie uns bewusst nehmen. Insgesamt konnte im Jahr 2020 in vielen Bereichen eine Veränderung im Mediennutzungsverhalten deutscher Familie festgestellt werden. Was von Dauer sein, und unser Leben auch künftig prägen wird, bleibt abzuwarten. Es liegt an uns als Weltverbessserer, die Chancen der Digitalisierung für unser Familienleben nicht haarscharf zu verpassen.