weltverbesserer Denken Familie heute mit Papapi: „Das Geschlecht der Eltern macht am Ende keinen Unterschied“

Familie heute mit Papapi: „Das Geschlecht der Eltern macht am Ende keinen Unterschied“

Foto: Victoria M / stock.adobe.com

Ob klassisch Vater, Mutter, Kind, Patchwork-Familie oder Regenbogen – Familienmodelle gibt es viele. Welche Vorurteile es gibt und warum es Familien auch heute noch innerhalb der Gesellschaft teilweise schwer haben, darüber haben wir mit Kevin Silvergieter Hoogstad von papapi.de gesprochen.

Die meisten denken bei Familie immer noch an das klassische Bild: Vater, Mutter und zwei Kinder. Doch es hat sich schon einiges getan und es gibt nicht mehr nur die eine Familie, sondern mit Patchwork- und Regenbogen-Familien viele unterschiedliche Familien-Modelle, in der Kinder und Erwachsene glücklich und zufrieden leben. Dass es dennoch – vor allem gesellschaftlich – noch so manche Hürde zu meistern gibt, darüber haben wir mit Kevin Silvergieter von Papapi.de gesprochen. In dem Gespräch geht es um die Rolle der Familie und was wir als Gesellschaft in Bezug auf die Familie nicht aus den Augen verlieren sollten.

Zwei Familienväter mit ihren beiden Kindern auf dem Arm schauen in die Kameray
Foto: Cindy und Kai Fotografie

Kevin, Du bist Schauspieler, Blogger, Ehemann und Papi, darüber schreibst Du auf dem Blog papapi.de. Worum geht es bei papapi genau? 

Es geht um Sichtbarkeit. Als ich angefangen habe, auf Instagram und unserem Blog über unser Leben zu schreiben, gab es noch sehr wenig Präsenz im Internet. In Fernsehproduktionen und Filmen auch noch nicht. Also nicht im Mainstream. Das ändert sich langsam. Dennoch finden der Austausch und ein Teil unseres Lebens immer mehr im Internet statt. Dort gab und gibt es heute noch immer zu wenig Idole für junge homosexuelle Menschen. Das wollte ich ändern.

Auf dem Blog schreibst Du über Euer Leben zu viert – Papa, Papi und zwei Kinder. Was bedeutet Familie für Dich?

Familie bedeutet für mich Geborgenheit, Sicherheit und Liebe. Es ist das Gefühl, dass ich brauche, um selbstbewusst durchs Leben zu gehen. Eigentlich ist es auch meine Lebensessenz. Natürlich wäre ich auch ohne meine Familie immer noch ich, aber eben nicht so aufgefangen, geborgen und geliebt, wie ich es mit ihr bin.

Kleines Mädchen läuft an den Händen der Mutter über eine Wiese und wird von einer zweiten Frau gehalten
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Priscilla du Preez

Du hast gemeinsam mit deinem Ehemann zwei Pflegekinder. Macht es für dich oder das Umfeld einen Unterschied, dass die Kinder zwei Väter haben statt einer Mama und einem Papa?

Nein und ja. Für unsere Kinder, Freunde und Verwandte macht es überhaupt keinen Unterschied. Für die Gesellschaft schon. Auch wenn wir eigentlich überall (außer im Internet) mit offenen Armen empfangen werden, gibt es neugierige Fragen. Diese kommen, weil Regenbogenfamilien eben noch zu unsichtbar sind bzw. auch einfach nicht so häufig vorkommen, wie heteronormative Familien.

Und so schön ich es finde, dass Menschen uns Fragen stellen und neugierig sind, so sehr würde ich mir manchmal wünschen, dass es schon anders ist. Ich beantworte die Fragen sehr gerne. Immer wieder, weil ich die Hoffnung habe, dass Generationen nach uns das nicht mehr tun müssen. Aber das macht für mich den großen Unterschied, nämlich, dass wir noch nicht so selbstverständlich sind und daher noch viel mehr Fragen gestellt bekommen, als heterosexuelle Eltern.

Was bedeutet der Begriff „Pflegefamilie“ für Dich?

Das ist nur, was auf Papier steht. Natürlich macht es auch etwas mit uns als Familie. Wir haben die „Kontrollinstanz“ Jugendamt. Und die ist auch absolut wichtig. Das Jugendamt ist vor allem aber Unterstützung und Ansprechpartner. Und da ist die leibliche Familie, die sogenannte Herkunftsfamilie. Auch diese gehört zu unserem Familienmodell dazu. Und das ist für uns auch wichtig. Wir reden offen mit unseren Kindern über ihre Herkunft und sehen die Mütter regelmäßig. Aber zu Hause, sind wir vier, unsere Kinder, mein Mann und ich, eine Familie. Ohne Wenn und Aber.

Hinweis auf Leistung der TK - das TK Familientelefon

Welche Erfahrungen macht Ihr als zwei Väter mit zwei Kindern?

Die gleichen wie alle anderen Eltern auch. Ich glaube das Geschlecht der Eltern macht am Ende keinen Unterschied. Es ist die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen, die Bereitschaft sich auf das Abenteuer Eltern einzulassen.

Und was diese Beziehung beeinflusst sind unsere Erfahrungen. Da macht es vielleicht einen Unterschied, dass wir homosexuelle Männer sind. Weil wir mit unserer Sexualität nicht selbstverständlich groß geworden sind und weil wir vielen Vorurteilen und auch immer wieder Diskriminierung begegnen.

Das macht etwas mit uns als Menschen und somit auch etwas als Eltern. Wir sind in vielen Erziehungsfragen sehr reflektiert. Vielleicht auch manchmal zu sehr. Auf jeden Fall macht die Erfahrung „anders“ zu sein etwas mit mir als Vater. Ich glaube ich habe dadurch sehr viel Verständnis und trete meinen Kindern auch offen gegenüber.

Piktogram einer Familie auf asphaltierter Straße: Vater, Mutter und zwei Kinder
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Sandy Millar

Wie siehst Du die Rolle der Familie in der Gesellschaft, hat sich hier schon viel verändert oder haben wir noch einen weiten Weg vor uns?

Oh, wir haben noch einen langen Weg vor uns. Es ist zwar schon viel passiert, aber da muss noch mehr geschehen. Nicht nur bei homosexuellen Eltern, sondern Familie generell. Gerade in der aktuellen Lage merken wir, wie allein Eltern oft gelassen werden.  Als Schauspieler kann ich auch ein Lied davon singen und weiß, dass es vieler meiner Kollg:innen auch so geht. Eltern werden beruflich oft weniger Türen geöffnet. Aber auch im Flugzeug, im Urlaub, immer wieder erlebe ich, dass Familien auch als lästig empfunden werden. Dabei sind Kinder doch unsere Zukunft. Also ja, ich würde mir generell mehr Familienfreundlichkeit wünschen.

Was hat sich bei Euch im Alltag mit Corona verändert?

Alles. Wir sind Lehrer, Erzieher, Sportverein, Musikverein und Ersatzfreunde geworden. Wir müssen viel mehr leisten und viel mehr zurückstecken. Ich möchte jetzt keine Grundsatzdiskussion starten, aber Eltern sein in Zeiten von Corona ist unglaublich herausfordernd.   

Lies dazu auch die Tipps der TK: Fami­lien unter Druck – Video­tipps

Hat das Familienleben mit oder durch Corona auch „positive“ Seiten?

Ja, sehr. René ist zum Beispiel zu Hause. Seit über einem Jahr jetzt. Als Flugbegleiter fällt Homeoffice weg, wodurch wir einfach viel Zeit zusammen verbringen können. Und René auch jeden Tag Zeit mit den Kindern hat. 

Außerdem haben René und ich festgestellt, dass wir nicht nur eine so erfüllte Beziehung haben, weil wir uns aufgrund seines Berufes so selten sahen, sondern wir auch mit viel und intensiver Zeit sehr glücklich sind. Natürlich fliegen auch öfters die Fetzen, aber in dieser Frage ging es ja um die positiven Seiten.

Welche Anforderungen siehst du auf die Familie in Zukunft zukommen?

Das ist eine spannende Frage. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Das kommt darauf an, ob Corona die neue Zeitrechnung ist, oder wir wieder in einen Alltag ohne Virus zurückkehren können.

Aber generell glaube ich, wird die Anforderung darin bestehen, einen Ausgleich zwischen der schnelllebigen und immer digitaleren Welt und einem ruhigen und analogen Leben zu finden. Gerade weil unsere Kinder von Anfang an mit Medien groß werden, ist es unsere Aufgabe als Eltern ihnen einen gesunden Zugang zur digitalen Welt zu schaffen. 

Junge mit einer geschminkten Regenbogenfahne auf der rechten Wange in einem regenbogenfarbenen Pullover sitzt auf einer Stoffschaukel im Garten
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Sharon Mccutcheon

Was wünschst Du Dir für das Familienleben der Zukunft?

Ich wünsche mir mehr Anerkennung für die Entscheidung Kinder zu bekommen und gleichzeitig mehr Offenheit für die Art und Weise, wie jede einzelne Familie individuell mit ihrer persönlichen Form umgeht. Ob Eltern schnell wieder arbeiten gehen oder bewusst so lange wie möglich zu Hause bleiben, ob Eltern alles alleine stemmen oder sich viel Hilfe holen. Egal wie sich Eltern entscheiden ihre Familie zu leben, ich wünsche mir weniger Vergleich, Neid und Missgunst und mehr Akzeptanz, Anerkennung und Verständnis.

Kevin und René Silvergieter Hoogstad waren immer ein glückliches Paar, doch immer wieder erkannten sie, was zu ihrem großen Glück noch fehlte: Kinder. Ein Anruf beim Jugendamt zeigte, dass es schwierig wird, aber nicht unmöglich ist. Und so begann das Abenteuer Pflegefamilie. Es folgten unzählige Gespräche, Seminare mit Rollenspielen, komplizierte Formulare – bis sie endlich den 3-jährigen Tommy kennenlernen durften.

Die emotionale Eingewöhnungsphase war schwierig, denn der kleine Junge musste bereits viel erleben. Überhaupt, wer ist Papa? Und fehlt da nicht die Mama? Drei Jahre später kam die acht Monate alte Annika in den Männerhaushalt – und stellte wieder alles auf den Kopf.

Humorvoll und berührend erzählt das sympathische Paar auf dem Blog Papapi.de von ihren schwierigsten Momenten, dem turbulenten Alltag, von Vorurteilen, denen sie begegnen. Vor allem aber schreiben sie vom großen Glück ihrer Regenbogenfamilie. Egal, wer nun Papa, Papi oder Mama ist, Kevin und René sind stolze Eltern, die zeigen, dass Familie in allen Farben schillern kann. Der Blog „papapi“ wurde mit dem Sonderpreis für gesellschaftliches Engagement des Eltern-Blogger-Awards ausgezeichnet.