weltverbesserer Wissen Dorothea Christiane Erxleben – die erste Ärztin (in Deutschland)

Dorothea Christiane Erxleben – die erste Ärztin (in Deutschland)

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Mehr als die Hälfte der Abiturienten entscheidet sich heute für ein Studium. Besonders beliebt ist das Fach Humanmedizin. Die erste Frau, die in Deutschland überhaupt promovieren durfte, musste sich das noch per königlicher Erlaubnis erkämpfen. Doch wer war die erste Ärztin und wie gelang es ihr dennoch an einer Universität zu studieren?

Mehr als die Hälfte, nämlich 56,2 Prozent aller Abiturienten entschied sich 2019 für ein Studium an einer deutschen Hochschule. Insgesamt strebten 2.897 336 Studienanfänger zum Wintersemester 2019/2020 ein Studium an einer deutschen Universität an. Die Anzahl an Studentinnen betrug mit 1.429 767 dabei knapp die Hälfte. Besonders beliebte Fächer waren im Wintersemester 2018/2019 Betriebswirtschaftslehre, Informatik, Rechtswissenschaften, Maschinenbau und Medizin.

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Der Anteil der Studienanfängerinnen im Fach Medizin steigt aktuell jährlich an. So war der Anteil der Bewerberinnen für einen der begehrten Studienplätze im Sommersemester 2019 doppelt so hoch wie die Anzahl an männlichen Bewerbern. Insgesamt bewarben sich 2019 insgesamt 12.513 Frauen und 6.415 Männer um einen Studienplatz im Fach Humanmedizin. Daraus ergab sich bei einem Studienplatzkontingent von 1.687 elf Kandidaten auf einen Studienplatz.

Dieser Trend setzte sich auch im Wintersemester 2019/2020 fort. Für das Fach Medizin gab es rund 28.103 Studienanwärterinnen. Im Vergleich dazu bewarben sich 13.688 männliche Kandidaten, etwas weniger als die Hälfte im Vergleich zu den Konkurrentinnen.

Zugang an Hochschulen für Frauen ist hart erkämpft

Heute stehen junge Frauen damit vor dem Problem, überhaupt einen der begehrten Studienplätze im Fach Medizin zu erhalten. Häufig wird dabei jedoch vergessen, dass es für Frauen erst seit rund hundert Jahren, nämlich seit 1899 überhaupt möglich ist in Deutschland zu studieren. Was uns heute als normale Möglichkeit erscheint, mussten sich viele mutige Frauen in mühevoller Arbeit und mit hartnäckigem Einsatz über lange Zeit hinweg erst mal erkämpfen.

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Grundstein für Frauenstudium

Die Wegbereiterin, die heute als Pionierin des Frauenstudiums gilt und durch ihren hartnäckigen Einsatz den Grundstein für heutige Studentinnen legte Medizin studieren zu können setzte sich ihr ganzes Leben dafür ein, das Medizinstudium ebenso absolvieren zu dürfen wie ihre männlichen Kollegen.

Dorothea Christiane Leporin kam am 13. November 1715 in Quedlinburg zur Welt. Als Tochter von Christian Polykarp Leporin, einem Arzt in Aschersleben und Anna Sophia Leporin, zeigte das Kind schon früh ein reges Interesse für naturwissenschaftliche Themen. Der Vater unterrichtete seine Tochter Dorothea gemeinsam mit ihrem Bruder Christian zu Hause. Er brachte seinen Kindern naturwissenschaftliche Themen bei, und unterrichtete sie in praktischer und theoretischer Medizin. Zusätzlich erhielt das lernbegierige Mädchen Unterricht vom Rektor des Quedlinburger Gymnasiums in Latein.

Erlaubnis zur Promotion per königlichem Erlass

Mit ihrem Wissen und der Leidenschaft für Medizin nahm der Vater die Tochter bereits im Alter von 16 Jahren mit zu seinen Patienten, und ließ sich von ihr sogar in seiner Praxis vertreten. Durch die Ausbildung, die Dorothea gemeinsam mit ihrem Bruder Christian bei ihrem Vater durchlaufen hatte, entstand so vermutlich auch ihr Wunsch nach dem einem ordentlichen Abschluss mit akademischem Grad, um offiziell als Ärztin arbeiten zu können.

Dieses Ziel rückte durch die Einberufung des Bruders zum Militärdienst aber erst Mal in weite Ferne. Christian Leporin Junior ließ sich sogar von seinem Dienst bei Militär vor Ablauf der eigentlichen Zeit beurlauben, um gemeinsam mit seiner Schwester studieren zu können.

Durch den Militärdienst des Bruders derart von der Chance des gemeinsamen Studiums abgehalten, wandte sich Dorothea Christiane Leporin 1740 Hilfe suchend an den preußischen König. Friedrich der Große wies auf ihr Ersuchen hin im Jahr 1741 die Universität Halle an, die junge Frau zur Promotion zuzulassen. Mit der Erlaubnis des Regenten stand dem Studium der Medizin und der abschließenden Promotion endlich nichts mehr im Weg.

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Familienleben wichtiger als Studium

Bevor Dorothea Erxleben an der Universität Halle ihr ersehntes Medizinstudium absolvieren und promovieren konnte, heiratete sie 1742 im Alter von 27 Jahren den Diakon Johann Christian Erxleben. Johann C. Erxleben, der zuvor mit einer Cousine von Dorothea verheiratet war, brachte fünf Kinder mit in die Ehe. Mit der Eheschließung lagen die Prioritäten der Ehefrau bei der Familie und so schob sie das große Privileg an einer Universität promovieren zu dürfen nochmals auf.

Neben dem Familienleben und den Aufgaben als Frau eines Diakons praktizierte Dorothea trotz fehlendem Studium in ihrer Heimatstadt Quedlinburg als Ärztin. Gegen die Proteste vieler Konkurrenten und unter dem Vorwurf einer fehlenden formellen Ausbildung, setzte sie sich 1742 mit der SchriftGründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten“ zur Wehr.

„Die Verachtung der Gelehrsamkeit zeigt sich besonders darin, dass das weibliche Geschlecht vom Studieren abgehalten wird.“ …“Dieses Unrecht ist ebenso groß wie dasjenige, das den Frauen widerfährt, die dieses herrlichen und kostbaren Gegenstandes beraubt werden.“

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Als Ehefrau und Mutter zum Examen an die Universität

Ungeachtet der Tatsache, dass sie weder ein Studium noch eine Promotion vorweisen konnte, kümmerte sich Dorothea Christiane Erxleben weiterhin um ihre Patienten. Als 1747 ihr Vater starb, übernahm sie kurzerhand seine Praxis. Nach dem Tod einer Patientin wurde sie wegen „Pfuscherei“ von anderen Ärzten angezeigt. Kurpfuscher behandelten Patienten, ohne über die dafür notwendigen Zeugnisse oder Abschlüsse zu verfügen.

Diesen Umstand konnte und wollte Dorothea Christiane Erxleben vermutlich nicht auf sich beruhen lassen. Im Alter von 39 Jahren entschied sich die Mutter von vier Kindern ihre Promotion nachzuholen. Die Dissertation mit dem lateinischen Titel „Quod nimis cito ac iucunde curare saepius fiat causa minus tutae curationis“ und das Promotionsexamen absolvierte sie mit der Erlaubnis der preußische König. Ihre Prüfung und den Abschluss absolvierte sie mit Bravour. 

Am 12. Juni 1754 wurde sie nach langem Warten von Professor Johann Juncker zum „Doktor der Arzeneygelahrtheit“ erklärt. 1755 folgte die deutsche Entsprechung ihrer Dissertation mit dem Titel „Academische Abhandlung von der gar zu geschwinden und angenehmen, aber deswegen öfters unsichern Heilung der Krankheiten“.

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Leidenschaft für den Arztberuf

Nach dem erfolgreichen Examen und dem erlangen des offiziellen akademischen Grad als Ärztin, blieb Dorothea Christiane Erxleben ihr restliches Leben in Quedlinburg. Sie kümmerte sich um ihren Mann und die Familie, und übte nun auch offiziell ihren Beruf als Ärztin aus. Nur acht Jahre später verstarb sie 1762 mit 47 Jahren. Dennoch hat sie ihr lebenslanges Ziel Medizin zu studieren und die Universität als promovierte Ärztin abzuschließen, erreicht.

Zugang zur Universität ab 1900

Bis es Frauen im Deutschen Reich generell erlaubt wurde offiziell zu studieren, dauerte es noch einmal mehr als hundert Jahre. Erst am 20. April 1899 bekamen Frauen die Erlaubnis, an den Staatsprüfungen für Fächer wie Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie teilzunehmen. Zwar gab es einige Ausnahmen, mit denen es weiblichen Studentinnen gelang zu promovieren, doch es sollte noch bis zum Jahr 1900 dauern, bis nach dem ordentlichen Beschluss des Bundesrates die ersten Ärztinnen ihre Staatsexamina ablegen durften. An den preußischen Universitäten konnten sich Studentinnen für Medizin sogar erst zum Wintersemester 1908/09 einschreiben.

Etwas mehr als hundert Jahre später geht es für viele Abiturientinnen heute nicht mehr darum, ob sie überhaupt studieren dürfen. Vielmehr geht es darum, ob sie einen der begehrten Studienplätze für Medizin zugeteilt bekommen. Der Kampf der Frauen, die sich für die Chance auf einen Zugang zur universitären Bildung und der Möglichkeit der Promotion eingesetzt haben, sollte stets mit Dankbarkeit bedacht werden. Mit ihrem Einsatz hat Dorothea Erxleben das Leben vieler nachfolgender Frauen unbewusst beeinflusst und ist bis heute ein Vorbild. An ihrem Beispiel zeigt sich, dass man trotz scheinbarer Hindernisse seine Träume verfolgen und niemals aufgeben sollte. Selbst, wenn das Ziel noch so unerreichbar erscheint.