weltverbesserer Machen Diese Projekte zeigen – so geht Schule digital

Diese Projekte zeigen – so geht Schule digital

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Ob die Corona-Krise für die Digitalisierung der Schulen ein Fluch oder ein Segen ist – darüber scheiden sich die Geister. Fakt ist: Die Pandemie hat keinen Bit auf dem anderen gelassen und die Digitalisierung der Schulen enorm vorangebracht.

Was in Australiens Outback oder Skandinavien seit langem funktioniert, kriegen wir als Hochtechnologieland nicht hin? Zumindest in den ersten Wochen Home-Schooling schien das Chaos perfekt zu sein, die Improvisation ein fixer Teil vom Stundenplan. Die Gründe dafür sind vielseitig und komplex. Wenn wir uns vor Augen halten, dass elf Millionen Schüler samt ihren Eltern und über 773.000 Lehrkräfte betroffen sind, dann wird es deutlich, dass es keine Zauberformel geben kann, die alle Probleme im Handumdrehen löst.

Auffallend ist allerdings die große Spannbreite, wie die einzelnen Schulen mit der Situation umgingen. Gefühlt wurde Bildung auf einmal zur Glückssache – abhängig von der Region, dem Wohnort und der Schule selbst. Während beispielsweise die meisten Schulen rund um Bergisch Gladbach in eine Art Starre verfielen, konnte das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium schnell reagieren und zügig den gesamten Lernprozess auf online umstellen. Möglich war das dank der guten technischen Ausrüstung. Die Stadt Bergisch Gladbach hatte bereits vor der Covid-19 Krise einen Digital-Entwicklungsplan für Schulen ausgearbeitet und das Gymnasium entsprechend mit Software und IT ausgestattet.

Erstes Fazit: Vorausschauend handeln hilft.

Konstruktives Handeln ist gefragt

Auch wenn die überwiegende Mehrheit der deutschen Schullandschaft von Online-Unterricht oder der Nutzung anderer digitaler Lehrmöglichkeiten nach wie vor weit entfernt ist, gibt es Lichtblicke, die aufzeigen, was alles möglich ist, wenn nicht bloß kritisiert und gejammert, sondern lösungsorientiert gedacht wird. So hat die Schülermitverwaltung des Johann-Schöner-Gymnasiums in Karlstadt eine Umfrage unter den 800 Schülern durchgeführt, weil sie wissen wollte, wie zufrieden die Mitschüler mit dem digitalen Unterricht sind und was verbessert werden kann. Ein mutiger Schritt, der gut ankam und herauszufinden half, was sich bewährt hat und was davon man mitnimmt. Das Ergebnis zeigte, dass es ganz gut klappt. Die Umfrage bestätigte zum Beispiel, wie wichtig den Schülern die Interaktion ist, auch wenn diese über Video stattfindet.

Zweites Fazit: Kommunikation auf Augenhöhe lohnt sich.

And the winner is: Smart School

Egal, ob die befürchtete zweite Corona-Welle ausbleibt oder nicht – die Schulen dürfen keinesfalls in den alten Trott verfallen, sondern die Digitalisierung als Chance nutzen. Richtweisend könnte die Schulinitiative des Digitalverbands Bitkom Smart School sein, die sich für eine zeitgemäße Bildung einsetzt. Ihr oberstes Ziel lautet, die digitale Transformation an Deutschlands Schulen voranzutreiben, indem sie Jugendliche zu einem kritischen, souveränen und kreativen Umgang mit digitalen Technologien befähigt. Bisher wurden erst 41 Smart Schools in 14 Bundesländern als Vorreiter der digitalen Bildung ausgezeichnet.

Die Best Practice Beispiele zeigen, dass eine zeitgemäße digitale Infrastruktur eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, aber nicht nur. Genauso relevant sind qualifizierte Lehrkräfte, die digitale Medien sinnvoll und nachhaltig in den Unterricht einbinden sowie innovative pädagogische Konzepte, die das Potenzial der digitalisierten Lehr- und Lernformen voll ausschöpfen.

Die im Ganztag organisierte Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe wurde bereits 2017 als erste in Baden-Württemberg als „smart school“ ausgezeichnet. Die Schüler können sich Sachverhalte durch Recherche, YouTube-Videos oder Tutorials aneignen. Das Lernen war also schon vor Corona-Zeiten mobil und nicht auf das Klassenzimmer beschränkt. „Digitalisierung ist ein Riesenvorteil für alle Arten des Lernens“, sagt Rektor Micha Pallesche, dessen Konzept bundesweit Beachtung findet.

In der „smart school“ Josef-Durler-Schule Rastatt hat sich hingegen seit zwei Jahren ein Learning Management System (LMS) bewährt. Nicht nur können die Lehrkräfte so den Schülern Materialien zukommen lassen – dank der internen Messenger Funktion bleiben alle in Kontakt. Unterstützend finden Videokonferenzen statt, die eine konstante Begleitung möglich machen. Die Schüler*innen können darüber hinaus in individualisierten Coaching-Gesprächen über das Selbst gelernte zu Hause sprechen und Fragen stellen. Diese Methode fördert Selbstlernkompetenzen und erlaubt den Jugendlichen, im eigenen Tempo den Stoff zu meistern. Auch die Lehrer werden unterstützt, unter anderem mit einer Hotline für Fragen zum Umgang mit dem LMS.

„Qualität geht vor Schnelligkeit“

Was muss passieren, damit diese gelungenen Beispiele keine Ausnahme bleiben? Geld sollte nicht das Problem sein – der Bund hatte schon im Frühsommer 2019 fünf Milliarden Euro für den Digitalpakt bereitgestellt und wird jetzt um eine halbe Milliarde für Endgeräte aufgestockt, die nach den Sommerferien einsetzbar sein sollen. Der Haken ist, dass die Schulen und ihre Träger, die Kommunen, zunächst schlüssige Konzepte vorlegen müssen. Bildungsministerin Anja Karliczek hatte wiederholt gesagt, Qualität gehe eben vor Schnelligkeit. Infolge dessen kommen die Mittel nicht schnell genug bei den Schulen an. Nach einer Umfrage des Magazins „Focus“ bei den 16 Bundesländern wurden bis heute insgesamt weniger als 300 Millionen Euro, also nur 6 Prozent, bewilligt.

Ein weiteres Hindernis in der schnellen und flächendeckenden Bereitstellung digitaler Lerninhalte scheint der Bildungsföderalismus zu sein, weil es an einer bundesweiten Vorgehensweise zur Nutzung von Online-Tools sowie zur Umsetzung digitaler Unterrichtskonzepte mangelt.

Ebenfalls so schnell wie möglich müssen die Datenschutzprobleme geklärt werden – die Benutzung von WhatsApp, Zoom, Microsoft-Teams oder private E-Mail-Konten werden von vielen Eltern kritisch betrachtet.

Die vergangenen Monate haben eine weitere wichtige Erkenntnis ans Licht gebracht: Der digitalisierte Unterricht ist nicht für alle Altersstufen gleich gut geeignet. Lehrer*innen stellen fest, dass vor allem jüngere Schüler*innen feste Strukturen brauchen.

Die Angst vor einer überbordenden Digitalisierung bei den Jüngsten kommt nicht von ungefähr, da bereits viele Studien belegen, dass die übertriebene Nutzung von Handys und Co. süchtig macht. Darf dann überhaupt von „digitalen Kitas“ die Rede sein? Experten meinen, dass digitale Medien durchaus in den Kita-Alltag sinnvoll integriert werden können, z.B. zur Organisation von Abläufen oder um sie in pädagogischen Konzepten zu verankern. Demnach kann eine geeignete digitale Software nicht nur dem Schul-, sondern auch dem Kita-Management dienen.

Worauf es jetzt ankommt

2018 sahen mehr als 50 Prozent der Schulleiter digitale Bildung als eine sehr wichtige Aufgabe an. Das bedeutet: Fast die Hälfte sah das damals noch nicht so. Hat uns die Pandemie eines Besseren belehrt? Wird sie den nötigen Schub auslösen?

Entscheidend ist hier die Haltung der Schulleitung – die Digitalisierung sollte zur Chefsache erklärt werden. Die gute Nachricht: Viele Lehrkräfte sehen mittlerweile ein, dass Online-Unterricht gar nicht so schwer ist.

Die Krise führt vor Augen, dass alte didaktische Muster wie Stundenpläne und Klassenstrukturen nicht mehr gut funktionieren. Die Schüler fühlen sich durch überfrachtete Bildungspläne überfordert. Noch immer wird viel zu sehr auf Wissen und Quantität gesetzt statt auf Selbstlernkompetenz und Qualität.

Was also zählt, sind weniger Stoff, individuelle Lernangebote und Selbstlernkompetenz. Trotzdem: Corona hat auch gezeigt, wie wichtig Schule als sozialer Lernort ist. Online ist gut, offline ebenso.