weltverbesserer Leben Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles

Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles

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Hand aufs Herz liebe Männer: Wie oft habt ihr euch Gedanken über das Geburtstagsgeschenk für eure Schwiegermutter gemacht? Oder der nächste Kinderarzttermin und Elternsprechtag? Wisst ihr, wann der ist? Steht der in eurem Terminkalender? Müsst ihr da jetzt eure Frau fragen? Genau, die hat das bestimmt im Kopf. Und das kann für viele Frauen, die wie ihre Männer voll im Job stehen, schnell zum Problem werden. Weil ihr Kopf irgendwann einfach dicht ist – mit den hunderttausend Dingen an die sie täglich denken müssen. Das bezeichnet man auch als Mental Load. Darüber hat Laura Fröhlich das Buch „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“ geschrieben. Hier ist ihr Gastbeitrag dazu:

Ich litt bereits unter Mental Load, kurz nachdem unser Sohn vor mehr als neun Jahren auf die Welt gekommen ist. Ich nahm damals ein Jahr Elternzeit, kümmerte mich um das Baby, erledigte tagsüber einen großen Teil des Haushalts und behielt unsere gesamte Familien-Organisation im Blick. Früher hatten mein Mann und ich uns sämtliche Aufgaben gerecht geteilt, aber weil ich nicht erwerbstätig war, fühlte ich mich jetzt dazu verpflichtet, Urlaube zu recherchieren, Geschenke für die Schwiegermutter zu besorgen oder Termine bei der Bank auszumachen.

Dabei war schon die Versorgung unseres Babys ein Vollzeit-Job. Neben dem Füttern, Wickeln und Trösten besorgte ich alles Notwendige in der Drogerie, kaufte der Jahreszeit und Größe entsprechende Kleider oder recherchierte und besuchte Schwimm- und Massagekurse. Nebenbei las ich verschiedene Erziehungsratgeber, denn ich hatte von Kindern keine Ahnung und holte die Wissenslücke auf, weil ich unbedingt eine „gute Mutter“ sein wollte. Dass es sich beim Mama-Sein um meine neue Hauptrolle handelte, wurde mir immer wieder von außen suggeriert: ob Kinderarzt, Arbeitskolleg*innen, Freund*innen oder fremde Menschen auf der Straße – für sie war klar, dass alle Belange rund um das Kind Sache der Mutter waren.

Vom Druck, eine „gute Mutter“ sein zu müssen

Durch die Erwartungen von außen und meine eigenen Ansprüche wurde ich angetrieben, Kindererziehung, Haushalt und Familienorganisation vorbildlich zu meistern.  War ich erschöpft und frustriert, weil die To-Do-Listen endlos waren und keiner wirklich sah, was ich tat, suchte ich den Fehler bei mir und optimierte meinen Zeitplan, anstelle mir endlich mehr Pausen zu gönnen.

Auch als ich nach einem Jahr wieder halbtags erwerbstätig war, reduzierte ich meine häuslichen Aufgaben nicht und kam nicht einmal auf die Idee, dass wir Eltern uns nun die Organisation neu aufzuteilen.  So wuchs mir mein Alltag schnell über den Kopf, auch wenn mein Mann alles tat, um mich zu entlasten.

Wir überlegten, ob ich meinen Job wieder aufgeben sollte, aber mich hinderte daran, dass mir mein Beruf so viel Freude machte und neben der unbezahlten Arbeit Zuhause auch Selbstbewusstsein und Sicherheit gab. Erst als ich das Konzept von Mental Load kennenlernte, verstand ich, unter welchem Problem ich litt, und tausende von Frauen mit mir.

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Wenn ich nicht dran denk, tut es keiner…

Mental Load bezeichnet die mentale Belastung, die innerhalb der Familie entsteht. Es gibt dort eine unendlich lange Liste an Aufgaben, an die es rund um Kinder, Haushalt und Familienorganisation zu denken gilt, und viele To-Dos ziehen weitere Aufgaben nach sich.

Wenn ich beispielsweise die Wäsche waschen möchte, fällt mir auf, dass die Kinderhosen zu klein geworden sind, dann bestelle ich im Internet neue und bei der Gelegenheit merke ich, dass die Kleider im Kleiderschrank nicht der Jahreszeit entsprechen. Ich hole aus dem Keller die warmen Strumpfhosen und nehme das Chaos wahr, das dort herrscht. „Hier müssten wir dringend mal Ordnung schaffen“, sage ich mir, und wollte ursprünglich nur eine Ladung Wäsche waschen.

Die To-Do-Listen sind außerdem voll mit Besorgungen oder mit Arztterminen, die anstehen, außerdem müssen wir daran denken, dass der Flötenunterricht ausfällt und das Fußballtraining nicht mehr dienstags, sondern freitags stattfindet. Kindergeburtstage wollen organisiert, Geschenke besorgt oder Schulsachen in Stand gehalten werden, und in den meisten Familien haben vor allem die Mütter diese Aufgaben auf dem Schirm, weil sie sich dafür verantwortlich fühlen.

Warum arbeiten viele Frauen abends Listen ab, während ihre Partner entspannt auf dem Sofa sitzen? Die Antwort lautet: Wir kennen es nicht anders! Schon als Kinder nahmen wir wahr, dass sich unsere Mütter kümmerten, und es in erster Linie Frauen sind, die Care-Berufe ergreifen. Sie werden Krankenschwestern, Erzieherinnen, Altenpflegerinnen und Grundschullehrerinnen und es hat sich der Glaube manifestiert, dass Frauen diese Fürsorge nebenbei machen und es für sie leicht sei, sich zu kümmern.

Das ist allerdings ein großer Irrtum, denn Fürsorge ist Arbeit, nicht selten ohne Feierabend, und findet zum großen Teil im Kopf statt. Einen Computer kann man ausschalten, aber ein Kind oder eine zu pflegende Person hat rund um die Uhr Bedürfnisse.

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Was Familiengründung mit dem traditionellen Rollenbild zu tun hat

Bekommt ein Paar ein Kind, verändert das deren Leben natürlich maßgeblich, aber vor allem Frauen fühlen sich ab diesem Zeitpunkt dank unserer stereotypen Rollenbilder nicht nur für das Baby zuständig, sondern auch für alle weiteren Dinge, die den Haushalt betreffen. „Dein Kühlschrank ist leer“, sagt die Schwiegermutter, und verortet Haushaltsgeräte damit ganz klar in den weiblichen Bereich. „Wir suchen noch Mütter für den Wandertag“, heißt es im Elternbrief der Schule.

Mütter sind so eingebunden in den Alltag, dass sie in Sachen Organisation immer besser werden und alle Familienmitglieder sich auf sie verlassen. Ist die Mutter krank, muss sie vom Bett aus das Familien-Orchester dirigieren, schwappt eine bedrohliche Corona-Pandemie durch das Land, ist sie es, die ihren Beruf vernachlässigt und stattdessen die Kinder beschult. Partner bieten „Unterstützung“ oder „Hilfe“ an und machen damit deutlich, dass sie sich als Assistent sehen, ihre Frauen dagegen die Hauptverantwortlichen bleiben. Auch wenn er nach ihrer Aufforderung selbstverständlich den Staubsauger schwingt, bleibt es ihre Aufgabe, ihn an das Saubermachen zu erinnern. Der Mental Load wird so jedoch nicht kleiner.

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Eine faire Verteilung muss her!

Wie lösen wir das Mental Load-Problem? Stellen wir uns das Ganze als Spiel vor, wie es schon Eve Rodsky in ihrem genialen Buch „Fair Play“ getan hat, und bevor wir beginnen, klären wir ein paar Grundlagen. Welche Aufgaben fallen zuhause im Rahmen von Haushalt, Kinderbetreuung und Familienorganisation an? Am besten, ein Paar notiert sich alle To-Dos, und weil das so viele sind, macht es das am besten über zwei, drei Wochen hinweg.

Eine Vorlage zum Anpassen findet ihr hier. Außerdem ist es sinnvoll, zunächst ein grundlegendes Gespräch zu führen. Wie belastend ist es, an alles denken zu müssen? Warum fühlen wir uns nicht beide gleichermaßen verantwortlich für die Organisation des Alltags, den Adventskalender für die Kinder oder den Wochen-Speiseplan?

Am besten, man gerät dabei nicht in die Vorwurfsspirale, bei der auf „du kümmerst dich um nichts“ ein „dir kann man es sowieso nicht recht machen“ folgt. Denn wie wir schon erkannt haben, ist Mental Load kein Einzel-Phänomen und hat weitaus mehr mit unseren gesellschaftlich bedingten Rollenbildern zu tun als mit individueller Schuld.

Im nächsten Schritt besprechen Elternpaare die Spielregeln, also wie sie die Arbeit künftig neu verteilen möchten. Wichtig ist, dass einzelne Aufgaben komplett übernommen werden. Konzeption, Planung und Ausführung gehören zusammen! Wer also für Zahnpasta und Duschgel zuständig ist, schreibt die Dinge auf den Einkaufszettel, terminiert den Einkauf, führt ihn aus und räumt alles an den richtigen Platz.

Wichtig ist außerdem, den Alltagstrott im Blick zu haben. Darunter versteht man Aufgaben, die dringend und wichtig sind und nicht verschoben werden können. Die Familie braucht jeden Tag etwas zu essen und das Kind muss täglich vom Kindergarten abgeholt werden. Rasen mähen und das Auto zum TÜV bringen kann man auch mal verschieben. Es sollte nie eine(r) allein den gesamten Alltags-Trott auf der Liste haben.

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So kann es funktionieren

Das Spiel funktioniert nun so: jeden Sonntag setzt sich das Paar zusammen, schaut in den Kalender und bespricht alle Termine und Aufgaben, die anstehen. Gibt es Tage, an denen es stressig wird? Können Aufgaben ausgelagert oder Nachbarn um Hilfe gebeten werden? Sinnvoll ist es, einen gemeinsamen digitalen Familienkalender zu führen, den man auf den Smartphones synchronisieren kann. So haben beide Eltern alle Termine im Blick, auch wenn einer von ihnen oft im Büro oder sogar auf Geschäftsreise ist. Viele Aufgaben lassen sich auch aus der Ferne erledigen, etwa einen Handwerker bestellen, Spiele für den Kindergeburtstag recherchieren oder Windeln online kaufen.

Der eine, der bisher wenig Organisation betrieben hat, wird durch diese Übung immer besser. Es ist normal, in den ersten Wochen immer mal wieder etwas zu vergessen und Eltern sollten sich deshalb Zeit geben und Geduld miteinander haben. Wer die Organisation lange alleine gemacht hat, wird anfangs Schwierigkeiten haben, die Aufgaben abzugeben. Auch das ist Übungssache, aber es lohnt sich. Denn das Gefühl, dass die Verantwortung für all die scheinbaren Kleinigkeiten gemeinsam getragen wird, schweißt das Paar zusammen und reduziert den Mental Load. Außerdem wird schnell deutlich, dass es sich dabei eben nicht um unwichtige Kleinigkeiten handelt, denn sie alle zusammen genommen ergeben die Basis für ein glückliches und zufriedenes Familienleben.