weltverbesserer Wissen Die erste Studentin in Deutschland

Die erste Studentin in Deutschland

Foto: CC0 Public Domain / Unsplash - Nathan Dumlao

Gesellschaftlicher Fortschritt zeigt sich häufig daran, dass vieles was uns heute selbstverständlich scheint, früher unvorstellbar war. Vor etwas mehr als hundert Jahren hielten es zum Beispiel viele Zeitgenossen für vollkommen abwegig, dass Frauen gleichberechtigt neben Männern im Hörsaal sitzen dürfen. Grund genug einen Blick darauf zu werfen, wie es Studentinnen an deutsche Universitäten geschafft haben, und wer die erste Studentin in Deutschland eigentlich war.

Heute liegt der Frauenanteil unter den Studierenden bei fast 50 Prozent. Doch noch vor etwas mehr als hundert Jahren war Frauen noch nicht mal die Zulassung für ein Studium in Deutschland gestattet.

Lange Zeit mussten Frauen um das Recht kämpfen, sich an einer Universität für ein Studium einzuschreiben. Zwar durften sie teilweise als Gasthörerinnen an Veranstaltungen und Vorlesungen teilnehmen, eine Promotion kam für weibliche Studenten jedoch nur mit einer besonderen Ausnahmegenehmigung in Frage.

Friedrich der Zweite

In Deutschland machte der Alte Fritz 1754 als Philosophenkönig den ersten Vorstoß. Per Erlass setze er durch, dass Dorothea Erxleben als erste Frau zur Promotion im Fach Medizin an der Universität Halle zugelassen wurde. Sie blieb eine Ausnahme. Bis sich die erste ordentlich immatrikulierte Studentin an einer deutschsprachigen Universität einschreiben durfte, sollten aber noch einmal fast 150 Jahre vergehen.

Der Weg dahin liest sich wie ein Proust-Roman – lange Zeit passiert nichts. Ausgerechnet der Kanton Zürich, der erst 1970 das Wahlrecht für Frauen einführte, machte einen ersten Vorstoß und ließ an seiner Uni schon im Jahre 1864 Studentinnen zu (als erste deutschsprachige Universität).

Ein Jahr später kam auch in Deutschland ein bisschen mehr Bewegung in die Sache, als sich 1865 der  Allgemeine Deutsche Frauenverein gründete und bessere Bildungschancen für Mädchen forderte.

Es dauerte jedoch wieder weitere zwanzig Jahre bis 1886 die ersten Abiturprüfungen für Frauen in Berlin stattfinden konnten. Mittels einer Petition forderte der Allgemeine Deutsche Frauenverein bald darauf die Zulassung von Frauen für das Studium der Medizin und für die Ausbildung zur Lehrerin.

Die Forderung, Frauen den Zugang zu allen Studienfächern zu ermöglichen, folgte 1891. Mit der Entscheidung des Reichstages, die Entscheidung zum Thema Frauenstudium den einzelnen Ländern zu überlassen, dauerte es dann nochmal weitere fünf Jahre bis Preußen 1896 Frauen erstmal als Gasthörerinnen an Universitäten zuließ.

Johanna die Erste

Den wirklich entscheidenden Schritt in Richtung gleicher Bildungschancen machte damals aber nicht Berlin, sondern das Großherzogtum Baden, als es Frauen im Jahre 1900 erstmals offiziell zum Studium zuließ. Damit waren die altehrwürdigen Universitäten Freiburg und Heidelberg die „early adopter“ – genau wie Johanna Kappes, die zum Wintersemester 1899/1900 an der Uni Freiburg immatrikuliert wurde und damit offiziell als erste echte deutsche Studentin in die Geschichte einging. Sie studierte übrigens Medizin.

Rahel Goitein, eine Schulkollegin von Johanna Kappes am Mädchengymnasium in Karlsruhe, immatrikulierte sich im Mai 1900 an der Universität in Heidelberg. Zeitgleich schrieben sich auch Irma Klausner und Else von der Leyen für ein Medizinstudium in Heidelberg ein.

Nach und nach öffneten sich weitere Universitäten für Frauen, 1903 folgte Bayern, Württemberg 1904; in Sachsen war die Zulassung ab 1906 möglich. Thüringen kam 1907 hinzu, gefolgt von Preußen, Hessen und Elsaß-Lothringen 1908. Zuletzt erlaubte Mecklenburg 1909 Frauen sich einzuschreiben.

Doch der Widerstand gegen Frauen als Professorinnen oder Wissenschaftlerinnen an den Universitäten war enorm.

Die Wissenschaft ist schließlich männlich

Gelehrte Frauen machten seit je her vielen großen Denkern Angst. Schon Kant war der Ansicht, dass mühsames Lernen oder peinliches Grübeln alle „Vorzüge“ des schönen Geschlechts zerstört. Hegel war fest davon überzeugt, dass Frauen zwar gebildet sein können, aber für die „höheren Wissenschaften“ einfach nicht „gemacht“ sind. Intellekt und Tiefgründigkeit, dass schrieben die hohen Herren nur sich selbst zu, nicht jedoch den zur Oberflächlichkeit und Hysterie neigenden Frauen. So schrieb Friedrich Nietzsche:

„Oberfläche ist des Weibes Gemüt, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer. Des Mannes Gemüt aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht.“

Es gab noch viel zu tun.

Frauen-Power in den Siebzigern

Bis sich an deutschen Unis annähernd ein Bild wie heute ergab, vergingen Jahrzehnte. Bis 1967 lag der Anteil an Studentinnen gerade mal bei 24 Prozent. Heute liegt der Anteil  bei knapp 50 Prozent, in manchen Studienfächern überholen die weiblichen Studenten sogar ihre männlichen Kollegen wie zeit.de berichtet.

So waren 2018 mehr Studentinnen als Studenten in den Fächern Umweltschutz, katholische Theologie und Religionslehre sowie Raumplanung eingeschrieben. Ausgeglichen zeigt sich die Situation in Feldern wie Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften.

Überholt haben die Studentinnen ihre männlichen Kollegen mittlerweile ausgerechnet in dem Fach, mit dem der Kampf um das Studium für Frauen einst seinen Anfang genommen hat: Mittlerweile beginnen mehr Frauen als Männer mit einem Medizinstudium an den Universitäten.

Schlagwörter: