weltverbesserer Wissen Wir feiern gute Nachrichten – warum Qualitätsjournalismus so wichtig ist!

Wir feiern gute Nachrichten – warum Qualitätsjournalismus so wichtig ist!

Foto: CCo Public Domain / Unsplash - Mia-Baker

Globalisierung, Digitalisierung, Klimaveränderung – unsere Welt funktioniert immer schneller, läuft vernetzter und wird durch immer mehr Informationen immer komplizierter. Wie soll man sich in dieser Vielzahl von Informationen und Veränderungen noch zurechtfinden? Wir finden: Guter Journalismus kann Weltverbesserern dabei helfen!

Kennen wir vermutlich alle: Das Video, das jemand an uns weitergeleitet hat. Oder den Beitrag, den einer unserer Kontakte bei Facebook oder Instagram in seinem Stream teilt. Darin geht es vielleicht um Hintergründe zum aktuellen Geschehen, vielleicht sogar um einen kleinen oder großen Skandal. Aber ob das alles stimmt, das können wir in dem Moment nicht immer beurteilen.

Früher war das einfacher. Also bevor die Digitalisierung unseren Medienkonsum so extrem verändert hat, dass man schon von einem neuen Informationszeitalter sprechen kann. Damals waren klassische Medien unsere Fenster in die Welt: Fernsehen, Radio, Magazine und Zeitungen – es gab wenig Kanäle, aber dafür große Medienmarken mit relativ klarer Ausrichtung. Beispiel Tageszeitungen: Ein Text in der „Welt“ oder in der „FAZ“ war vermutlich etwas konservativer, in der „Süddeutschen Zeitung“ in der Regel eher linksliberal und in der „Bild“ mindestens skandalisierend. Man könnte sagen, dass das gesellschaftliche Informations-Koordinatensystem klar definiert war. Das hat die Orientierung erleichtert.

Vielfalt und Schnelligkeit in der Kommunikation

Heute leben wir in schnelleren Zeiten und unsere Kommunikation hat sich daran angepasst. Wir können nicht nur permanent Nachrichten konsumieren, wir sind sogar selbst zu Sendern geworden. Ob Facebook, Whatsapp, Instagram, Twitter, Wikipedia, Blogs, Tiktok oder Youtube – es gibt neue Kanäle und eine unzählbare Menge an Inhalten. Wir posten, liken, streamen, retweeten, lesen und bedienen uns dabei aus der riesigen digitalen Informationswolke, die uns umgibt.

Diese Vielfalt ist erst einmal wünschenswert. Aber sie schafft auch Verunsicherung. Wo kommt das Video zur Klimaveränderung jetzt gerade her? Was ist von den ganzen Texten zum Dieselskandal wichtig für mich? Und kann ich dieses Meinungsstück zur Corona-Pandemie ohne Bedenken weiterverbreiten?

Mittel zur Informationsverarbeitung

Das ist der Punkt, an dem Journalismus ins Spiel kommt. Denn das Sammeln und Einordnen von Informationen ist eine der Kernaufgaben der journalistischen Arbeit, die Veröffentlichung die andere. Man könnte sagen, Journalismus ist professionelle Informationsverarbeitung im Dienst des Publikums. Ein berühmtes Beispiel: Die Aufdeckung der Watergate-Affäre in den 1970er-Jahren durch zwei Reporter der „Washington Post“, die letztlich zum Rücktritt des darin verstrickten US-Präsidenten Richard Nixon führte.

Wenn Journalistinnen und Journalisten einen guten Job machen, dann werden wir unabhängiger von politischer Willkür und Desinformation durch Interessensgruppen. Das ist es, was eine offene Gesellschaft braucht. Gerade in Zeiten, in denen wir in der digitalen Informationswolke den Überblick verlieren. Und vor allem in Zeiten der Verunsicherung durch die Corona-Pandemie.

Beispiele für guten Journalismus

Und die gute Nachricht: Da draußen gibt es viele Beispiele für guten Journalismus – auch, wenn die Kriterien dafür individuell immer etwas unterschiedlich sein dürften. Denn eine einheitliche Definition von „Qualitätsjournalismus“ gibt es nicht. Klar, das Selbstverständnis der Unabhängigkeit ist grundlegend, Ethikstandards wie Sorgfalt, Wahrhaftigkeit, Achtung der Menschenwürde und der Schutz von Persönlichkeitsrechten sind es ebenso. Und richtig professionelle und ausdauernde Arbeit natürlich auch. Wie zum Beispiel das NSU-Prozess-Blog bei „Zeit Online“ über fünf Jahre Arbeit mit insgesamt 1.662 Beiträgen. Oder die hartnäckige Zusammenarbeit von „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ bei der Recherche zur sogenannten „Ibiza-Affäre“, also dem Skandal um die rechtspopulistische FPÖ im vergangenen Jahr, der letztlich zum Bruch der österreichischen Regierungskoalition führte.

Die an der Recherche beteiligten Reporterinnen und Reporter erhielten für ihre Arbeit als „Beste investigative Leistung“ kürzlich den renommierten Nannen-Preis, der „den Qualitätsjournalismus im deutschsprachigen Raum fördern und pflegen“ will. Interessant dabei: In der Kategorie „Bestes Web-Projekt“ zeichnete die Jury im gleichen Atemzug jemanden aus, der eigentlich gar kein Journalist ist und sich auch selbst nicht so bezeichnen würde. Den Preis bekam der YouTuber Rezo, dessen Faktencheck-Video „Die Zerstörung der CDU“ 2019 ein viraler Hit war und bis heute über 17 Millionen Mal aufgerufen wurde.

Wissen als Kernkompetenz

Der Qualitätsjournalismus-Preis für Rezo ist ein guter Hinweis darauf, dass guter Journalismus über die klassischen Kriterien für professionelle Arbeit hinaus andere Schwerpunkte setzen kann – oder eben sogDar an einer Ecke auftauchen kann, wo man ihn erst gar nicht erwartet hätte. Gerade lässt sich das sehr gut im Bereich des Wissenschaftsjournalismus beobachten.

Ein Beispiel dafür ist der momentan wohl prominenteste Forscher Deutschlands, Professor Christian Drosten. Der Leiter der Virologie in der Berliner Charité erklärt seit Anfang März von Montag bis Samstag in einem Podcast die wissenschaftliche Sicht auf die Corona-Pandemie. Der fast eine Stunde dauernde tägliche Nerd-Talk ist der journalistische Shooting-Star des bisherigen Jahres und prompt für den Grimme Online Award nominiert. Die Hidden Stars dabei: Der NDR und seine Wissenschaftsredakteurinnen Korinna Hennig und Anja Martini, die den Podcast konzipiert haben und gemeinsam mit ihrem Dauergast differenziert durch die komplexe Materie gehen.

In ähnlicher Mission unterwegs, aber mit ganz anderer Herangehensweise: Die Wissenschaftsjournalistin und promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim, die neben ihrer Arbeit im deutschen Fernsehen auch als eine Art Wissenschafts-Influencerin bei Youtube aktiv ist – und deren Abrufzahlen dort gerade durch die Decke gehen. Sie zeigt, dass Qualitätsjournalismus auch eine moderne Sprache sprechen kann. Seriosität ist keine Frage der Form, sondern des Inhalts.

Dialog auf Augenhöhe

Überhaupt: Guter Journalismus kann überall stattfinden und er hat viel mit einem Dialog auf Augenhöhe zu tun. Lars Fischer ist Redakteur beim Wissenschaftsmagazin „Spectrum“ und macht da gute Arbeit. Viel präsenter (oder zumindest greifbarer) ist er aber an anderer Stelle. Als @Fischblog antwortet er bei Twitter unermüdlich auf konkrete Fragen seiner fast 30.000 Follower rund um das Corona-Virus.

Und dann ist da noch ein anderer Viral-Hit, der zeigt, dass Qualitätsjournalismus nicht zwingend von klassischen Journalisten gemacht werden muss. Im März veröffentlichte der als Speaker und Buchautor arbeitende Tomas Pueyo auf Medium.com den Beitrag „The Hammer and the Dance“, eine Analyse über die Handlungsoptionen der Gesellschaft bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie (hier eine deutsche Übersetzung). Einen so gründlich recherchierten und sehr differenzierten Text, wie man ihn eigentlich von der „New York Times“ erwarten würde ­– und er hat seitdem noch mehrfach in der gleichen Qualität nachgelegt. Wie man erkennt, dass der Medium-Text vertrauenswürdig ist? Ganz einfach: Pueyo legt nicht nur seine Quellen offen, sondern reflektiert auch seine Gedanken transparent ohne Deutungsanspruch.

Verantwortungsvoller Journalismus

Ehrlich gesagt: Journalismus ist nicht mehr so, wie er vor 20 Jahren war. Da kann man natürlich manchmal nostalgisch werden, aber auf der anderen Seite ergeben sich riesige Chancen für uns Weltverbesserer, weil dadurch eine Menge guter, neuer Formen entstanden sind, die uns Orientierung geben können. Wir müssen nur verantwortungsvoll mit den vielen Angeboten der Informationswolke umgehen. Lasst uns das Ding mit gutem Journalismus rocken!