weltverbesserer Leben Das neue zwischenmenschliche Miteinander

Das neue zwischenmenschliche Miteinander

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Im Abstand zueinander sind wir gerade alle gleich. Welche gesundheitlichen Auswirkungen haben die Maßnahmen bereits jetzt und wie werden wir nach Corona miteinander umgehen? Was bleibt? Was kommt zurück? Welche Folgen haben die Lockdowns für Heranwachsende? Wir wagen eine Zukunftsprognose für das neue zwischenmenschliche Miteinander.

Das ist uns im Laufe des letzten Jahres sicher allen schon mal passiert: wir sehen in einem Film, wie sich Menschen umarmen, küssen, auswärts essen, oder reisen und erwischen uns dabei, dass wir neidisch sind? Denn diese Menschen müssen keine Masken tragen, ihre Gesichter sind offen, sie lachen, tanzen, feiern, trauern – sie führen ein ganz normales Leben. Aus heutiger Sicht ist uns dieses Miteinander, wie wir es in den Filmen sehen, lieber. Doch wer weiß – vielleicht ergeben sich neue Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich in Zukunft ebenfalls als vorteilhaft erweisen könnten. „Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können neue Möglichkeitsräume eröffnen“, sagt Trendforscher und Begründer des Frankfurter Zukunftsinstituts Matthias Horx. „Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam.“ Ein Halt, der in vielerlei Hinsicht Folgen hat.

Menschen feiern gemeinsam auf einem Festival und schmeißen bunte Farben in die Luft
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Es war einmal …

Zu den Bezeichnungen „vor Christus“, „nach Christus“, „vor unserer Zeitrechnung“, „nach unserer Zeitrechnung“, „Anno Domini“ und „Before Christ“ gesellt sich eine weitere Ausdrucksweise: Wir teilen die Zeit in „vor“ und „nach Corona“. Die aus heutiger Sicht unbeschwerte Vor-Pandemie-Zeit mag vielen bereits jetzt wie ein Traum vorkommen – so lange zurück liegt sie gefühlt. Einfach mal auf einen Kaffee gehen, auf einem Musikfestival abtanzen, eine Ausstellung besuchen oder eine Weltreise machen – gibt’s alles nicht mehr. Und das auf unbestimmte Zeit. Bis vor kurzem hätten wir so ein Szenario als billigen Science-Fiktion-Trash abgewinkt, das Buch gelangweilt zur Seite gelegt oder den TV-Sender gewechselt. Blöd in diesem Fall, dass die besten Geschichten das Leben selbst schreibt.

Gut gelaunte und schlecht gelaunte Luftballons
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Zwischen „vor“ und „nach“ ist „mittendrin“

Kann sein, dass anderthalb die Zahl des Jahrzehnts wird. Das Einzige, was gerade wichtig zu sein scheint, ist der kühle Abstand. Sogar die Kinder wissen, dass ihr Gegenüber eine potenzielle Gefahr sein könnte. Was macht „Social Distancing“ mit unserer Psyche und mit unseren Beziehungen? Nicht jede:r kommt mit dem neuen Ausnahmemodus gut zurecht. Viele Menschen vermissen es, ihre Freund:innen und Bekannte in die Arme zu schließen.

Auswirkungen der Pandemie auf die Gesundheit

Aussagekräftige Statistiken zu den psychosozialen Folgen der Corona-Pandemie sind noch nicht vorhanden. Der Trend zeigt jedoch bereits jetzt, dass viel mehr Menschen nach psychologischer Hilfe suchen als vor der Pandemie. „Die Anfragen für ein kostenloses Info-Gespräch haben sich verdoppelt“, so Farina Schurzfeld vom Online-Angebot Selfapy, das Menschen digital bei der Bewältigung von psychischen Beschwerden unterstützt.

Laut der TK sind 2020 die psychischen Diagnosen wieder gestiegen. Das interdisziplinäre Forschungsgebiet Psychoneuroimmunologie (PNI), das sich mit der Wechselwirkung der Psyche, des Nervensystems und des Immunsystems beschäftigt, warnt ebenfalls vor den gesundheitlichen Folgen von Social Distancing.

Umfragen des COVID-19 Snapshot Monitoring COSMO ergeben, dass die Gefühle der Einsamkeit über den Verlauf der Pandemie gestiegen sind. Je jünger die Befragten, desto größer die Einsamkeitsgefühle. 55 Prozent gaben an, ihre persönliche Situation momentan als belastend zu empfinden. Vor allem Menschen unter 30 Jahren (64 Prozent) fühlten sich einsam, ängstlich und angespannt.

Besonders beeinträchtigt in ihrem persönlichen Wohlergehen wegen der Kontaktbeschränkungen sind die Angehörigen der Generation Z. Das zeigt ein Vergleich der Daten des nationalen Wohlstandsindex für Deutschland (NAWI-D). Der Anteil der 14 bis 24-Jährigen, die angeben, gute soziale Kontakte zu Freunden zu haben, ist in diesem Zeitraum um zehn Prozentpunkte auf 71 Prozent zurückgegangen.

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Das Gefühl der Einsamkeit ohne das normale Miteinander

Eine negative Bilanz, was den Selbstwert und die psychische Gesundheit betrifft, zieht auch das Institut für Kommunikation. Daher leiten die Wissenschaftler Maßnahmen aus den psychologischen Folgen der Coronakrise ab. Sie empfehlen unter anderem die Stärkung von Suizidprävention oder die Einführung von Einsamkeitsmonitoring, bei dem alle, die das möchten, aktiv eingebunden und regelmäßig angerufen werden.

In der Tat sind Bindung, Berührung und Nähe für Menschen sehr wichtig. „Das Demonstrieren von Liebe oder Zuwendung aktiviert im Gegenüber die entsprechenden Spiegelneurone“, weiß Psychotherapeut Dr. Pablo Hagemeyer. Damit wir das Anti-Stress- und Bindungshormon Oxytocin hochhalten, müssen wir in diesen besonderen Zeiten noch liebevoller mit uns selbst und mit anderen umgehen. Dazu sei jede Form von Selbsttherapie gut, die mit Berührung einhergeht, weil die Haut ein wichtiges Organ zur Emotionsregulation ist, so Hagemeyer. Laut der Bindungsforschung wirken Hautkontakte beruhigend, festigt die menschliche Bindung untereinander, wirken antidepressiv und machen sogar glücklich.

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Selbsttherapie

Eine Möglichkeit von Selbsttherapie ist beispielsweise das Havening – ein neuartiges Therapieverfahren, das auf neurowissenschaftlichen Ansätzen basiert und von dem New Yorker Arzt und Neurowissenschaftler Dr. Ronald Ruden entwickelt wurde. Eine gute Übung könnte sein, die Arme zu verschränken und sich von den Schultern abwärts bis über die Oberschenkel zu streicheln. Diese gekreuzte Haltung der Hände verbindet nicht nur die linke und die rechte Hirnhälfte, sondern löst und leitet innere tiefsitzende Anspannungen aus. Ergänzen kann man das mit ein paar tiefen Atemzügen im Sitzen und bei geschlossen Augen.

Schrifzug "Bring your own Sunshine" als Symbol für ein fröhliches Miteinander
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2030: Eine Zukunftsprognose des neuen Miteinander

Nichts ist sicher, außer, dass uns Jahre voller Wandel und Innovation bevorstehen. „Echte Krisen verändern uns grundlegend und auf Dauer, entweder in Richtung Elend oder in Richtung Neuerfindung“, versichert Matthias Horx. Welche Richtung werden wir in Bezug auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und unser Miteinander einschlagen? Der ehemalige österreichische Skispringer und Skisprungtrainer Toni Innauer sagt in einem Interview, dass sich manches, was wir vor Corona als selbstverständlich betrachtet haben, in Zukunft ganz besonders anfühlen wird. Und das sei gut so, denn alles, was man zurückgewinnt, in unserem Gehirn zu Dopaminausschüttungen führt. „Wenn die Erwartungen gedämpft sind, tut es den Menschen gut und die Freude ist viel größer“, schmunzelt Innauer.

Händeschütteln war und bleibt gestern

Konkrete Zahlen, wie unser Verhalten nach der Pandemie aussehen könnte, liefert eine Umfrage des Forschungsinstituts Kantar im Auftrag von Chrismon-Magazin: Auf die Frage, an welcher Corona-Gewohnheit die Menschen nach der Pandemie höchstwahrscheinlich festhalten werden, antworten ganze 62 Prozent, dass sie in Zukunft lieber freundlich grüßen wollen, statt die Hand zu geben. Das neue Miteinander wird hierbei also weniger kontaktfreudig. Spieleabende mit der Familie veranstalten möchten weiterhin 56 Prozent, während nur 27 Prozent an der Idee Gefallen finden, Videokonferenzen abzuhalten, statt sich persönlich zu treffen.

Pessimismus oder Optimismus?

Die Szenarien der Trend- und Zukunftsforschung reichen von rabenschwarz pessimistisch bis zu rosarot optimistisch. Das Zukunftsinstitut hat dazu ein ausführliches White Paper veröffentlicht. Demnach drohen uns im schlimmsten Fall totale Isolation, die Bildung einer Ellbogengesellschaft und Trennung auf staatlicher Ebene, warnt Zukunftsforscher Tristan Horx. In so einer „super safe society“ könnte es normal sein, grundsätzlich negativ zu denken, misstrauisch zu sein und beim Daten erst mal Gesundheitsdaten auszutauschen. Damit das nicht passiert, sollten wir Ängste in produktive Energie kanalisieren.

Wenn es uns nämlich gelingt, uns zu adaptieren, können wir von der Krise lernen und sie als tolle Chance nutzen. So zum Beispiel bei der Digitalisierung. Statt uns über die schnellere Digitalisierung zu beschweren, könnten wir sie smart als neue Art der Kommunikation verwenden.

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Zukunftsforscher Professor Horst Opaschowski, auch „Mr. Zukunft“ genannt, beschreibt einen optimistischen Ausgang aus der Krise so: „Einen kühlen Kopf bewahren und sich darauf besinnen, was wirklich wichtig im Leben ist. Gesundheit. Sicherheit. Geborgenheit.“ Moderat und zögernd könnten wir sein, mehr bewusst erleben. Beziehungen zu Familie, Freunden und Nachbarn könnten als eine Art Lebensversicherung wiederentdeckt werden. Opaschowski ist überzeugt, dass die Gesellschaft gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird.

Ein neues und achtsames Mindset

Tristan Horx ruft auf, bei sich selbst anzufangen, statt sich Gedanken über das große Ganze zu machen. Dazu braucht es Mut und Resilienz. Beides kann man entwickeln, meint er. Den Schlüssel für ein zukunftsfähiges Mindset sieht der Forscher in der Genügsamkeit: „Besser statt mehr“, lautet seine Devise. Er ist der Ansicht, dass enge soziale Netzwerke, bei denen die Qualität vor der Quantität steht, immer wichtiger sein werden.

Alle Trendforscher sind sich einig, dass Achtsamkeit eine immer größere Rolle spielen wird. Wir sollten das Leben mit all seinen Hindernissen lieben und leben. Erkennen lernen, wer und was uns im Leben wirklich wichtig ist. Für die meisten von uns ist es letztendlich doch das Miteinander. Sozialer Halt stärkt und macht resilient. Bleiben wir optimistisch, dann bleiben wir gesund, so Tristan Horx.

Ja, im Abstand sind wir gerade alle gleich. Aber auch in der Möglichkeit, menschlich zu bleiben und unsere neuen zwischenmenschlichen Beziehungen bewusst zu gestalten. Es ist erfrischend zu wissen, dass die Wahl bei uns liegt. Als Weltverbesserer denken wir optimistisch und glauben daran, gestärkt aus der Krise zu kommen. Denn wer weiß schon, was die Zukunft noch bereithält. Veränderungen gehören zum Leben dazu und eine positive Einstellung zu Veränderungen tut langfristig auch unserer Gesundheit gut.