weltverbesserer Leben „Das brauche ich nicht“ – Interview über den Weg zu mehr Konsumgelassenheit

„Das brauche ich nicht“ – Interview über den Weg zu mehr Konsumgelassenheit

Foto: tolgart / istock.com

Wir alle kaufen ständig neue Dinge. Hier ein Shirt, da ein paar neue Sneaker – und wer kein brandaktuelles Handy hat, der ist raus oder wie? Wie wir gelassener mit Konsum umgehen und es öfter schaffen können“das brauche ich nicht“ zu sagen, verrät Autorin Dr. Ines Maria Eckermann im Interview.

In Ihrem Buch „Ich brauche nicht mehr“ erklärt Dr. Ines Maria Eckermann unter anderem, woher die Gier nach neuen Dingen kommt und was das mit uns macht. Sie gibt außerdem Tipps wie wir es schaffen können, davon Abstand zu nehmen immer mehr zu kaufen und öfter mal „das brauche ich nicht mehr“ zu sagen. Darüber wollten wir mehr wissen und haben mit ihr gesprochen.

Du befasst dich mit dem Thema Konsumgelassenheit – was bedeutet das genau?

Konsumgelassenheit ist entfernt mit dem Minimalismus verwandt, der oft mit radikalem Ausmisten und Entrümpeln verbunden ist. Die Konsumgelassenheit beugt vor, dass wir irgendwann entrümpeln müssen. Denn wer dem Konsum, den Versprechungen von Werbung und Marketing gelassen gegenübersteht, der verliert irgendwann den Impuls und den Drang, Dinge zu kaufen, die irgendwann aus der Mode kommen, schnell kaputtgehen oder aus anderen Gründen schnell ausgemistet würden.  Die Konsumgelassenheit ist also, wenn man so will, der auf unser Kaufverhalten bezogene Teil des Minimalismus. Wenn wir Konsum-gelassen bleiben, lernen wir, was wir wirklich brauchen – und was wir eigentlich gar nicht wollen.

Der Unterschied zum Minimalismus liegt vor allem darin, dass dieser oft als Leben mit leeren Schränken und kahlen Wänden missverstanden wird. Das könnte unter anderem daran liegen, dass Minimalismus auch ein Kunst- und Architekturstil ist, der sehr reduziert auf das Wesentliche ist. So lässt der Minimalismus leider bei einigen Wenigen den Wunsch aufkommen, klare Regeln haben zu wollen. Deshalb habe ich mich beim Prinzip der Konsumgelassenheit bewusst gegen die Endung auf -ismus entschieden. Ich würde mir wünschen, dass wir uns alle ein bisschen entspannen.

Viele Menschen haben Kleidung im Schrank, die sie nie tragen
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In deinem Buch „Ich brauche nicht mehr“ schreibst du, dass schon die alten Griechen wussten, dass Konsum alleine nicht glücklich macht. Was macht uns glücklich?

Das hängt sehr davon ab, welchen der alten Griechen oder modernen Philosoph:innen man so fragt. Aristoteles zum Beispiel hat sich einen Glücksbegriff überlegt, der einige Voraussetzungen hat: aus einer guten Familie muss man kommen, genügend Geld haben, gesund und fit sein – und idealerweise auch ein Mann sein. Erst wenn man diese Voraussetzungen erfüllt hat, kann man an seinem Glück arbeiten.

Die Stoiker waren dagegen sehr viel liberaler. Das lag unter anderem auch daran, dass zu ihnen nicht nur freigelassene Sklaven, sondern auch Frauen gehörten, was für die Antike durchaus ungewöhnlich war.

Die Stoiker waren überzeugt, dass Glück eine ausgeglichene Psyche ist. Sie nannten es die Seelenruhe. Heute kennen wir ja noch den Begriff der stoischen Ruhe. Damit ist gemeint, dass sich die Stoiker nicht von äußeren Umständen, von schlecht gelaunten Partner:innen oder anderen Autofahrer:innen stressen lassen. Sie analysieren die Situation rational und entscheiden sich dazu, sich nicht aufzuregen – denn das macht die Situation meist nur schlimmer. In vielen antiken Theorien macht uns also vor allem unsere Lebenseinstellung glücklich. Das ist im Prinzip sogar bei denen so, für die Glück im Genuss liegt – denn auch das kann ja eine Lebenseinstellung sein.

In Zeiten von Corona und Abstand trösten sich viele Menschen mit Online-Shopping. Doch wenn das alleine nicht glücklich macht, was hilft dann froh zu bleiben?

Zu Sale-Zeiten kauft man häufig Dinge, die man eigentlich gar nicht braucht
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Wenn einen nur das Shoppen trösten kann, kann die Frage helfen, was das Einkaufen für eine Funktion hat: Wieso möchte ich das besitzen? Möchte ich es wirklich haben, weil es mir einen Mehrwert in der Anwendung bringt? Oder weil ich jemanden beeindrucken will? Weil ich mich beschenkt fühlen möchte? Weil jemand anders das auch hat? Und dann kann man sich fragen, ob auch etwas anderes jenseits des Konsums diese Funktion erfüllen kann.

Was uns froh macht, ist generell recht unterschiedlich. Viele Menschen berichten, dass Sport eine positive Wirkung auf ihr Wohlbefinden hat. Doch wenn man nicht gerne joggen geht, kann man sich nach etwas umschauen, was es sonst noch gibt, was man gerne macht. Froh machen uns Handlungen, bei denen wir uns als Herr:in der Lage fühlen. Das ist oft vor allem in kreativen Prozessen so. Das beschreibt auch das Phänomen des Flows, wenn man ganz in einer Handlung aufgeht und alles um sich herum vergisst. Solche Momente können uns sehr froh machen.

Zudem zeigen Studien immer wieder, dass es vor allem unsere Mitmenschen sind, die für unser Glück wichtig sind. Besonders Telefonieren kann helfen: Denn wenn wir die Stimme eines geliebten Menschen hören, sinkt der Spiegel der Stresshormone in unserem Blut und das oft auch als Kuschelhormon bezeichnete Hormon Oxytocin wird ausgeschüttet. Dann fühlen wir uns wohl und weniger allein. Gerade in diesem Jahr sollten wir näher zusammenrücken – und das geht auch über Videochat oder eben ganz altmodisch übers Telefon.

Die heutige Gesellschaft kauft mehr denn je. Auch Pleonexia, also das Gefühl immer mehr haben zu wollen und die Sucht nach Neuem, lässt uns Dinge in den Warenkorb packen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Was kann man tun, wenn man feststellt, dass der eigene Konsum in eine Sucht ausartet?

Es gibt im Internet verschiedene seriöse Selbsttests, die einen ersten Anhaltspunkt liefern können, ob das eigene Kaufverhalten noch im Rahmen ist oder schon bedenklich geworden ist. Doch wie jede Sucht gehört auch die Kaufsucht in die Hände von Expert:innen. Wer sich als gefährdet oder betroffen erlebt, kann bei Beratungsstellen oder Therapeut:innen Hilfe finden.

Eines der deutlichsten Merkmale ist, wie bei jeder Sucht, der Kontrollverlust: Kaufsüchtige Menschen können nicht mehr aktiv entscheiden, ob sie etwas kaufen möchten oder eben nicht – sie müssen kaufen, weil die Sucht sie dazu drängt.

Noch bevor Konsum zur Sucht wird, hilft es, sich ab und zu zu fragen, warum man etwas haben möchte. Also was wirklich hinter dem Produkt steht, das wir in unser Leben bringen wollen: Soll das Make-up uns das Gefühl geben, dass wir schöner sind? Wollen wir mit dem Auto zeigen, dass wir mehr Geld haben, als der Nachbar? Oder werden wir tatsächlich lange Freude an der Staffelei oder dem neuen Fahrrad haben? Auch das ist ja möglich.

Und wenn Shopping die einzige Freizeitbeschäftigung ist, die man mit seinen Freund:innen gemeinsam hat, könnte man ja mal überlegen, ob nicht auch was anderes Spaß machen könnte, als bei Fast-Fashion-Anbietern Billigmode in Papiertüten zu laden. Gerade während der Corona-Zeit bieten sich neue Ideen an, etwa virtuell miteinander zu spielen oder an Drawing-Challenges teilzunehmen, bei denen sich alle Teilnehmenden eine Zeichnung zum selben Begriff überlegen.  

Menschen, die sich Kataloge anschauen, kaufen auch
Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Micheile Henderson

FOMO, sprich die Angst, etwas zu verpassen spielt bei Konsum eine wichtige Rolle. Welchen Rat hast Du, um gelassener mit dieser Angst umzugehen? 

Als Philosophin neige ich dazu, immer das Denken zu empfehlen. Denn auch hier kann es helfen, sich ein paar Gedanken zu machen und etwas abzuwägen: Wenn ich Angst habe, die tolle Party zu verpassen, warum zweifele ich dann daran, hinzugehen? Wenn ich beispielsweise keine Lust habe eine Stunde mit der Bahn alleine nach Hause zu fahren, dann muss ich mich fragen, ob die Party diesen Rückweg wirklich wert ist.

Und manchmal müssen wir auch einfach mal einen Blick auf unsere Ressourcen werfen: Mit 18, 19 oder Mitte zwanzig können viele Menschen noch locker auf drei Partys pro Woche tanzen. Mit Mitte dreißig wird die Badewanne nach einer langen Woche immer attraktiver. Und warum auch nicht? Unser Körper und unser Geist brauchen regelmäßige Entspannung – und die dürfen wir ihnen gerne ab und zu gönnen. Ganz ohne schlechtes Gewissen, weil wir womöglich etwas verpassen. Denn wie viel Spaß hätten wir wohl, völlig übermüdet in einem Club zu stehen und nur noch ins Bett zu wollen? Kurz: Wenn es kein klares Ja ist, dann ist es meist ein Nein.

Was zudem gegen FOMO hilft, ist vor allem eins: Älter werden. Denn mit jedem Lebensjahr haben wir mehr erlebt und können zum einen besser einschätzen, was sich wirklich lohnt und was wir wirklich gerne machen. Zum anderen können wir hoffentlich schon auf viele schöne Erlebnisse zurückblicken, dass wir gar nicht mehr einen derart extremen Drang nach Erlebnissen versprühen wie in jüngeren Jahren.

Deshalb möchte ich gerade momentan Menschen jenseits der 30 dazu ermuntern, etwas Verständnis für Jugendliche zu haben, denen der Verzicht auf Partys und soziale Kontakte schwerfällt. Denn sogar Statistiken zeigen, dass FOMO bei ihnen viel stärker ist als bei etwas älteren Menschen.

Autorin Dr. Ines Maria Eckermann
Foto: Dieter Hüsten

Du hast selbst gelernt gelassener zu konsumieren. Wie lernt man sich an JOMO ( Joy Of Missing Out), also weniger Dingen zu erfreuen?

Da ich eine Zeit lang häufiger umgezogen bin und auch einige Zeit im Ausland gelebt habe, musste ich mich immer wieder bewusst mit all dem Zeug auseinandersetzen, das ich über die Zeit angesammelt habe. Wenn man alles in Kisten und Tüten verpackt, muss man alles mindestens einmal in die Hand nehmen. Und bei einem Umzug fiel mir irgendwann auf, dass ich das meiste gar nicht brauche.

Seither gehe ich regelmäßig durch, was sich in mein Leben geschlichen hat und jemand anderem viel bessere Dienste leisten würde als mir. Meist finde ich dann schnell ein neues Zuhause für das entsprechende Ding. Ich genieße es sehr, mit weniger Dingen zu leben – auch wenn ich weit von einer kahlen Wohnung entfernt bin.

Die JOMO bezieht sich aber nicht nur auf Dinge, sondern vor allem auch auf unsere Handlungen. Während des Studiums habe ich beispielsweise viel gefeiert und habe in einer fast schon überbevölkerten WG mit vielen Gästen gewohnt. Es war ständig etwas los. Für ein paar Jahre war das sehr schön, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es ganz erholsam sein kann, wenn man ab und zu auch mal eine Party verpasst und stattdessen etwas völlig Unspektakuläres macht wie schlafen, joggen oder – jetzt wird’s abgefahren – lernen. Manchmal können gerade die entspannten Momente sehr wichtig sein, damit wir Zeit haben, uns von all dem Trubel des Alltags zu erholen. Oder um uns zu fragen, warum unser Leben momentan so aussieht, wie es aussieht.

Gerade während der Corona-Zeit kann es guttun, sich mal zu fragen, ob wir nicht vielleicht sogar dankbar sind, dass wir manches verpassen: das Pendeln zur Arbeit, überfüllte U-Bahnen oder dass unser Knoblauch-Atmen nach den Tapas vom Vorabend dem Kassierer entgegenschlägt. Wenn wir mal drüber nachdenken, finden wir sicher auch an der aktuellen Situation etwas, für das wir dankbar sein können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Ines Maria Eckermann promovierte in Philosophie über die Aktualität antiker Glückstheorien. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin und gibt in Workshops und Vorträgen ihr Wissen zu den Themen Selbstwirksamkeit, Glück und Achtsamkeit weiter.