weltverbesserer Machen Beate Rotermund-Uhse: mit Geschäftssinn gegen Tabus

Beate Rotermund-Uhse: mit Geschäftssinn gegen Tabus

Foto: CC0 Public Domain / wikipedia - Hans-Jürgen Uhse AlexMax / istock.com

Vor 25 Jahren wurden Pornofilme oft noch verschämt in „neutralen“ Verpackungen nach Hause getragen. Beate Uhse war eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen im Nachkriegsdeutschland. Sie brach zahlreiche Tabus und zog gegen die Prüderie der Gesellschaft in den 1950er und 60er Jahren in den Kampf. Ihr Name ist bis heute Markenzeichen und Synonym für Sexshops, Pornofilmchen und die sexuelle Befreiung in deutschen Haushalten.

Heute liefern zahlreiche Internetplattformen fast jede gewünschte Art von Sexfilmen auf einen Klick. Das Image von Pornos hat sich gewandelt, was sicher auch an der einfacheren Verfügbarkeit liegt. Das Angebot wird ausgiebig genutzt, so verzeichnet das Portal Pornhub 2019 beispielsweise 115 Millionen Besuche täglich, mehr als 6,8 Millionen Videos wurden in diesem Jahr hochgeladen. Die Generation der unter 18 bis 24-Jährigen hat allerdings ein anderes „Steckenpferd“, hier sind Live Cams die beliebteste Form von Pornographie.

Vor rund 80 Jahren war dies freilich noch ganz anders. Deutschland war prüde, über Sex sprach man, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand. Aufklärung über (weibliche) sexuelle Bedürfnisse und Verhütung gab es kaum, die Ehe galt als Ziel und Erfüllung im Privatleben. Die sexuelle Revolution begann in den 1950er mit der Entwicklung wirksamer Medikamente gegen Syphilis und der Antibabypille, die mehr Freizügigkeit, mehr Selbstbestimmung und mehr Lust außerhalb der Ehe erlaubten. Und sie begann mit einem Namen, der in Deutschland bis heute für Erotikartikel, Pornos und Aufklärung steht: Beate Uhse.

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Von Beginn an eine ungewöhnliche Frau

Das Leben von Beate Uhse verlief von Beginn an für diese Zeit mehr als unüblich. Ihre Mutter war eine der ersten Ärztinnen Deutschlands, entsprechend ermöglichte sie auch der jungen Beate, ihre Träume zu verwirklichen und Pilotin zu werden. Im zweiten Weltkrieg war sie als Kampfpilotin für die Wehrmacht im Einsatz und geriet in britische Gefangenschaft. Nach Kriegsende flüchtete sie mit ihrem Sohn nach Schleswig-Holstein.

Durch den Krieg verwitwet, verwaist und völlig mittellos widersetzte sie sich weiter allen Konventionen und verfasste 1947 die „Schrift X“, ein kleines Büchlein über Verhütungsmethoden und den weiblichen Zyklus. Diese diente als Werbematerial und war die Basis für Beate Uhses Geschäftsidee: den Handel mit Verhütungsmitteln und „Hygieneartikeln“.

Feminismus, Tabus und Geschäfte

Für sie mag es eine reine Werbestrategie gewesen sein, doch das Büchlein von Beate Uhse war trotzdem revolutionär. Für Frauen bedeutete es die Möglichkeit, Sex und Empfängnis voneinander zu trennen und damit die Befreiung aus traditionellen Rollenbildern hin zu mehr Selbstbestimmung. Frauen erhielten das Bestimmungsrecht über den eigenen Körper. Weibliche Lust, bis dahin ein eher wenig beachtetes Thema, wurde dank Beate Uhse ein wichtiges Element der sexuellen Revolution in Deutschland. In den Katalogen ihres Erotikhandels schrieb Uhse ihr Vorhaben unter anderem so, sie würde „für das Glück der Frauen und den Erhalt der Ehe werben“.

Uhses Geschäftsidee stieß freilich nicht überall auf Gegenliebe. Rund 400 Verfahren leitete die Justiz gegen den Erotikhandel ein, meist wegen „Anstiftung zur Unzucht“, einem Paragrafen der aus dem Jahr 1919 stammte. Die Prozesse hatten, dank der Hartnäckigkeit der „Erotikkönigin“, jedoch eher einen gegenteiligen Effekt. Statt sich einschüchtern zu lassen, nutze Beate Uhse ihre Auftritte vor Gericht, um Werbung in eigener Sache zu machen. Ihr Kampf gegen die Justiz wurde zum Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen. So erstritt sie vor Gericht das Recht, Dildos verkaufen zu dürfen und sagte über den Prozess, hier stünde „der Orgasmus der Frau vor Gericht“.

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Sexshops und Pornofilme

1962 eröffnete Beate Uhse in einer eher bürgerlichen Nachbarschaft in Flensburg den ersten Sexshop weltweit. Der als „Versand für Ehehygiene“ bezeichnete Laden verkaufte Kondome, Reizwäsche, angebliche Potenzmittel, Cremes und Bücher über Sex. Mit den Läden setzte Uhse einen weiteren Schritt gegen die Verklemmtheit der Nachkriegszeit, Sex und Erotik wurden, zumindest im Ansatz im alltäglichen Straßenbild sichtbar. Für Frauen waren die Sexshops auch eine Möglichkeit, sich auszutauschen und zu sexuellen und Ehethemen beraten zu lassen. Die Beratung war Teil der Kundenbindungsstrategie von Beate Uhse und sorgte dafür, dass solche Fragen und Probleme nicht mehr nur daheim im stillen Kämmerlein diskutiert werden mussten.

1975 fiel schließlich das Verbot der Pornografie für Erwachsene und Deutschland und die Geschäftsfrau Uhse witterte eine weitere Chance. Sie begann, Pornofilme zu drehen und über ihre Shops und den Versandhandel zu vertreiben. Wieder war sie eine der ersten, die Pornos in die deutschen Haushalte brachte und damit ein Tabu brach. Die Sexfilme waren allerdings nach dem Geschmack der hauptsächlich männlichen Käufer ausgerichtet und voller Gewalt gegen Frauen, was ihr harsche Kritik von Feministinnen eintrug. Uhse erwiderte darauf, sie sei Unternehmerin und produziere, was der (männliche) Markt verlange.

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Aufklärerin der Nation und Unternehmerpionierin

Beate Uhse hat in deutschen Schlafzimmern seit den 1950er Jahren vieles verändert. Sie brach mit Tabus, ließ sich von ihrer prüden Umwelt nicht beirren und setzte ihre Idee vom gewinnbringenden Erotikhandel gegen alle Widerstände um. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Sexspielzeug heute als normal angesehen und Frauen wie Männern ein „Recht auf Orgasmus“ zugestanden wird. Ohne ihre Beharrlichkeit wären Sex und Lust wohl weit seltener als Inhalte in den Massenmedien des 20. Jahrhunderts aufgetaucht. Und selbst, wenn all dies aus unternehmerischem Kalkül geschehen sein sollte, war Beate Uhse eine Pionierin, die bewiesen hat, dass auch Frauen trotz Kindern und Familie ein Geschäftsimperium aufbauen können.

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