Weiter machen, größer werden, stärker werden, Klimakrise abwenden.

Als Clara Mayer von Fridays for Future sich ihrem ersten Streik anschließen wollte, hat ihr der Rektor noch mit einer Sechs gedroht. Inzwischen hat sie ihr Abitur in der Tasche und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus. Fürs Klima setzt sie sich selbstverständlich weiter ein. Und wie! Dem VW Vorstand hat sie auf der Jahreshauptversammlung den Kopf gewaschen und bei Markus Lanz dem TUI Chef die Stirn geboten. Wir haben mit ihr über den Kampf gegen die Klimakrise gesprochen und gefragt: Wie verliert man dabei nicht den Mut? 

  1. Am 20. September 2019 wurde weltweit gestreikt. Du warst in Berlin hautnah dabei, wie war es?

    Ich war überwältigt. Ich stand als eine der Organisator*innen bei der Bühne vor dem Brandenburger Tor und mir flüsterte jemand zu: „Ey Clara, wir sind über 100.000!“ Wir lagen uns in den Armen und haben vor Glück getanzt. Wir haben da eine Menschheit, eine Gesellschaft auf die Straßen gebracht.
     
  2. Noch während der Demo wurde auch das Klimapaket der Bundesregierung bekannt, wie habt ihr darauf reagiert? 

    Mein Herz ist mir von hoch über den Wolken, bis ganz tief zu den Füßen gesunken. Das war ein schockierender Moment. Wir haben weltweit unglaublich viele Menschen auf die Straße geholt – allein in Deutschland insgesamt fast 1,5 Millionen – und die Politik hat eigentlich nichts getan. Das ist ein Affront gegen alle, die mit uns gestreikt haben. Es ist ein Affront gegen die Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten vor den Folgen des Klimawandels warnen, welche wir jetzt live miterleben. Und die Regierung kümmert sich nicht konsequent um diese Krise. Sie kommt ihrer Verantwortung nicht nach, ihre Bürger zu beschützen. Und das ist hart.

  3. Gab es für dich eine Art Heureka-Moment, bei dem du gesagt hast, jetzt gehe ich auf die Straße?

    Ich habe eine Freundin, die versucht hat, plastikfrei zu leben. Und zwar komplett. Das hat mich absolut beeindruckt. Ich habe dann angefangen, Aspekte davon auch in mein Leben einzubauen. Irgendwann ist mir klar geworden: Ich habe hier meine Bambuszahnbürste, aber die großen Firmen, die sind ja immer noch komplett außen vor. Dabei wird die Klimakrise genau von denen verursacht. Die Klimakrise existiert nicht wegen der Oma, die mit dem Auto zum Supermarkt fährt. Natürlich lohnt es sich, umweltfreundlicher zu leben. Aber viel wichtiger ist es, dass die Industrie ihre Produktionsweisen komplett ändert. Ansonsten ist das so, als würde man, wenn die Badewanne überläuft, den Wischmop holen, bevor man den Hahn zu dreht. Die Krise existiert, weil die großen Unternehmen die Umwelt zerstören und nicht, weil du manchmal ein Schnitzel isst.  

  4. Wie überzeugt man Leute davon, dass der Klimaschutz wichtig ist?

    Wir können einen harten Klimaleugner nicht von heute auf morgen zu einem Greenpeace-Aktivisten machen. Aber wir können den Menschen die direkte Verbindung zwischen der Klimakrise und ihnen selbst zeigen. Ein gutes Beispiel ist die Tatsache, dass die Umweltkrise zugleich auch eine Gesundheitskrise ist. Das ist eine ganz neue Perspektive, die Leute überzeugen kann. Sie merken auf einmal, dass Mikroplastik auch im Körper ihrer Kinder ist und lesen jedes Jahr, dass die Zahl der Hitzetoten nach oben geht. Oder fangen wir woanders an: Die Bierpreise werden wegen der Ernteausfälle steigen. Stereotypisch sollte doch schon jeder Deutsche allein deswegen auf die Straße gehen. 
     
  5. Hast du einen Tipp, wie wir alle jeden Tag einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können?

    Ich würde drei Tipps geben. Nr. 1: Wenn ihr euer Geld investiert, dann in nachhaltige Konzepte. Nicht in die Großindustrie und die Umweltverschmutzer. Nr. 2: redet! Redet über die Klimakrise. Seid laut und seid stark. Die Klimakrise existiert. Lasst uns was machen. Und Nr. 3: Geht auf die Straße. Politiker können abgewählt werden, wenn sie Murks machen. Also sollte man denen zeigen, wir wählen euch nicht mehr, wenn ihr so weiter macht.
     
  6. Momentan hat man das Gefühl, der ganze Klimaschutz hängt an den Fridays for Future-Protesten. Ist Jugendlichen und Schülern so eine Verantwortung zumutbar? 

    Aber natürlich. Ich traue das den Jugendlichen komplett zu. Ich habe gesehen, was sie leisten. Ganz wichtig ist zu verstehen, dass dies kein Generationskonflikt ist. Wir sind nicht die Kids, die die Welt retten müssen. Wir haben die Leute nur aufgeweckt. Jetzt braucht es die ganze Menschheit, um das gemeinsam zu stemmen.
     
  7. Wie verliert man nicht den Mut?

    Ich glaube, die bessere Frage lautet: Wieso hören wir nicht auf zu streiken? Und die Antwort ist eindeutig: Weil nichts gegen die Klimakrise zu tun, noch viel schlimmer wäre. In manchen Momenten bin ich mutlos, aber nur rumsitzen ändert nichts. Darum bleibe ich nicht zu Hause. Es gibt nur einen Weg, um was zu ändern: Weiter machen, größer werden, stärker werden, Klimakrise abwenden. 
     
  8. Was nützen Einzelaktionen wie das Verbieten von Plastiktüten oder Strohhalmen?

    Ich nenne das Akupunkturpolitik. Und ich habe manchmal das Gefühl, so was richtet auch viel Schaden an, weil es nur so aussieht, als ob sich was bewegt. Ich habe mal mit Fritz Joussen, dem CEO von TUI, diskutiert und er meinte, für die neue und umweltbewusste Klientel auf Kreuzfahrtschiffen, verzichten sie jetzt auf Strohhalme. Da habe ich gesagt: Entschuldigung, die Strohhalme auf Ihrem Schiff sind nicht das Problem, sondern die Kreuzfahrtschiffe selbst sind das Problem. Die produzieren diese unvorstellbare Menge an Emissionen und Giftstoffen.
     
  9. Wird Politik heute auf der Straße gemacht?

    Politik wurde schon immer auf der Straße gemacht. Die Gleichberechtigung von Frauen, die Stonewall Proteste, die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Das wurde alles auf der Straße durchgesetzt und jetzt stellt sich niemand mehr hin und möchte das Frauenwahlrecht abschaffen. Und in genau so einem sozialen Umschwung befinden wir uns heute. Damit das klappt, brauchen wir die ganze Gesellschaft. Nur durch Solidarität können wir erkennen, dass diese Krise das ist, was wir jetzt bewältigen müssen. Um eine friedliche, sichere und lebenswerte Erde zu erhalten.

 

Stephan Phin Spielhoff hat mit Clara Mayer gesprochen.

Foto: © Finn Letzner



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