Überall und ständig wird vorm Klimawandel gewarnt. Stumpfen wir dadurch ab und gewöhnen uns an die Gefahr?

Birgit Schneider, Professorin für Medienökologie an der Uni Potsdam, ist sich sicher: Es braucht eine andere Darstellung des Klimawandels, eine Herangehensweise zwischen der optimistischen Erwartungshaltung, dass die Technik uns retten wird und dem pessimistischen Warten auf die Apokalypse. Dabei fehlt noch ein smartes Narrativ: „Es ist falsch über Flugscham zu reden.“, sagt Birgit Schneider. Denn jeder allein kann diese Verantwortung nicht tragen. Vielmehr müssen wir begreifen, dass wir die Rettungsmittel, die wir brauchen, schon längst besitzen. Was sie damit meint? „ Stellt euch eine Stadt vor, in der alle Parkplätze in Parkanlagen umgewandelt wurden.“ Also Frau Professor Schneider: Wie müssen wir über das Klima reden, um es zu schützen?

 

© Iris Janke
  1. Die Art und Weise, wie wir heute das Klima darstellen, hat mit einem Vulkanausbruch begonnen. Können Sie das erklären?
    Vor gut 200 Jahren gab es in Europa einen drastischen Kälteeinbruch mitten im Sommer und niemand wusste, warum. Alexander von Humboldt hat das zum Anstoß genommen, um zum ersten Mal alle verfügbaren Wetterdaten zu sammeln und grafisch darzustellen. Es war der erste Versuch, das Klima zu visualisieren und dadurch wissenschaftlich greifbar zu machen. Ohne diese Forschung und Darstellung hätten wir heute keinen Begriff vom Klimawandel. Wir wüssten nicht, was uns gerade passiert. Der eigentliche Grund für den Wetterumschwung war damals übrigens wahrscheinlich ein Vulkanausbruch auf der Südhalbkugel.
     
  2. Es wird immer gesagt, Wetter können wir sehen und Klima nicht. Stimmt das?
    Richtig, das wird gesagt. Aber eigentlich sind fast alle Wetterphänomene unsichtbar. Wind sehen wir nur, wenn sich die Zweige bewegen. Hitze können wir nicht sehen, Luftdruck auch nicht. Das gilt natürlich genauso für das Klima. Denn Klima ist die Statistik des Wetters über einen längeren Zeitraum. Also der Durchschnitt von wahrscheinlichen Wetterereignissen in einer bestimmten Jahreszeit an einem bestimmten Ort. Inzwischen muss ich aber sagen, dass wir über diese Frage neu nachdenken sollten. Denn Wetter und Klima werden auf eine bestimmte Weise immer sichtbarer. Das ist jetzt der zweite Sommer, der auch hier in Deutschland sehr trocken war. Da gibt es plötzlich eine neue Fühlbarkeit, die der Klimawandel hervorruft. Wenn wir mit offenen Augen durch die Stadt gehen, sehen wir an den Bäumen, was es heißt, zu wenig Wasser zu haben. Das rückt einem anders auf den Leib, als noch vor zehn Jahren.
     
  3. Warum halten Sie den Begriff Klimawandel für falsch?
    Ich sage selbst noch Klimawandel, obwohl ich weiß, wie schwierig dieses Wort ist. Wandel, das klingt nach gleichmäßiger Steigerung. Aber eigentlich ist das, was wir jetzt erleben, eine Wetter-Chaotisierung. Es stimmt eben nicht, dass es überall ein Grad wärmer wird und überall der Meeresspiegel um 30 Zentimeter steigt. In manchen Regionen wird es wahrscheinlich um 3 Grad, 5 Grad, oder sogar 8 Grad heißer. Und das ist einem Großteil der Bevölkerung, aufgrund der Art und Weise wie wir momentan über das Klima reden, überhaupt nicht klar. 
     
  4. Überall wird jetzt vor der Klimakrise gewarnt. Ist es möglich, dass wir uns an die „Apokalypse“ gewöhnen? 
    Wir, in unserem christlichen Kulturkreis, sind von Natur aus schon längst an die Apokalypse gewöhnt. Neben der biblischen Endzeit gibt es unzählige Erzählungen, die das Ende der Menschheit in den Fokus rücken. Auf der anderen Seite haben wir diese technofixe Idee, dass die Technik uns retten wird. Das sind die zwei Zukunftsvisionen, die wir momentan haben. Aber sie reichen nicht aus. Wir benötigen eine „Grüne Erzählung“. Eine Geschichte, die weder Untergang noch Science-Fiction ist. Ein Weg, durch den wir die Probleme, die wir haben, mit den Mitteln lösen, die uns schon jetzt zur Verfügung stehen. 
     
  5. Wie könnte eine solche „Grüne Erzählung“ aussehen? 
    Stellt Euch eine Stadt vor, in der alle Parkplätze in Parkanlagen umgewandelt wurden. Ein radikaler Entwurf für eine grüne Stadt. Die Fridays for Future-Aktivisten entwerfen genauso eine Narration. Wenn sie über die Zukunft reden, reden sie auch von Gemeinschaft und Solidarität. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass es besser für alle wäre, wenn man den natürlichen Abläufen mehr Platz gäbe. Ein Ansatz wäre beispielsweise, in der Landwirtschaft für mehr Artenvielfalt zu sorgen, statt Monokulturen weiter auszubauen. Es handelt sich also um einen Rückschritt, bei dem der Natur erlaubt wird, sich kulturellen Raum zurückzuerobern. Das ist keine technologische Lösung und trotzdem ein Weg raus aus der Klimakatastrophe. 
     
  6. Sie fordern mehr Ästhetik in der Klimadebatte, können Sie das erklären?
    Umgangssprachlich meint Ästhetisierung eine Beschönigung. Das meine ich aber nicht. Ästhetik ist die Lehre der Sinne und bezieht sich auf alles, was den Sinnen zugänglich ist. Datengrafiken können genau das leisten. Sie machen den Klimawandel wahrnehmbar. Es geht nicht darum, etwas hübsch zu machen. Sondern darum, dass man Daten, die ja immer als abstrakte Listen anfangen, in eine Form übersetzt, die leichter zu verstehen ist. Überhaupt glaube ich, dass viel mehr Künstler und Kreative zu Wort kommen müssen. Sie können fühlbar machen, was die nackten Zahlen nicht vermitteln können. Darum sind mir Initiativen wie die Seite klimafakten.de so wichtig. Weil hier immer wieder versucht wird, den Klimawandel aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Mitteln zu begreifen.
     
  7. Die Klimadebatte wird teilweise von Begriffen wie Flugscham oder dem Verbot von Strohhalmen geprägt. Ist das der richtige Weg, um über den Klimawandel zu sprechen? 
    Das finde ich jedenfalls nicht. Es ist falsch, über Flugscham zu reden oder darüber, ob es okay ist zur Umweltdemo zu gehen, obwohl ich ein Auto habe. Diese Art von Eigenverantwortung wird unserer Position in einer Demokratie nicht gerecht. Denn durch diese Diskussion werden die Menschen von Bürgern zu Konsumenten gemacht und das untergräbt unser demokratisches Grundverständnis. Es ist die Aufgabe der Politik, diese Probleme zu lösen. 

  8. Aber warum gelingt es der Politik dann nicht, Klimaziele wie das Pariser Abkommen umzusetzen? 
    Wir müssen verstehen, dass solche Prozesse durch die Bürokratie in der Politik unheimlich schwierig sind und ihre Zeit brauchen. Denn Vokabeln wie ‚Einschnitte‘ und ‚Verzicht‘ dürfen nicht benutzt werden, weil sie unpopulär sind. Darum ist es auch so kompliziert, all unser Wissen logisch in Politik zu übertragen. Ohne den nötigen Druck wird sich da nichts ändern.
     
  9. Es dauert also alles länger, als gedacht. Gibt es trotzdem etwas, das Sie glauben lässt: Wir können das Klima retten? 
    Zunächst glaube ich, dass einiges anders kommt, als wir es uns derzeit ausmalen. Denn: Wie sich die Kultur durch das Klima ändert, ist nur bedingt vorstellbar. Doch können wir schon jetzt einen Kulturwandel feststellen. Es stimmt mich optimistisch, dass immer mehr Menschen erkennen, wie nötig der Druck auf die Politik ist. Und dass dieser Druck durch Proteste wie Fridays For Future aufrechterhalten wird. Die Masse an globalen Problemlagen bringt uns schnell in eine Ohnmacht. Und genau darum fangen die Leute jetzt lokal an, sich zu organisieren und merken, dass sich gemeinsam auf einmal etwas bewegen lässt. 


Stephan Phin Spielhoff hat am mit Birgit Schneider gesprochen. Ihr Buch „Klimabilder - Eine Genealogie globaler Bildpolitiken von Klima und Klimawandel“ ist 2018 im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen.  



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