(Bildquelle, ©️ Fabian Stürtz)

Rainer Holl

Wie man mit Texten die Welt verbessert

Rainer Holl ist Autor, Poetry Slammer und Moderator der Weltverbesserer Science Slam Tour 2019. Die Tour zum Motto „Macher & Denker“ bringt gleichermaßen Science Slammer und Social Start-ups auf die Bühne, die mit ihren Projekten und Visionen zum #weltverbessern inspirieren. Ob Rainer eher ein Macher oder Denker ist und wie er versucht, die Welt zu verbessern, erfährst Du hier im Interview. Viel Spaß beim Lesen!

Das Motto der Weltverbesserer Science Slam Tour 2019 lautet „Macher & Denker“. Wie ist es bei Dir, warst Du schon immer eher der Macher oder der Denker?

Darüber muss ich erst mal nachdenken. Ich glaube, ich kann beides. Manchmal zerdenke ich eine Sache so sehr, dass ich gar nicht erst ans Machen komme. Wenn mich aber eine Idee so sehr fasziniert, dass ich direkt damit loslegen will, sie umzusetzen, denke ich manchmal gar nicht weiter darüber nach. Solche spontanen Aktionen sind manchmal sogar die nachhaltigeren. Einfach weil man schnell Ergebnisse hat, auf deren Grundlage man weiterdenken und handeln kann.

Als Autor, Slammer und Moderator hast Du bereits an vielen Events teilgenommen. Hand aufs Herz: Stehst du lieber auf, hinter oder vor der Bühne?

Das ist leicht zu beantworten. Immer auf der Bühne. Ich liebe die Interaktion mit dem Publikum, die Energie, die da freigesetzt wird. Moderieren ist da wieder eine ganz eigene Kategorie. Ich stehe auf der Bühne und führe durch den Abend, ich biete einen Rahmen, baue thematische Brücken, mache Scherze, stelle Fragen, alles, um den eigentlichen Hauptdarsteller*innen den bestmöglichen Auftritt zu ermöglichen. Da denke ich also alle drei Perspektiven mit. Die auf, die neben und die vor der Bühne.

Slam ist nicht gleich Slam. Es gibt Poetry Slams, Bier-Slams, Jazz-Slams, Lesebühnen und natürlich Science Slams – welches ist Dein Lieblingsformat?

Wir feiern dieses Jahr 25-jähriges Jubiläum von Poetry Slam in Deutschland. Das ist insofern ein Grund zu feiern, dass der Slam nicht nur Einzug in die Pop-Kultur, sondern zahlreiche gesellschaftliche Nischen gefunden hat. Die Vielzahl der Formate und Themen-Slams spricht für sich. Der Science Slam hat hier eine Sonderrolle, denn er hat sich früh von der großen Schwester Poetry Slam emanzipiert. Da ich selber auf Poetry-Slam-Bühnen „sozialisiert“ wurde, gehört mein Herz weiter dem „Original“.

Rainer Holl moderiert die Weltverbesserer Science Slam Tour 2019. (Bildquelle, © Tobias Koop)

Weißt Du noch, welches Thema Dein erster Poetry oder Science Slam hatte?

Mein erster Auftritt bei einem Poetry Slam war vor genau 10 Jahren. Damals trug ich ein politisches Gedicht über rechte Tendenzen in der Gesellschaft und das dafür mangelnde Interesse der politischen Mitte vor. Schade, dass dieser Text heute noch genauso aktuell ist wie vor 10 Jahren.

Meinen ersten Science Slam habe ich vor 4 Jahren moderiert. Das war ein großer Slam vor 450 Zuschauer*innen und ohne, dass ich selber zuvor jemals als Zuschauer bei einem Science Slam zugegen war. Meine größte Sorge war, dass ich aus Versehen Poetry Slam statt Science Slam sage.

…und was war das bisher prägendste Slam-Erlebnis für Dich?

Das ist schwierig zu beantworten. Jeder Slam, jedes Line-up, jede Location, alles hat seinen besonderen Reiz. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Science Slam für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in der Volksbühne Berlin. Hier kam alles zusammen, ein tolles Line-up aus Neuro-Wissenschaftler*innen, eine beeindruckende Location und über 600 begeisterungsfähige Zuschauer*innen. Sowas ist auch für mich nicht ganz alltäglich.

Erzähl uns bitte noch ein bisschen mehr von Deinem Werdegang. Wie bist Du Moderator geworden? Und wolltest Du eigentlich mal etwas ganz anderes machen?

Als Künstler, speziell als Slam-Poet, rutscht man ganz gerne mal in so etwas rein. Zuerst war ich nur Slammer, dann Lesebühnen-Autor, irgendwann kamen die Workshops hinzu und schließlich auch Moderationen. Diese sind in den letzten Jahren immer zahlreicher und abwechslungsreicher geworden. Das ist für mich immer wieder eine neue Herausforderung, der ich mich gerne stelle. So lerne ich neue Formate, Menschen und Themengebiete kennen. Auch Science Slam war ja für mich mal Neuland. Ich bin gerne Moderator, es bleibt einfach immer spannend. Was ich eigentlich mal werden wollte, ist schwer zu sagen als Literatur- und Kulturwissenschaftler. Was ich auf jeden Fall noch werden will, ist Romanautor.

Besonders wohl fühlt sich der studierte Literatur- und Kulturwissenschaftler Rainer Holl auf der Bühne. (Bildquelle, © Fabian Stürtz)

Kannst Du uns einen Einblick in Deine Arbeit geben? Wie unterschiedlich ist die Vorbereitung einer Moderation im Vergleich zu einem Slam?

Eine Moderation ist weitaus aufwendiger in der Vorbereitung. Ich versuche, alle Namen der Auftretenden im Vorfeld zu kennen, alle Kooperationspartner*innen. Ich lege mir die ersten zwei Sätze zurecht und danach versuche ich, möglichst locker zu sein, zu improvisieren. Hier spielt natürlich die Erfahrung eine Rolle und die Fähigkeit, ein Publikum zu lesen. Bei einem Slam habe ich ein mehr oder weniger festes Programm, eine Moderation muss viel flexibler sein und dennoch unterhaltend, nicht zu lang und mit einem erkennbaren roten Faden.

Wir sind neugierig: Wie versuchst Du, die Welt ein Stück besser zu machen? Vielleicht als Automatopoet?

Als Automatopoet bezeichne ich mich, wenn ich spontan auf meiner Schreibmaschine Gedichte für Menschen verfasse. Aus Zeitgründen habe ich das leider schon länger nicht mehr gemacht. Aber ich kann sagen, dass Poesie die Welt ein Stückchen besser machen kann. Das ist aber natürlich eine privilegierte Erste-Welt-Bürger-Aussage. Ich versuche vor allem, durch meine Texte die Welt ein Stück besser zu machen.

Wir glauben an die große und positive Wirkung von scheinbar kleinen Beiträgen, die jeder täglich leisten kann. Verrätst Du uns, inwiefern auch Texte der Anfang einer besseren Welt sein können?

In meinen Workshops sage ich den Teilnehmenden immer, dass ein Text allein die Welt nicht verändern kann. Das stimmt nicht ganz. Der Hintergrund ist, dass ich verhindern möchte, dass junge Autor*innen zu viele Themen in einen Text packen, weil es ja auch so viele Themen gibt, über die es sich lohnt, nachzudenken. Ich finde, im besten Fall schafft es ein Text, beim Publikum einen Gedanken, noch besser eine Frage in die Köpfe zu pflanzen. Etwas, das eine Person beschäftigt, was vielleicht auch eine Woche nach dem Slam immer wieder in ihrem Kopf aufploppt. Das ändert die Welt nicht, vor allem nicht von heute auf morgen, aber es ist eben der Anfang eines Prozesses. Und Anfangen ist ja immer das Wichtigste.

Das sehen wir genauso! Hast Du zum Abschluss noch drei Tipps für zukünftige Weltverbesserer?

Egal was ihr vorhabt, egal worüber ihr nachdenkt oder was ihr plant. Das sind die einzigen drei Tipps, die ich euch geben kann. 
Anfangen.
Vernetzen.
Weitermachen.

Wir danken Rainer für das Interview und freuen uns bereits auf die Weltverbesserer Science Slam Tour 2019. Die Slams finden in insgesamt acht Städten statt. Los geht es in Stuttgart, Zwischenstopps gibt es unter anderem in Köln, Mainz und Berlin. Das große Finale findet dieses Jahr erstmalig im Hamburger Millerntorstadion statt. Haben wir Deinen Forscherdrang geweckt? Mehr zur Tour erfährst Du hier.



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