Bridge&Tunnel

(Design-)Brücken bauen für das Gute

Das Fair Fashion Label Bridge&Tunnel gibt Menschen neue Hoffnung

Brücken bauen mal ganz anders: Das Projekt Bridge&Tunnel aus Hamburg gibt benachteiligten Menschen neue Jobchancen. Und alten Stoffen ein neues Leben. Wie das funktioniert? Das Wilhelmsburger Label fertigt aus Ausschussware und Materialresten Design-Unikate, nachhaltig und fair, und arbeitet dabei mit gesellschaftlich benachteiligten Menschen sowie mit Geflüchteten, die erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen sind.

Die Näherinnen und Näher stammen aus insgesamt fünf Ländern und haben verschiedene Handicaps, die es ihnen schwer gemacht haben, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Zum Team gehören eine russischstämmige gehörlose Näherin, ein afghanischer Herrenschneider, zwei Frauen mit indischem bzw. kurdischem Hintergrund, die schon viele Jahre in Deutschland leben, aber durch Kinderbetreuung, fehlende Ausbildung und mittelmäßige Sprachkenntnisse keinen Job finden konnten, und eine Bekleidungstechnikerin mit türkischen Wurzeln, die das Team anleitet.

Und natürlich die beiden Gründerinnen Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz, denen wir 1.000 Fragen hätten stellen wollen.
Lest selbst!

Mitarbeiterinnen von Bridge&Tunnel
Gemeinsam arbeiten, lernen, wachsen: Die Integration in den Arbeitsmarkt ist für die MitarbeiterInnen eine große Chance. (@Bridge&Tunnel, Luzia Pimpinella)

Als Textildesignerin und Kulturwissenschaftlerin hättet Ihr den einfachen Weg gehen können. Große Firmen. Festanstellung. Stattdessen wart Ihr mutig und habt ein eigenes Unternehmen gegründet. Wie kam es dazu?
 
Bridge&Tunnel gibt es seit Sommer 2016. Die Idee zum Label kam im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: 2013 haben wir das Stoffdeck, einen Co-Working Space für Mode- und Textildesigner in Hamburg-Wilhelmsburg, eröffnet. Als wir 2015 von einem deutsch-türkischen Nähclub hörten, der sich mit seinen Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir die Mitglieder kurzerhand eingeladen, ihren Nähtreff im Stoffdeck abzuhalten. Und standen dann fassungslos daneben: Denn viele der Frauen waren wahnsinnig talentiert an der Nähmaschine, steckten aber alle seit vielen Jahren in der Langzeitarbeitslosigkeit fest. Da war uns schlagartig klar: Wir müssen diese beiden Welten vernähen.

Bridge&Tunnel Gründerinnen
Lotte und Conny wollen mit ihrem Label die Welt verändern. Sie geben Menschen eine Jobperspektive und zeigen, dass die Zukunft der Modebranche nachhaltig und fair ist. Der Umwelt zuliebe. (@Bridge&Tunnel)

Welchen Herausforderungen musstet Ihr Euch stellen?
 
Als klar war, dass wir ein eigenes Label auf die Beine stellen möchten, war auch klar, dass wir anders „scouten“ müssen, um die richtigen Leute zu finden. Der Wilhelmsburger Inselrundblick hat dann eine kleine Cover-Geschichte zu unserer Idee gebracht, in der wortwörtlich stand, dass wir Näherinnen und Näher suchen, die gut nähen können, aber keine professionelle Ausbildung vorweisen müssen. Was dann passierte, war verrückt. Wir wurden fast überrannt. Mehr als 60 Leute meldeten sich bei uns, teilweise sind sie mit ihren Großfamilien einfach bei uns vorbeigekommen, um sich den potenziellen Job anzusehen. Wir haben dann ein regelrechtes Casting veranstaltet, unsere Probenähtermine. Dort haben wir natürlich die handwerklichen Fertigkeiten aller Bewerber getestet, aber auch ihre Sprachkenntnisse, wie sie ins Team passen und so weiter. Eigentlich wollten wir nur vier Leute einstellen. Weil dann so viele tolle Perlen dabei waren, haben wir das Team kurzerhand auf sechs erweitert.
 
Vorab hatten wir – wie viele Gründer – natürlich ein riesiges Thema mit unserer Finanzierung. Das hat uns ca. ein dreiviertel Jahr Vorarbeit (und viele Nerven) gekostet, bevor wir einen tollen Privatinvestor und das Industrieunternehmen Aurubis als Gründungssponsor finden konnten. Zuletzt war (und ist) das Konstrukt Social Business natürlich eine echte Herausforderung. Mit Bridge&Tunnel haben wir ein Label gründet, das mehr will, als nur hübsches Design zu gestalten. Gleichzeitig ist uns der Hebel Design superwichtig, er adelt gewissermaßen unser gesellschaftliches Tun und gibt ihm ein Gesicht.

Der Preis ist nicht zu hoch – die anderen produzieren zu günstig

Das bedeutet aber auch, dass wir den gleichen Marktherausforderungen ausgesetzt sind wie klassische, rein wirtschaftlich agierende Labels. So können wir als Fair Fashion Label natürlich nicht mit den Preisen von konventionellen Fast Fashion Labels mithalten, die günstig in Fernost produzieren, während wir faire, tarifliche Löhne in Deutschland zahlen. Deshalb betonen wir gern, dass unsere Produkte keineswegs zu hochpreisig, sondern herkömmliche Produkte einfach zu günstig sind.

Ein Rucksack aus der Bridge&Tunnel denim Kollektion
Das Design des Labels entsteht aus post- und pre-consumer waste. Die Kollektion Denim Love umfasst ausgefallene Fashion Pieces, exklusive Taschen sowie Interior Design Produkte. (@Bridge&Tunnel)

Euer Denim Design entsteht aus post- & pre-consumer waste. Jedes Stück ist ein Unikat. Warum habt Ihr Euch dafür entschieden – und gegen eine „traditionelle“ Produktion mit neuen Materialien?
 
Denim ist ein tolles Material. Wahnsinnig vielfältig und robust, aber leider sehr unnachhaltig in der Herstellung. Denn Baumwolle ist ein echtes Biest – bezogen auf seinen Wasserverbrauch und das Behandeln von Böden mit Pestiziden. Ganz zu schweigen von den oftmals unterirdischen Arbeitsbedingungen für die Baumwollbauern.

Nach einigen Experimenten, bei denen wir im Patchwork-Verfahren die unversehrten Teile von used Jeans weiterverarbeitet hatten, war uns schnell klar, dass sich tatsächlich Kollektionsideen aus abgelegten Jeans oder Produktionsüberschüssen entwickeln lassen. Für uns ein toller und sinnvoller Weg, vermeintlichen Resten ein neues Leben zu verpassen und damit den oftmals viel zu kurzen Lebenszyklus von konventionell hergestellter Baumwolle zu verlängern. Unser Anspruch ist es, dass unsere Produkte das Potenzial zu individuellen Allround-Lieblingsstücken haben. Und jedem einzelnen Piece sieht man unsere Freude an Materialität und Farbe an.

Echtes Handwerk bei Bridge&Tunnel
Handwerkliche Fähigkeiten sowie die Leidenschaft für Stoffe und das Nähen kennen keine Ländergrenzen. Flüchtlinge bekommen daher hier die Chance, ihren gelernten Job wieder auszuüben. (@Bridge&Tunnel, Luzia Pimpinella)

Auf Eurer Webseite steht das schöne Zitat: „Wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.“ Was steckt dahinter?
 
Wir möchten etwas gegen die unzureichende Teilhabe von sozial benachteiligten Menschen am gesellschaftlichen Leben tun. Dazu setzen wir mit Bridge&Tunnel auf die Kraft von Erwerbsarbeit. Denn wie Ihr schon schreibt: Wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Wer arbeitet, fühlt sich gebraucht. Und Arbeit ist der beste Deutschkurs.
In Zeiten von Work-Life-Balance vergessen wir manchmal, was es bedeutet, einen Job zu haben. Aber was passiert, wenn man überhaupt nicht die Chance bekommt, einen Job anzutreten? Die Folgen insbesondere von Langzeitarbeitslosigkeit sind immens: psychologische und gesundheitliche Probleme, Entqualifizierung, Stigmatisierung, familiäre Spannungen und Verarmung gehören dazu – und zwar trotz Grundsicherung. Auch für nahe Angehörige kann das Thema erhebliche Beeinträchtigungen mitbringen.
 
Zu unserem Team gehören deshalb Menschen, die es aufgrund von kulturellen, religiösen und sprachlichen Einschränkungen schwerer haben, sich über Erwerbsarbeit zu integrieren und in vollem Maße am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Gerade Menschen mit einem migrantischen Hintergrund bringen oftmals kreative Fähigkeiten und Fertigkeiten aus ihren Heimatländern mit, die für die textile Produktion wichtig und von großem Nutzen sein können.  Wir merken jeden Tag aufs Neue, was es für unsere Näher und Näherinnen bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Die Wertschätzung, die sie durch ihre Arbeit bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Die Menschen gewinnen an Selbstvertrauen – in sich und in den Arbeitsmarkt – und übertragen dieses Gefühl auch in ihr Familienleben. Das Allerwichtigste: Die Selbstachtung steigt.

Das Team von Bridge&Tunnel
Viele Kulturen, ein gemeinsame Ziel: Das multinationale Team fertig faire Produkte und zeigt gleichzeitig, wie gut Integration und Motivation zusammenpassen. (@Bridge&Tunnel)

Und was macht eure Mitarbeiter so besonders?

Sie alle verbindet, dass sie granatenmäßig nähen können – und das unabhängig von Diplomen oder Zeugnissen!
 

Wie geht Ihr mit den sprachlichen und kulturellen Herausforderungen um? Und wie motiviert Ihr Euch und das Team, zusammenzuarbeiten und zu einer Gemeinschaft zu werden?
 
Unser Arbeitsalltag ist definitiv alles andere als alltäglich. Unser multinationales Produktionsteam verbringt den Großteil seiner Zeit natürlich in der Fertigung, daneben tauschen sie sich aber auch viel aus und üben Deutsch. Das ist Werkstattsprache bei uns. Sei es bei der Besprechung von Produktionsaufträgen oder beim täglichen gemeinsamen Mittagessen. Die verschiedenen Lebenshintergründe empfinden wir dabei als absolut bereichernd. Es passiert auch relativ häufig, dass wir bei privaten Belangen unseres Teams aushelfen, z. B. bei der Suche nach einer neuen Wohnung oder der Übersetzung von Behördenpost, das ist sicherlich eine Besonderheit unserer Arbeit, die unser Miteinander prägt.

 

Materialien bei Bridge&Tunnel
Aus alt mach neu: Für die Zukunft wüschen sich die Gründerinnen mehr Nachhaltigkeit, damit weniger Stoffe weggeschmissen werden müssen. (@Bridge&Tunnel)

Bridge&Tunnel ist ein toller Ansatz, um die Welt jeden Tag ein Stückchen besser zu machen. Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Wir träumen von einem Designlabel, das den Gestaltungsgedanken nicht nur im Produkt, sondern auch in der Arbeits- und Produktionsweise widerspiegelt. Bei dem Ästhetik und Ethik Hand in Hand gehen. Da ist die Fashionbranche leider echt verdorben. Aber auch unser alltägliches Kaufverhalten ist noch viel zu oft von kurzgeleiteten Wünschen und einem Ausblenden von Tatsachen, die ein 10-Euro-Shirt ermöglichen, bestimmt. Wir wünschen uns deshalb eine Welt, in der weniger wieder mehr ist. Eine Welt, in der Menschen und Materialien wieder wertgeschätzt werden. In der jeder Einzelne versteht, warum ein Pulli oder ein Rucksack Zeit und Geld kostet und uns deshalb viel länger als nur eine Saison begleiten sollte.



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