Alter Kaffee, neue Form!

Ein Interview mit dem Kaffeeform Gründer Julian Lechner.

Das Berliner Start-up Kaffeeform hat in gewisser Weise nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber wenn, dann sind es die eigenen – und die bestehen aus Kaffeesatz. Das innovative Verbundmaterial aus Kaffeesatz, Biopolymeren, Stärke, Cellulose, Holz, Naturharzen, Wachsen und Ölen ist nicht nur besonders stabil, es kann sogar regelmäßig im Geschirrspüler gewaschen werden. Wir wollen diese Wunderwaffe kennenlernen, die den Kampf gegen unsere jährlich mehr als 2,8 Milliarden Einwegbecher aufnehmen will. Wer dahintersteckt? Lernt bei uns die Marke Kaffeeform und ihren Gründer Julian kennen.

Als studierter Produktdesigner hättest Du auch in einem Unternehmen arbeiten können, aber Du hast Dich für einen riskanteren Weg entschieden. Was waren die größten Ängste und Bedenken bei dem Gedanken an die Unternehmensgründung?

Wie es für Studenten meist üblich ist, war Kaffee mein ständiger Begleiter. Schon damals fragte ich mich, ob man den angeblichen Abfallstoff Kaffeesatz nicht weiterverwenden könnte. Und schon war die Idee von nachhaltigen Kaffeebechern geboren. Natürlich war der Weg von der Idee bis hin zum fertigen Produkt von Rückschlägen und Zweifeln begleitet. Sei es das Kopfzerbrechen über das Material, die richtige Zusammensetzung oder die Haltbarkeit der Becher – ich hatte schlichtweg Angst, langfristig nicht bestehen und erfolgreich sein zu können. Dazu kommen die finanziellen und organisatorischen Herausforderungen, die jeder Unternehmer kennt. Bei einem Produkt, das es so noch nie gegeben hat, ist dies gleich noch viel ausgeprägter. Umso schöner dann der Moment, als ich die Formel gefunden hatte und die ersten Tassen in der Hand hielt.

Welchen Ratschlag würdest Du Menschen geben, die sich gerade mit dem Gedanken beschäftigen, ein nachhaltiges Unternehmen zu gründen?

Nachhaltigkeit ist aktuell ein Trendthema und viele Marken versuchen auf dieser Welle mitzureiten. Umso wichtiger ist es, bei der Unternehmensgründung auf ein authentisches und gutes Produkt zu setzen. Auch sollte man der Produkt- und Firmenentwicklung die nötige Zeit geben, denn Prozesse brauchen oft einfach Zeit. Dafür benötigt man außerdem sehr viel Puste und Geduld, und man darf den Glauben an das Produkt und die eigene Vision nicht verlieren. Wenn man hinter seinem Produkt steht und auch die Organisation so nachhaltig und sozial wie möglich gestaltet, ist ein langfristiger Erfolg wahrscheinlicher und die Freude am Ende umso größer.

Eure Tassen bestehen aus Kaffeesatz, den Ihr täglich bei Berliner Cafés und Gastronomen einsammelt. War das immer so einfach? Wie haben die Gastronomen anfangs auf die ungewöhnliche Anfrage reagiert? 


Wir sind Kaffeetrinker aus Leidenschaft und sehr gut in der Berliner Kaffeeszene vernetzt. Darum hatten wir gleich zu Beginn eine Vielzahl von Unterstützern, auf die wir zählen konnten und mit denen wir noch heute eng zusammenarbeiten. Vielen Cafés ist es ein Anliegen, Abfall zu vermeiden, und so wird der zirkuläre Gedanke gerne gefördert. Tatsächlich kommen mittlerweile auch immer mehr Unternehmen auf uns zu, um mit uns zusammenzuarbeiten.

Die Idee für nachhaltige Kaffeetassen aus Kaffeesatz hatte Julian Lechner bereits in seinem Studium zum Produktdesigner. (Bildquelle: Kaffeeform)

Es ist sehr schön zu sehen, dass Ihr eine feste Zusammenarbeit mit einer sozialen Werkstatt praktiziert. Wie kam es dazu und aus welchen Gründen habt Ihr Euch bewusst dafür entschieden, Menschen mit Behinderung in den Produktionsprozess zu integrieren?

Kaffeeform ist ein soziales Unternehmen. Unsere Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, gehören zur sogenannten Third-Wave-Coffee-Bewegung. Das heißt, dass wir Kaffee nicht mehr als bloße Ware betrachten, sondern als ein Genussmittel, das der Konsument wertschätzen sollte. Wir achten darauf, dass die Zusammenarbeit mit allen Partnern fair und sozial ist. Letztendlich sind wir auch sehr dankbar für unseren Erfolg und möchten davon etwas zurückgeben. Aus diesem Gedanken heraus entstand die Partnerschaft mit den Mosaik-Werkstätten für Behinderte, die nun seit vielen Jahren besteht. Daraus ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten und Aufgaben – auf beiden Seiten.

Ihr zeigt jeden Tag, wie wichtig der effiziente Umgang mit Rohstoffen ist und dass selbst bei Tassen wertvolle Ressourcen geschont werden können. Welche drei Tipps hast Du für unsere Weltverbesserer-Community, um nachhaltiger zu konsumieren?

Oft sind es schon die kleinen Aktionen und Dinge im Alltag, die ein Anfang sind und in der Gesamtheit Großes bewirken können. So sollte jeder seinen eigenen Alltag und die Routinen kritisch hinterfragen und überlegen, was man verbessern könnte. Zum Beispiel:

  1. In der Dusche das Wasser nicht stundenlang laufen lassen, nur weil wir es können. Wir sollten anfangen, Trinkwasser nicht als Selbstverständlichkeit zu sehen.
  2. Statt Auto zu fahren auch mal zu Fuß gehen oder das Rad und öffentliche Verkehrsmittel nutzen. 
  3. Informiert euch über Ökostrom, um Ressourcen zu schonen, und kauft lokal sowie saisonal ein. Es gibt so viele Dinge, um die Welt ein kleines Stück zu verbessern. 

Es ist außerdem wichtig, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und mit Freunden und Familie über Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen zu sprechen, um das eigene Umfeld zu sensibilisieren. Vielleicht kann man auch herumliegenden Müll am Strand oder auf der Straße aufheben, auch wenn es nicht der eigene ist. Und natürlich Einwegprodukte vermeiden und den täglichen Kaffee aus einem Mehrwegbecher statt einem Pappbecher genießen.

Auf Eurer Website steht, dass wir in Zukunft viele spannende Produkte und Projekte von Kaffeeform erwarten dürfen. Wir sind neugierig – wo soll die Reise von Kaffeeform hingehen?

Langfristig ist es unser Ziel, erdölbasiertes Plastik durch unser innovatives Material Kaffeeform zu ersetzen. Der Fantasie sind hier, auch aufgrund der tollen Materialeigenschaften, fast keine Grenzen gesetzt. Jedoch ein Schritt nach dem anderen. Aktuell testen wir verschiedene Einsatzmöglichkeiten unseres Materials im Design- und Modebereich. Mehr können wir momentan noch nicht verraten, es bleibt aber superspannend!

Auf den Geschmack gekommen? Erfahrt bei Kaffeeform mehr über den nachhaltigen Umgang mit dem vermeintlichen Abfallprodukt und lasst Euch für Eure nächste Tasse Kaffee inspirieren.



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