weltverbesserer Wissen 7 Dinge, die Du über Political Correctness wissen musst

7 Dinge, die Du über Political Correctness wissen musst

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„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“ Ist wahrscheinlich einer der häufigsten Sätze, wenn es um bzw. gegen Political Correctness geht. Ein Satz, der die gesamte Diskussion um Political Correctness in sich trägt. Denn sein Subtext lautet in etwa: „Jetzt übertreibt mal nicht ihr elitären Gutmenschen, von euch lasse ich mir schon mal gar nichts sagen.“

Auf den ersten Blick geht es also um das Sagbare und um die Frage, wer das eigentlich definiert. Und das klingt schon mal nach Bevormundung oder noch böser: nach Zensur und somit überhaupt nicht nach einer offenen Gesellschaft. Warum wird dann Political Correctness oft von jenen gepflegt und gefordert, die gleichzeitig für eine offene Gesellschaft einstehen?

Weil Political Correctness genau das verhindern will, was einer offenen Gesellschaft massiv schadet: Also Sexismus, Rassismus, Homophobie und vieles mehr.

1. Political Correctness – positiver Ansatz gegen Diskriminierung

Die Idee ist eigentlich ganz einfach: Es geht darum, dass Ausdrucksweisen und Handlungen abgelehnt werden, durch die andere Menschen gekränkt oder beleidigt werden können. Also zum Beispiel aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts oder der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht. Aber natürlich auch in Bezug auf körperliche oder geistige Behinderungen, auf sexuelle Neigungen oder religiöse Ausrichtung. Also eigentlich ein Ansatz, der viel mit Respekt und Empathie zu tun hat.

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2. Manche sehen Political Correctness als Freiheitsbeschränkung

Das Prinzip hat auch Gegner und Gegnerinnen. Sie bemängeln gerne, dass durch eine gesellschaftlich verordnete Rücksichtnahme ihr Recht auf freie Meinungsäußerung beschnitten würde. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, ist dabei ein Satz, den man in privaten Diskussionen, aber auch in politischen Auseinandersetzungen immer wieder hören kann. Er unterstellt, dass es sich um ein Verbot handelt, mit dem eine gesellschaftliche Mehrheit andere Einstellungen unterdrückt. Und er impliziert, dass politisch unkorrektes Handeln irgendwie etwas mit zivilem Ungehorsam zu tun hat, also eine Art Bürgerpflicht sein könnte.

Ziviler Ungehorsam kommt meist dann zum Einsatz, wenn mehr Aufmerksamkeit für eine bestimmte Sache erreicht werden und mehr Druck auf die Entscheider ausgeübt werden soll. Ob Aktivisten ein Kohlekraftwerk blockieren, sich an Tore vor Atomkraftwerke ketten oder Klimaaktivisten mit Ansage Verkehrsknotenpunkte der Londoner Innenstadt im Sitzstreik blockieren, all diese Aktionen dienen dazu, den Blick von Politik und Öffentlichkeit auf die Themen der Aktivisten und die Dringlichkeit der Situation zu lenken.

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Ziviler Ungehorsam als Druckmittel

Auch die Schüler in der Bewegung FridaysForFuture erzielte mit dem zivilen Ungehorsam das sie freitags der Schule fern blieben Aufmerksamkeit und zwangen die Politik und die Öffentlichkeit quasi dazu, sich mit dem Thema zu befassen. Würden die Demonstranten stattdessen an einem Samstagvormittag durch die Stadt ziehen, wäre es eine „normale“ Demonstration und würde mit deutliche weniger Aufmerksamkeit von Seiten der Politik und der Öffentlichkeit enden.

Politisch korrektes Handeln wiederum beinhaltet in der ursprünglichen Bedeutung die Idee, dass die Gesellschaft Wörter, Titulierungen und Handlungen vermeiden sollte, die eine bestimmte Gruppe kränken oder beleidigen könnte (etwa bezogen auf Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht). Ein politisch nicht korrektes Handeln diskriminiert demnach Menschen durch vermeintliche Aussagen oder Handlungen wie sexistische Stammtischwitze, Aussagen Frauen verstünden von Autos weniger als Männer oder eine nicht politisch korrekte Benennung von Geschlechtern. Manche Dinge sagt man einfach nicht, auch dann nicht, wenn es bloß ein Witz sein soll und es eigentlich gar nicht so gemeint ist.

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3. Political Correctness: kein Gesetz, sondern eine gesellschaftliche Vereinbarung

Tatsächlich ist politisch korrektes Verhalten ein permanent auszuhandelnder Vertrag innerhalb unserer Gesellschaft. Es geht dabei um ethische Normen, deren Akzeptanz unser Handeln beeinflusst – aber mit sanktionierten Verboten hat das nur wenig zu tun. Zwar finden sich naturgemäß manche solcher gesellschaftlich mehrheitsfähigen Perspektiven nach und nach auch in gesetzlichen Vorgaben wieder, etwa in Bezug auf die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern. Aber im Prinzip spiegelt Political Correctness lediglich das dominierende Menschenbild unserer Gesellschaft wider. Wenn sie sich gegen Diskriminierung wendet, ist das ja erst einmal so, wie eine Demokratie sein sollte.

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4. Die Diskussion ist ein politischer Machtkampf

Am Ende geht es im Prinzip um die Frage, ob sich die mehrheitlich akzeptierten ethischen Normen auch mit den eigenen Einstellungen decken. Dass dies meist sehr viel mit der politischen Ausrichtung zu tun hat, zeigt die Geschichte der Debatte um Political Correctness. Nachdem der Begriff in den 1980er-Jahren im Protest linker Studierender gegen die verkrusteten Strukturen in der Wissenschaft die Runde gemacht hatte, machten Konservative in den 1990er-Jahren aus ihm einen politischen Kampfbegriff, indem sie ihn zur Bedrohung der Meinungsfreiheit stilisierten.

Wer genau hinsieht, wird in Diskussionen über politische Korrektheit eigentlich immer politische Grundeinstellungen hinter den Pro- und Contra-Positionen entdecken. Denn es geht im Kern um die Frage, welche politische Perspektive die gesellschaftlichen Normen definiert.

Das ist auch ein Grund dafür, dass gerade der rechte Rand sehr intensiv auf diesem Thema herumreitet, um den eher liberalen Gesellschaftskonsens zu diskreditieren. Bezeichnenderweise nutzt eines der bekanntesten rechten Blogs sogar explizit den abgeleiteten Begriff der „politischen Unkorrektheit“ als Teil seines Namens.

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5. Political Correctness ist leider nicht elegant

Klar, früher war alles etwas einfacher. Da gab es in der deutschen Sprache vor allem männliche Formen – zumindest dann, wenn es darum ging, Männer und Frauen in einem Begriff zu subsumieren. Also „Professoren“ zum Beispiel, „Arbeitnehmer“, „Leser“ oder „Politiker“. Frauen, so die Argumentation, waren immer mitgemeint. Dann kam das Gendern, also die Beugung dieser Begriffe in eine kombinierte Form aus männlich und weiblich. Doch seit etwa „Politiker“ nun immer öfter „Politiker*innen“ sind, tobt die beinahe religiöse Diskussion um die aus traditioneller Sicht ungewohnten und ungelenken Wortbildungen.

Doch eine diskriminierungsfreie Gesellschaft fängt bei der Sprache an (wie dieser Beitrag des Mitteldeutschen Rundfunks sehr gut beleuchtet). Und Sprache ist lebendig, sie kann verändert werden, sie verändert sich seit es sie gibt im Spiegel des gesellschaftlichen Wandels – und prägt diesen mit.

Und genauso wie heute niemand mehr für Schaumküsse (oder Schokoküsse) den noch vor ein paar Jahrzehnten wie selbstverständlich genutzten Namen mit dem N-Wort verwendet, werden sich vielleicht in ein paar Jahren auch auf Antidiskriminierung ausgerichtete Begriffe wie PoC (People of Color) oder LGBTQ (Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen), die sich heute noch etwas sperrig anfühlen, wie selbstverständlich in unseren Sprachgebrauch eingefügt haben.

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6. Und ja, manchmal ist das alles etwas schwierig

Was politisch korrekt ist, muss ständig neu ausgehandelt werden. Und es kann sich dabei verändern. Aber was machen wir mit den Hinterlassenschaften vergangener Werte-Generationen, wenn sie sich nicht mehr mit unserem gesellschaftlichen Bild decken?  Straßennamen sind ein plakatives Beispiel dafür. Sollte zum Beispiel eine U-Bahnstation wie die Berliner „Mohrenstraße“ umbenannt werden, wie es im Zuge der aktuellen Rassismus-Debatte gefordert wurde? Wo fängt man an, wo hört man auf? Und natürlich kann man die Sache auch übertreiben.

Nun, um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Die Diskussion um die Mohrenstraße ist nicht neu. Die Forderung nach ihrer Umbenennung besteht seit vielen Jahren, die beharrenden Argumente dagegen ebenso. Aber zumindest in Bezug auf die U-Bahnstation haben die Berliner Verkehrsbetriebe die Zeichen der Zeit erkannt und einen Umbenennungsprozess gestartet.

Am Ende ist es eben wieder eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses. Denn möglich ist im Prinzip alles. Es muss nur von der Mehrheit erwünscht sein.

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7. Politisch korrektes Handeln mitdenken verändert viel

Immer politisch korrekt sein? Klingt so ein wenig nach Strebertum, ist ganz schön anstrengend und auf jeden Fall nicht der leichtere Weg. Aber dann sind da die Möglichkeiten, die sich uns dadurch bieten: Wir können unsere Gesellschaft mitgestalten, wenn wir auch im konkreten Alltag in unserer Sprache und unserem Handeln für die Werte eintreten, die uns antreiben.

Und vielleicht geht es gar nicht darum, ständig 100 Prozent zu bringen, wer kann das schon. Aber sich zu überlegen, ob wir mit unseren Aussagen vielleicht jemanden diskriminieren, selbst wenn wir das gar nicht so meinen, bringt uns alle ein Stück weiter. Beim nächsten Mal machen wir es dann vermutlich schon etwas besser.

Ob das dann „politisch korrekt“ ist oder eben nur empathisches Verhalten – das ist letztlich egal. Hauptsache, wir behandeln andere Menschen so, wie wir selbst behandelt werden wollen.