weltverbesserer Leben 4 Tage Woche? Oder wie lange wollen wir arbeiten?

4 Tage Woche? Oder wie lange wollen wir arbeiten?

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Unsere heutigen Arbeitszeiten stammen aus der Zeit, in der die ersten Autos gebaut wurden. In drei Schichten setzten die Arbeiter rund um die Uhr Autoteile zusammen. Damit der Prozess reibungslos ablief, wurde die 40-Stunden-Woche erfunden. Auch wenn viele von uns heute keine Autos zusammenbauen, arbeiten wir dennoch meist zwischen den Leitplanken dieses starren Modells. Doch es kommen immer mehr Gegenvorschläge auf, die uns mehr Zeit zum Leben ermöglichen möchten. Was für Möglichkeiten es neben der 4 Tage Woche gibt, verraten wir euch.

Wissenschaftler:innen erforschen schon seit Jahrzehnten, wie sich unsere Art zu Arbeiten auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden auswirkt. Dabei stellen sie fest, dass nicht nur die Dauer der täglichen Arbeit, sondern auch die wöchentliche Arbeitszeit relevant ist. Denn natürlich kann man mal eine Nachtschicht einlegen, um ein dringendes Projekt fertig zu bekommen. Doch wenn die Nachtschicht nicht ausgeglichen wird, sprengt das nicht nur die tägliche, sondern gleich auch die wöchentliche Grenze.

Die grundlegende Erkenntnis dabei ist: Je länger wir am Stück arbeiten, desto anstrengender und erschöpfter kann das sein. Dabei unterscheiden die Forschenden aber auch zwischen verschiedenen Arten der Tätigkeit. So sei jemand, der 9 Stunden lang hochzentriert Excel-Tabellen füllt oder Texte schreibt, abends ausgelaugter als jemand der an einem ruhigen Tag Bereitschaft hat. Klar ist: Arbeit ist nicht gleich Arbeit und Stress ist nicht gleich Stress.

Weltuhren als Symbol für viel Arbeit weltweit
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Wochenarbeitszeit sinkt auf 4 Tage Woche?

In den letzten zehn Jahren ist die Wochenarbeitszeit stetig um ein paar Minuten gesunken: 2009 arbeitete der durchschnittliche Mann in Deutschland 40,1 Stunden, heute sind es im Schnitt noch 38,7. Bei Frauen liegen die Arbeitszeiten dagegen konstant bei 30,5 Stunden pro Woche. Ginge es nach der Meinung mancher Forscher, würde die Arbeitswoche weiter zusammenschmelzen.

Studien zeigen, dass zwischen 8 und 17 Uhr, also in der Zeit, in der die meisten Menschen in Mitteleuropa arbeiten, die Leistung keineswegs konstant ist. Häufig ist es sogar so: Bis zu einem gewissen Punkt steigt die Produktivität mit der Zahl der gearbeiteten Stunden – danach sitzen wir nur noch vor dem Bildschirm und driften gedanklich in die Ferne. Forscher empfehlen daher, die Arbeitszeit zugunsten der Produktivität zu reduzieren.

Spätestens nach acht Stunden nimmt unsere Produktivität deutlich ab. Wir werden müde und die Konzentration verabschiedet sich in den Feierabend. Wenn wir dennoch auf der Arbeit bleiben, steigt die Gefahr für Unfälle und Fehler. Gerade mit dieser Information im Hinterkopf erscheint es fraglich, ob Agenturen, Start-ups und kleine Unternehmen einen besonders nachhaltigen Weg einschlagen, wenn sie ihre Mitarbeiter zu möglichst vielen Arbeitsstunden motivieren möchten.

Frau liegt aus Erschöpfung mit dem Kopf auf dem Laptop
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Die Folgen von Überarbeitung

Für die aktuelle Studie „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wurden rund 5.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus verschiedenen Branchen und Altersgruppen befragt. Das Ergebnis, über 40 Prozent der Beschäftigten sind nach der Arbeit „sehr häufig“ oder „oft“ zu erschöpft, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern. 

Wer zu erschöpft ist, um sein Privatleben zu bestreiten, der wird auf Dauer krank. Stress, Depressionen und Co. können die Folge sein und bedeuten Kosten in Millionenhöhe für das Gesundheitssystem. Stress kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht und Diabetes führen. Aber vor allem reduziert er unsere Lebensqualität. Deshalb sind neue Arbeitszeitmodelle auch eine Form der Gesundheitsprävention.

Wer regelmäßig das Wochen-Maximum von 40 Stunden überschreitet, klagt häufiger über Beschwerden im Bewegungsapparat, über Kopfschmerzen oder Verdauungsprobleme und schläft schlechter.

Teilzeit wird immer mehr

Offenbar scheinen mehr und mehr Beschäftigte diesen Erkenntnissen Rechnung tragen zu wollen. Und so ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in den vergangenen 20 Jahren von rund 25,9 auf 24 Millionen gesunken.

Auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erkennt den Trend und stellt auf seiner Website verschiedene Teilzeitmodelle vor: etwa „Teilzeit Classic“, bei dem die übliche 5-Tage-Woche erhalten bleibt und die tägliche Arbeitszeit reduziert wird. Oder „Teilzeit Vario“, bei der die Wochenarbeitszeit auf zwei oder drei Tage aufgeteilt wird. Und dann gibt es noch das Modell „Teilzeit Invest“, bei dem die Arbeitenden zwar vorerst Vollzeit arbeiten und nur einen Teilzeitlohn mit nach Hause nehmen. Im Gegenzug können sie dafür aber Monate oder Jahre bezahlt freinehmen, während ihre Stelle freigehalten wird. Immer mehr Unternehmen bieten diese Methode, um ein Sabbatjahr oder eine längere Auszeit zu machen, aktiv an. Sie versuchen so, gute Mitarbeitende auch auf Dauer an sich zu binden.

Der Wunsch nach Weniger

Ein Blick auf die Statistiken verrät, dass sich über zwei Millionen Menschen in Deutschland sogar mehr Arbeit wünschen. Sie wollen ihre durchschnittlichen 29 Arbeitsstunden pro Woche auf die klassische 40-Stunden-Woche aufstocken. Damit wollen fast 10 Prozent der Teilzeitbeschäftigten gerne mehr arbeiten. Und dann gibt es da noch die 1,4 Millionen Deutschen, die von ihren durchschnittlichen 41,6 Stunden auf eine 30-Stunden-Woche reduzieren möchten.

Dabei zeigen sich zwei Dinge:

  1. Teilzeit liegt im Trend und
  2. Teilzeit ist und bliebt Frauensache.

Zwischen 1985 und 2018 ist die Zahl der teilzeitbeschäftigten Männer von 1,4 auf 11,2 Prozent und der Frauen von 28,9 auf 47,9 Prozent gestiegen. Damit ist fast die Hälfte aller berufstätigen Frauen in Teilzeit angestellt. Als Grund dafür gaben 45,8 Prozent der Frauen familiäre Verpflichtungen, wie das Pflegen eines Angehörigen oder die Betreuung von Kindern an. Unter den teilzeittätigen Männern sagten das nur etwas mehr als zehn Prozent von sich.  

Das macht deutlich, dass gerade für Frauen die Teilzeitstelle eher ein Weg ist, zwei große Verpflichtungen, also Beruf und Care-Arbeit, unter einen Hut zu bekommen. Soziolog:innen nennen die meist kostenlose Care-Arbeit deshalb auch The Second Shift, die zweite Schicht. Denn wenn diese Frauen mit ihrer Erwerbsarbeit für den Tag durch sind, fängt ihr zweiter unbezahlter Job zuhause gerade erst an. Doch auch dabei ist klar: Neben einer Vollzeitstelle wäre diese wichtige Arbeit noch herausfordernder. Deshalb ist die Entscheidung für eine Teilzeitstelle in jeder Konstellation meist auch eine für eine gesündere Work-Life-Balance. Wie können alternative Modelle also aussehen?

Sonnenaufgang in Schweden als Vorreiterland für die 4 Tage Woche
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Ideen mit der Realität abgleichen

Wie so oft hat Schweden es ausprobiert. In einem Krankenhaus in Göteburg durfte das Personal seine Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden und damit auf sechs Stunden pro Tag reduzieren. Zugleich bekamen sie weiterhin ihr volles Gehalt. Die Folgen waren gemischt: Auf der einen Seite waren die Beschäftigten seltener krank, weniger gestresst und insgesamt zufriedener. Auf der anderen Seite wurde das Experiment schlicht zu teuer. Denn die Beschäftigten voll zu bezahlen, während sie zehn bis 15 Stunden weniger arbeiteten, war nur ein Kostenfaktor. Schließlich mussten weitere Menschen eingestellt werden, um die Stationen rund um die Uhr zu besetzen.

Die Gesundheitsbranche erwies sich in diesem Experiment noch nicht als richtiges Testgelände für die reduzierte Arbeitszeit. 

Das lange Wochenende wird zum Standard

Doch in anderen Branchen funktioniert die Arbeitszeitreduktion bereits recht gut. Der Software-Hersteller Microsoft erwies sich schon in vielen Bereichen als Vorreiter. Seit 2019 geht der Software-Konzern auch in Sachen Arbeitszeit neue Wege: Die 2300 Mitarbeiter in Japan dürfen seit 2019 selbst entscheiden, ob sie vier statt fünf Tage arbeiten – bei vollem Lohnausgleich. Zudem bekommt auch einer der größten Zeitfresser des Arbeitsalltag einen Maulkorb: Besprechung müssen auf maximal 30 Minuten mit höchsten fünf Teilnehmern begrenzen.

Es starte als Experiment, aber das Ergebnis begeisterte: Die Mitarbeiter hätten während der Vier-Tage-Woche produktiver gearbeitet. Die Verkäufe der einzelnen Mitarbeiter seien um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Die Produktivität stieg, während der Strom- und Papierverbrauch deutlichen sank. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter stieg dagegen: 92 Prozent der Mitarbeiter sagten, dass ihnen die Vier-Tage-Woche gefalle.

Tickender Wecker als Zeichen für Stress in der Arbeit
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Kürzere Tage für alle

Ähnliche Ansätze finden sich auch hierzulande. Seit 2017 arbeiten Angestellte von Lasse Rheingans fünf Stunden am Tag – bei vollem Gehalt. Er sagt, mehr Chefs sollten seinem Beispiel folgen. Darüber hat Rheingans 2020 sogar ein Buch veröffentlicht. Darin erklärt er unter anderem, wie und warum er die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter von 40 auf 25 Stunden pro Woche reduzierte – bei weiterhin vollem Gehalt. Seine 15 Mitarbeiter freuen sich – und sind produktiv wie nie. Denn den frühen Feierabend verdienen sie sich durch enorme Effizienz: Meetings sind gestrafft, keine unnötigen Kaffee- oder Playlist-Wechsel-Pausen. In den 6 Stunden wird wirklich gearbeitet. Und um 13 Uhr gehen alle nach Hause.

Und in Unternehmen, die dieses Prinzip noch nicht für alle Mitarbeitenden eingeführt haben? Da kommt ein neuer Trend auf: Jobsharing. Dabei teilen sich zwei oder manchmal sogar mehrere Menschen eine Vollzeitstelle. Zugegeben: Viele Unternehmen kennen dieses Modell noch nicht und sind von entsprechenden Bewerbungen im Doppelpack eher irritiert. Doch auch für die Unternehmen liegen die Vorteile auf der Hand: Zwar ist etwas mehr Abstimmungsaufwand gefordert zwischen den beiden Jobsahrern. Doch falls einer der beiden mal krank oder im Urlaub ist, ist die Stelle nie komplett unbesetzt.

Bezahlung nach Output

Viele New-Work-Anhänger empfinden das Prinzip als antiquiert, dass viele Menschen immer noch ihre Lebenszeit und nicht ihre Arbeit verkaufen. Wer im Support auf Anrufer wartet oder im Krankenhaus für das Wohl anderer Menschen sorgt, ist mit einem Schichtplan gut beraten. Doch in vielen anderen Branchen füllt sich der Arbeitstag schnell mit vielen Aufgaben, Besprechungen und kleinen Ablenkungen, die uns dabei helfen, auf unsere Stunden zu kommen. Selbstständige verkaufen dagegen oft eine bestimmte Leistung oder ein Produkt. Wie lange sie dafür brauchen und ob sie ihre Aufgaben zwischen 9 und 17 Uhr oder mitten in der Nacht nach einem Tag im Freibad erledigen, ist dabei irrelevant. 

Wer weniger arbeitet, hat zwar mehr Zeit für Hobbys, Sport und Familie – aber meist auch weniger Geld. Bei einem recht niedrigen Gehalt, verändert sich das Netto-Gehalt durch die unterschiedliche Besteuerung allerdings meist gar nicht so stark, wie du denken könntest. In manchen Berufen kann es also durchaus sinnvoll sein, das einmal durchzurechnen. So oder so: Wenn du deiner Work-Life-Balance einen Gefallen tun möchtest, darfst du die 40-Stunden-Woche für dich gerne hinterfragen.

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